22.10.14

Islamistische Bedrohung

In den vergangenen Monaten überraschte der Islamische Staat (IS) mit Geschwindigkeit, Effizienz und unglaublicher Brutalität Weltöffentlichkeit wie Experten gleichermaßen. Wie konnte die Terrororganisation derart erfolgreich sein? Und was macht den Islamischen Staat so speziell?

Die Meldung kam unerwartet. Nach einer Blitzoffensive im Irak, die auf eine lange Tätigkeit im Untergrund folgte und die strategische Tiefe Syriens ausnutzte, rief der Islamische Staat im Irak und Großsyrien (ISIS) zu Beginn des Ramadan am 29. Juni ein Kalifat aus. Die Städte Mossul und Tikrit wurden eingenommen, Banken geplündert, zurückgelassene Ausrüstung der Irakischen Armee (IA) beschlagnahmt, Infrastruktur und Erdölfelder übernommen. Im Zuge dessen macht sich der Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zum „Imam und Kalif für die Muslime überall“. Zugleich benannte die Organisation sich von ISIS in Islamischer Staat (IS) um. Al-Baghdadi nennt sich seitdem selbst Kalif Ibrahim und fordert alle Muslime zur Gefolgschaft und Unterstützung auf. Alle anderen Emirate, Organisationen und Staaten verlieren mit der Ausdehnung des Kalifates auf ihr Gebiet ihre Legitimation, so die offizielle Linie des IS.

Auf einer vom IS veröffentlichten Karte wurden die endgültigen Grenzen des Kalifats festgelegt: das Gebiet erstreckt sich von Spanien und Portugal über Serbien, Kroatien und Ungarn bis hinüber nach Indien. Die Hälfte Afrikas, Indonesiens und Sibiriens sind laut dieser Karte auch Teil des Kalifats. Zurzeit kontrolliert der IS jedoch erst einen großen Teil des östlichen Syriens sowie des nordwestlichen Iraks. Die Größe des IS ist damit grob mit jener Ungarns vergleichbar. Der IS begründet sein Vorgehen auch damit, dass sie die Grenzen des Sykes-Picot-Abkommens von 1916 durchbrechen wollen. Dieses Abkommen war ein heimlich ausgehandelter Pakt zwischen Großbritannien und Frankreich, in dem deren koloniale Interessensgebiete in der Levante bereits vor dem Ende des Ersten Weltkriegs festgelegt wurden. Die damals entstandene Grenze zwischen Syrien und dem Irak wurde teilweise durch den IS „aufgehoben“, indem Grenzposten nach ihrer Übernahme durch den IS schlichtweg gesprengt wurden. Seine Wurzeln hat der IS im irakischen Widerstand, wo zunächst eine Gruppe unter dem Namen al-Qaida im Irak (AQI) bekannt wurde. Im Chaos des Syrien-Krieges wurde AQI 2013 gemeinsam mit einem syrischen AQI-Ableger schlussendlich zum ISIS und zerstritt sich kurz darauf schließlich mit der al-Qaida-Führung. Geprägt von dieser Genese stellt der IS ein bislang unbekanntes militärisches Hybridkonzept dar. Der militärische Arm des IS hat drei wesentliche Komponenten, von denen jeder eigene Aspekte in die Kampfführung überträgt: konventionelle Kriegsführung und Stabsarbeit durch sunnitische Offiziere der alten irakischen Armee unter Saddam Hussein, Guerilla-Kriegsführung und terroristische Elemente. Letztere zwei Elemente zählen zu den charakteristischen Komponenten dschihadistischer Gruppen. Wesentlich dabei ist das Element „Stabsarbeit“, die es Gruppen, die unter dem Schirm des IS antreten, erlaubt, komplexe Manöver koordiniert durchzuführen.

Die diesem Hybridmodell zugrunde liegenden Allianzen stehen aber auf einem wackeligen Fundament. Erstens bauen sie auf stetigen militärischen Zugewinnen auf, auf denen der Führungsanspruch des IS unter Teilen der Sunniten ruht. Diese Zugewinne sind aber nur möglich, solange reguläre Sicherheitskräfte keinen maßgeblichen Widerstand leisten. So beruht der Erfolg des IS zweitens auf dem Versagen der staatlichen Sicherheitsapparate in Syrien und im Irak. Demzufolge stützt sich das Kalifat – wenn auch nicht gänzlich, so zumindest zu großen Teilen – auf militärische Überlegenheit. Die (militärisch gerahmte) ideologische Komponente der Machtbasis des IS stellt historisch gesehen keinen Sonderfall dar, jedoch ist sie der westlichen Welt nach zwei Jahrhunderten Moderne fremd, so ein Kommentator in der deutschen Zeitung Welt: „Es geht um Massenhypnose, um etwas gänzlich anderes als Vernunft. Die Ereignisse um den IS ähneln dabei einer Geschichtslektion. Die Welt, die der IS entstehen lässt, muss eine der permanenten Verzückung sein“, sonst zerbröselt das Kalifat gleich schnell, wie es entstanden ist.

Zu den staatlichen Sicherheitskräften des Irak muss erwähnt werden, dass ihre gängige Darstellung in den Medien als „von den USA hochgerüstete und top-ausgebildete Armee“ die Realität größtenteils nicht widerspiegelt. Die US-Truppen haben im Zuge ihres Abzugs aus dem Irak der IA zwar viel Ausrüstung überlassen und zahlreiche Soldaten ausgebildet, Schlagkraft und Zusammenhalt konnten dadurch aber nicht etabliert werden. Wird also berichtet, dass IS-Kämpfer die IA geradezu hinwegfegten, wird dabei übersehen, dass die meisten irakischen Soldaten in einer fremden, vom US-Militär geprägten Struktur organisiert wurden, in der nur wenige davon je Einsatzerfahrung sammeln konnten. Die Darstellung, dass Anfang Juli an die 30.000 Soldaten der IA aus der nordirakischen Stadt Mossul (von welcher die IS-Kämpfer ihre Offensive starteten) flohen, muss demnach kritisch beurteilt werden. Da Vorläuferorganisationen des IS wesentliche Ämter in Politik und Wirtschaft seit 2013 in der Stadt übernahmen oder „kauften“, ist es wahrscheinlicher, dass auch die zentralen Kommandanten der IA-Truppen in Mossul korrumpiert wurden.

Unterm Strich stellen die Neuartigkeit und die Wucht des blitzschnellen Vorankommens des IS eine Gefahr für die ohnehin auf wackeligem Fundament stehenden sicherheitspolitischen Herausforderungen der Region dar. Bestes Beispiel dafür sind die Wellen, die der IS-Vormarsch in den kurdischen Gebieten Syriens in Richtung Türkei schlägt. Dass der IS obendrein eine starke Anziehungskraft für potenzielle Kämpfer auf der ganzen Welt – nicht nur in der Region – hat, die sich ihm in großer Zahl anschließen, kratzt am gesellschaftlichen Gefüge westlicher Staaten. Die Rekrutierung von Kämpfern im öffentlichen wie im virtuellen Raum wird von massiver Propaganda begleitet, die Sicherheitsdienste in Europa und anderswo auf den Plan ruft. Zudem ist bisher nur wenig über die internen Strukturen und die Hierarchien des IS bekannt, weshalb der Umgang mit den durch ihn hervorgebrachten Herausforderungen und Problemen vor Ort wie in den Herkunftsländern der Kämpfer von Ad-hoc-Maßnahmen geprägt ist. Es wird sich erst herausstellen, wie belastungsfähig der IS wirklich ist, wenn eine breite Opposition kontinuierlich Druck auf ihn ausübt. Bis dahin ist die Gefahr hoch, dass kurzfristig wirksame Maßnahmen (Luftschläge, Kriminalisierung von heimkehrenden Kämpfern, …) auf lange Sicht mehr negative Auswirkungen haben, als positive Effekte erzielt werden können.

Text: LUKAS WANK, Der Autor ist Leiter des Syrien-Analysezentrums am IFK.

 

Kommentar von Brigadier Walter Feichtinger: Islamischer Staat oder Krieg gegen den Terror 2.0

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Brigadier Walter Feichtinger ist seit 2002 Leiter des Institutsfür Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) an der Landesverteidigungsakademie.

Die Hoffnungen, dass der Irak nach dem Abzug der US-Soldaten stabil bleibt und dass Syriens Präsident Baschar al-Assad durch eine wackelige Allianz oppositioneller Kräfte gestürzt werden kann, haben sich in Luft aufgelöst. Das halbherzige Engagement Europas, das verzweifelte Bemühen US-Präsident Obamas, sich aus dem Nahen und Mittleren Osten zurückzuziehen und das russische Festhalten am syrischen Präsidenten haben das Entstehen und den raschen Aufwuchs des Islamischen Staats gefördert.

Viele „Gönner“ aus dem arabischen Raum haben über Jahre hinweg die sunnitischen Extremisten mit Geld, Waffen und Kämpfern unterstützt. Nunmehr müssen sie erkennen, dass sie über kurz oder lang selber in das Visier der Extremisten geraten könnten, weil sie in deren Augen nicht dem wahren Glauben folgen. Die USA wollen jetzt mit einer neu formierten Allianz, die sich vor allem auf Staaten der Region stützt, den Kampf gegen den IS aufnehmen – Global War on Terror Teil 2 sozusagen. Um erfolgreich zu sein, werden allerdings viele über den eigenen Schatten springen müssen. Dazu gehört eine pragmatische Einbeziehung des Assad-Regimes in diesen Kampf gegen den IS, eine politische Abstimmung mit Teheran und eine ernsthafte politische Auseinandersetzung mit den ursprünglich IS-freundlichen Katar und Saudi Arabien, dem NATO-Partner Türkei sowie den politischen Kräften im Irak inklusive Kurden.

Je länger sich der IS behaupten kann, desto größer wird die Gefahr der Ausbreitung, der weltweiten Radikalisierung von Sympathisanten, von Terroranschlägen und einer dauerhaften Destabilisierung weiterer Staaten wie Libanon und Jordanien. Waffenlieferungen und Luftschläge werden nicht reichen, um die islamistischen Fanatiker zurückzudrängen oder gar zu vernichten. Über kurz oder lang werden daher auch wieder (westliche) Bodentruppen zur Diskussion stehen. Der gemeinsame Feind IS könnte aber auch zu einer starken internationalen Koalition über bisherige Schranken hinweg führen. Aus westlicher Perspektive wäre es dabei dringend erforderlich, eine zukunftstaugliche Gesamtstrategie gegenüber der gesamten Region und den politischen Akteuren zu entwickeln.

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