15.03.13

„Niemand kann in die Zukunft sehen“

Georg Mader hat für Militär Aktuell mit Korpskommandant Markus Gygax gesprochen, der fast fünf Jahre lang die Schweizer Luftwaffe geführt hat. Zu seinem Abschied bricht er eine Lanze für eine breit aufgestellte Luftraumüberwachung, die für alle potenziellen Bedrohungsszenarien gerüstet ist.

Herr Korpskommandant, in Ihre Amtszeit fielen die Modernisierung der 33 F/A-18 sowie Ende 2011 der Typenentscheid zum sogennanten „Super-Gripen“. Ähnliche Länder haben oft nur einen einzigen Einsatztyp …
Wie alles im Leben hat jede Lösung Vor- und Nachteile. Ein einziger Typ bietet den Vorteil von Ersparnis bei Betriebskosten, Logistik etc. Wenn aber diese Flotte ein allgemeines technisches Problem entwickelt, steht man völlig. Zwei Typen werden wohl höhere Betriebs- und Organisationskosten haben, man bleibt aber handlungsfähig, wenn einer davon ausfällt. Zudem wechselt man nirgendwo beide Muster zugleich aus, sondern in Zyklen von etwa 15 Jahren. Daher hat man immer neueste Technologien zur Auswahl, was Sensoren, Aerodynamik, Waffen und dergleichen betrifft. Mit den geplanten 22 „Gripen-E“ als Ersatz für die 54 F-5 „Tiger“, von denen Österreich zwölf Stück bis 2008 auslieh, und 33 F/A-18 „Hornet“ haben wir nach 2020 e

Georg Mader/beigestellt

Korpskommandant Markus Gygax war – zuerst interimistisch – ab Juni 2008 Oberbefehlshaber der Schweizer Luftwaffe.

inen Schirm, auf den ich aus meinem Ruhestand komfortabel zurückblicken kann.

 

Und diese neuesten Technologien und Fähigkeiten sind für Sie mit dem einsitzigen „Gripen-E“ künftig abgedeckt?
Das galt bei diesem Wettbewerb doch wohl mindestens ebenso für „Rafále“ oder „Eurofighter“, Saabs „Gripen“ lag da ja teils sogar hinten. Ja, ich denke, das sind sie. Warum? Die Hülle, also der Flugzeugtyp, ist nicht so wichtig für mich, entscheidend sind die Inhalte wie Radar, Sensoren und Waffen. Auch Rechnerleistung, Situationsübersicht, Mensch-Maschine-Schnittstelle, all das ist heute mehr oder weniger unabhängig vom Typ. Leistbarkeit ergibt dann die Stückzahl. Wenn der günstigste Anbieter das alles abdeckt, ist er unser Mann. Daher „Gripen-E“ samt Zwischenleasing von 11 „Gripen C/D“ bis 2021. Die F-5 können so früher auslaufen, Schweizer Piloten können einstweilen einschulen, und so sind auch eigene Zweisitzer un-nötig. Auch die Schweden werden mit den D-Zweisitzern auf den E umschulen, die überwiegend taktische Mehrleistung der E-Version kann man im Simulator absolvieren.

Alt, aber gut. Bereits seit 1978 im Dienst, bilden insgesamt 54 F-5E/F „Tiger“ das Rückgrat der Schweizer Luftwaffe. Ab 2018 werden sie dann schrittweise durch 22 Saab „Gripen-E“ ersetzt.

Alt, aber gut. Bereits seit 1978 im Dienst, bilden insgesamt 54 F-5E/F „Tiger“ das Rückgrat der Schweizer Luftwaffe.

Ist die Schweiz inmitten eines friedlichen Europas und angesichts benachbarter Länder wie Österreich mit nur 15 Jets nicht überrüstet?
Was in Österreich passierte, hatte nur innen- bzw. parteipolitische Gründe, keine militärischen. Wir starten etwa 300 Mal pro Jahr gegen diverse – unbewaffnete – Radarkontakte, die nicht kommunizieren oder sonst auffällig scheinen. Außerdem schützen wir Groß-Events wie das Weltwirtschaftsforum in Davos. Engpässe gibt es dabei immer nachts oder bei Schlechtwetter, da können wir nur die „Hornets“ einsetzen. In Zeiten erhöhter Spannung oder Krisen – wo man nicht alarmstartet, sondern 24 Stunden im Luftraum präsent ist – könnten uns mit den 33 aber die Jets ausgehen. Laut internationalen Messgrößen sollten immer 50 bis 60 Prozent der Jets einsatzklar sein, also nichts da mit überrüstet. Niemand kann die Zukunft voraussehen, daher muss man vorbereitet sein, auch in der Durchhaltefähigkeit.

Nach 9/11 hat die Schweiz mit Nachbarstaaten Abkommen über sogenannte „Nacheile“ getroffen, also dass Abfangjäger situationsbedingt an einem Kontakt wechselseitig über die Grenzen hinweg dranbleiben können. Wie ist da der Status?
Das ist korrekt. Mit Deutschland, Frankreich und Italien haben wir solche Staatsverträge. Was Österreich betrifft, laufen Verhandlungen über ein solches Abkommen. Wiederum hat das in Wien mit innenpolitischen Gründen zu tun, welche ich nicht im Detail kenne. Aber ich bin da optimistisch.

Abseits der Jets, welche Beschaffungen stehen für die Schweizer Flieger sonst an?
Der Ersatz für das unbemannte System „Ranger“. Ende 2012 testeten wir in Emmen die IAI „Heron-1“ und Elbits „Hermes-900“, etwa in der Mitte der laufenden Dekade wird auch ein Budget für sechs Aufklärungsdrohnen vorbereitet, welche in etwa 10.000 m Höhe für 30 Stunden mit einer Sensorlast von 200 bis 300 Kilogramm operieren können. Zum Ende der Dekade hin steht dann ein Ersatz der Boden-Luftabwehr mit bis zu 50 Kilometer Reichweite an.

Welche globalen militärischen Entwicklungen besorgen Sie?
Ballistische Raketen. Über 30 Staaten – darunter nicht die freundlichsten – besitzen solche, beziehungsweise arbeiten an gesteigerten Reichweiten. Die Schweiz oder andere mitteleuropäische Nationen könnten einmal mit solchen Terrorwaffen erpresst werden – wegen Migration, Trinkwasser, einer Verhaftung oder was auch immer. Eine Raketenabwehr kann aber nur mit Partnern rundum errichtet werden, das sind ausgesprochen teure Schritte. An einem solchen strategischen Unterfangen einer Allianz teilzunehmen, würde für die neutrale Schweiz sehr herausfordernd werden, wir werden uns aber damit beschäftigen müssen …

 

Die Schweizer Luftwaffe im Überblick
Im Gegensatz zu Österreich, definierte sich die eidgenössische Neutralität während des Kalten Krieges auch über den Aufwand zu deren militärischer Dokumentation. Die Schweizer flogen damals über 500 Jets, davon wurden in den 1990ern 60 „Mirage“-III sowie 160 „Hunter“ ausgemustert. Heute kommandiert Gygax’ Nachfolger Aldo Schellenberg 33 modernisierte F/A-18C/D „Hornet“ (ab 1996), 54 F-5E/F „Tiger“ (von 110 ab 1978), 36 Pilatus PC-21- (ab 2007) und PC-7-Trainer, 26 „Super-Puma“/„Cougar“ Transport- und 20 EC-635 Verbindungs- und VIP-Hubschrauber. Als „Tiger“-Ersatz (im Zuge der Abschaffung wurde kurzfristig auch das Aus für die Patrouille Suisse diskutiert) entschied man sich 2011 für das – im Vergleich zu „Rafále“ und „Eurofighter“ – günstigste Angebot über 22 Saab „Gripen-E“, die ab 2018 zulaufen sollen. Auch deshalb ist die Berner Regierung von beiden Parlamentskammern beauftragt, den jährlichen Verteidigungshaushalt ab 2014 von 3,58 auf 4,07 Mrd. Euro anzuheben.

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