05.03.13

Streng geheim!

Geheimdienste spielen in militärischen Belangen seit Jahrhunderten eine entscheidende Rolle. Zur Perfektion getrieben haben die Kunst der Spionage und unerkannten Informationsbeschaffung in den vergangenen Jahren die USA, die sich ihren Geheimdienstapparat mittlerweile mehr als 150 Mrd. Dollar kosten lassen – pro Jahr wohlgemerkt.

Der englische Philosoph Francis Bacon prägte schon im frühen 17. Jahrhundert den bemerkenswerten Satz: „Wissen ist Macht.“ Im Geheimdienstmilieu der USA des mittleren 20. Jahrhunderts mutierte das zu: „The Need to Know“, also die Notwendigkeit zu wissen. Davor wie danach kreiste die Spionage – als eines der ältesten Gewerbe der Menschheit – immer um die Beschaffung, Auswertung und Anwendung von Informationen, meist geheimen, um eigene Interessen vor allem gegenüber realen oder auch nur vermeintlichen Feinden wahrzunehmen. Bisweilen auch gegenüber Alliierten oder Freunden. Daher überrascht es nicht, dass es schon in vormoderner Zeit in erster Linie um staats- oder regierungsbezogenes Wissen ging, das in Abwehr, Vorbereitung und natürlich erst recht in der Austragung von Kriegen und Konflikten, also in militärischen Belangen, besonders wichtig war und bis heute immer noch geblieben ist. Bis tief ins 19. Jahrhundert erfolgte die Schaffung dessen, was wir heute geheimdienstliches Wissen nennen, in der Regel durch Einzelpersonen, überschaubare Zellen von nachrichtendienstlichen Kollaborateuren oder auch mehr oder weniger umfangreichen Netzwerken von Spionen. In dieser vormodernen Ausprägung war geheimdienstliche Tätigkeit eher der zentralen Politik und Verwaltung eines Staates, des Militärs, der Diplomatie und diversen Kontroll- und Zensurbehörden zugedacht. Sie war daher schon beides: sowohl auf innere Sicherheit als auch auf außengerichtete Interessen und Gefahren eingestellt. Bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts fehlte es jedoch allenthalben an ausgeprägter Organisationsform und Kontinuität dieser geheimen Tätigkeiten; sie waren über Jahrhunderte im Wesentlichen von Ad-hoc-Qualität, entstanden nicht selten spontan und waren oft nur auf relativ kurze Dauer angelegt.

Dies zeigt sich besonders gut am Beispiel der USA, wo schon im Unabhängigkeitskrieg, jedoch erst so recht im Bürgerkrieg der Jahre 1861–1965 von einer einigermaßen konsistenten militärischen Auskundschaftung des jeweiligen Gegners gesprochen werden kann. Mit Ende dieses kompromisslosen Konflikts wurden diese informationsbeschaffenden Einheiten der Armee allerdings fast allesamt wieder aufgelöst. Erst mit der Begründung des Office of Naval Intelligence (ONI) im Jahre 1882 wurde ein bis heute bestehendes geheimdienstliches Instrument der US-Marine begründet, das ganz wesentlich zu Ausbau und Erfolg der US-Flottenmacht seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und bis zur gegenwärtigen, geradezu uneingeschränkten Dominanz der Amerikaner auf den Weltmeeren beigetragen hat und in Koordination mit neuesten Waffen- und Satellitentechnologien dies auf absehbare Zeit weiterhin tun wird.

Bildschirmfoto 2013-03-05 um 17.16.12Im Jahre 1885 zog die im damaligen internationalen Vergleich ziemlich unbedeutende US-Armee nach und schuf ihre Division of Military Information, bald in Military Information Division (MID) umbenannt. Ab 1889 entsandte die US-Regierung ihre ersten Militärattachés in die Machtzentren Europas, später auch nach Mexiko und Japan. Als 1903 auch in der amerikanischen Armee ein Generalstab eingeführt wurde, fielen alle geheimdienstlichen Agenden im Hauptquartier an die Second Division, General Staff, kurz G-2 genannt. Erst mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg im Jahre 1917 wurden auf Drängen Ralph van Demans, des Vaters des US-Militärgeheimdienstes, intelligence units erstmals generell auch im Feld eingesetzt. Bis Ende des Krieges waren jedoch nicht mehr als insgesamt 1.200 Mann für diesen Spezialbereich abgestellt und die Bedeutung der Einheiten blieb von recht geringem Wert. Daran sollte sich auch in der Zwischenkriegszeit wenig ändern. In militärtechnologischer Hinsicht fiel Amerika gegenüber den anderen Großmächten deutlich zurück; erst wenige Monate vor Pearl Harbor ließ Präsident Franklin D. Roosevelt einen nach außen gerichteten, vom Ansatz her zivilen Geheimdienst schaffen, den weithin unbekannten Coordinator of Information (COI), aus dem nach dem Kriegseintritt der USA im Juni 1942 das Office of Strategic Services (OSS) hervorging, das wiederum der eigentliche Vorläufer der 1947 begründeten Central Intelligence Agency (CIA) werden sollte.

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Geheim, geheimer, CIA. Im CIA-Hauptquartier in Langley (Virginia) laufen die Fäden des Auslandsgeheimdienstes zusammen. Zu seinen Aufgaben gehören Spionage und Informationsbeschaffung sowie die Analyse selbiger, aber auch Geheimoperationen im Ausland.

Die geheimdienstliche Katastrophe des Angriffs Japans auf Pearl Harbor führte natürlich zu einem beschleunigten Ausbau aller militärgeheimdienstlichen Einrichtungen, deren kriegsmitentscheidender Erfolg letztlich eng mit den Codenamen ULTRA (Entschlüsselung der deutschen Enigma-Maschine) und MAGIC (Entschlüsselung der japanischen Funkaufklärung) verbunden ist. Durch die enge geheimdienstliche Kooperation zwischen Washington und London konnten derart ohne Zweifel wichtige taktische und vor allem auch strategische Vorteile gegenüber den Achsenmächten erreicht werden. Noch im Herbst 1945 ließ der neue US-Präsident Harry Truman OSS auflösen, und es fiel den als G-2 und Counter Intelligence Corps (CIC) organisierten Armeegeheimdiensten in den besetzten Gebieten (darunter auch Österreich) nicht leicht, sich auf die – als neuer Hauptgegner definierte – Sowjetunion einzustellen. In dieser als Kalter Krieg bekannten neuen Weltordnung erfolgte die Neuorganisation des amerikanischen Sicherheitswesens in erster Linie durch den National Security Act von 1947 (Vereinheitlichung der Waffengattungen im neu geschaffenen Pentagon, Etablierung des Nationalen Sicherheitsrates im Weißen Haus, Gründung der CIA), der die Grundlagen schuf, sich der neuen Herausforderung durch den kommunistischen Ostblock unter Führung Moskaus zu stellen.

Unter strenger Geheimhaltung wurde 1952 die National Security Agency (NSA) in Fort Meade an der Peripherie Washingtons geschaffen, die zum neuen Zentrum einer globalen Funk-, Telefon- und später Internet-Abhorchung wurde und heute bis zu 70 Prozent der Kapazität der amerikanischen intelligence community darstellt. Der dem Pentagon direkt unterstellte militärgeheimdienstliche Bereich wurde in der sogenannten Defence Intelligence Agency (DIA) zusammengefasst, die zugleich dem Verteidigungsminister und dem Generalstab unterstellt ist. Daneben existier(t)en die spezifischen Dienste der drei Waffengattungen (ONI, G-2 und ISR) weiter. Erst im Gefolge der terroristischen Anschläge des 11. September 2001 kam es 2004 zur Schaffung des Postens eines Direc­tor of National Intelligence (DNI), eines übermächtigen Geheimdienstkoordinators, dem alle nachrichtendienstlichen Einrichtungen der USA – insgesamt heute wahrscheinlich 17 an der Zahl – mit einem Personalstand von wohl weit mehr als 150.000 Personen und einem Budget von vermutlich über 150 Mrd. Dollar jährlich direkt unterstehen. Die klassischen Zuständigkeiten und Funktionen von (militärischen) Geheimdiensten sind gleich geblieben: Informationsbeschaffung und -verwertung nach außen; verdeckte Vorteilsgewinnung und Überwachung, auch nach außen; und Abwehr von Gefahren nach innen. In Österreich heißen diese Dienste daher Heeresnachrichtenamt und Abwehramt. Das nicht-militärische Pendant nennt sich seit 2002 Bundesamt für Verfassungsschutz und Terro­rismusbekämpfung, früher Staats­polizei. Nicht unerwähnt bleiben dürfen scheinbar unzählige Pannen und Fehlschläge auch militärischer Geheimdienste. In aller Regel wird darüber in Medien und Öffentlichkeit viel und lange diskutiert. Geheimdienstliche Erfolge bleiben typischerweise eher geheim. Oftmals passieren geheimdienstliche Katastrophen weniger aufgrund von Informationsmangel denn aus ethnischer Überheblichkeit, Misstrauen oder systemischer Koordinationsverweigerung, wie etwa Pearl Harbor oder 9/11 belegen.

Noch ein Wort zur Situation der internationalen Geheimdienstforschung: Sie findet in substanzieller Form so recht erst seit den 1980er-Jahren als Subdisziplin in mehreren Fachrichtungen (z. B. Geschichte, Internationale Beziehungen, Militär- und Kommunikationswissenschaften) statt. Sie bringt den Diensten Nutzen, auch wenn deren Geheimnistuerei selbst über längst abgeschlossene historische Vorgänge in liberal-demokratischen Gesellschaften dem eigenen öffentlichen Image oftmals schadet. Dem mündigen Bürger sollte mehr Einblick in die legitime Arbeit von Geheimdiensten ermöglicht werden. Letztlich können diese Dienste vom Vertrauen und der aufmerksamen Kooperation mit am Gemeinwohl interessierten Staatsbürgern nur profitieren, denn Geheimdienste stehen noch immer unter einem gewissen moralischen Vorbehalt. Seit 2001 stellen sich zunehmend auch ethisch-moralische Fragen über Rolle und Verantwortlichkeiten von Geheimdiensten, vor allem auch in den USA, deren Freiheits- und Bürgerrechte einst den Anlass für Revolution und Freiheitskampf gegen die mutterstaatliche Bevormundung und Unterdrückung gegeben hatten. Intelligence als zentrales Instrument der Erkennung, Bekämpfung und potenziellen Überwindung von inneren und äußeren Gefahren, nicht zuletzt militärischer Art, wird auch weiterhin für die USA als hegemoniale Ordnungsmacht der gegenwärtigen Weltordnung wichtig bleiben.

Es ist also damit zu rechnen, dass das Schlagwort der nächsten Dezennien eng mit Konzepten von security und intelligence verwoben sein wird, ähnlich dem Begriff der nukle­aren Bedrohung im internationalen System des Kalten Krieges in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Herausforderungen für Nachrichten- und Geheimdienste werden daher wohl eher zu- denn abnehmen.

Text: Siegfried Beer. Der Autor ist Universitätsprofessor für Neuzeit und Zeitgeschichte und Leiter des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) an der Universität Graz.

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