22.10.14

Schweden rüstet auf

Russlands Vorgehen im Ukraine-Konflikt sorgt in ganz Europa für erhöhte Spannung. So auch in Schweden, das als Reaktion auf die aktuellen Ereignisse seinen Verteidigungshaushalt aufgestockt hat. Investiert wird vor allem in neue U-Boote, wie Autor Georg Mader bei einem Besuch bei der schwedischen Marine in Karlskrona herausfand.

Wohin steuert Russland? Diese Frage treibt derzeit Staatschefs von Washington über Berlin bis London um. Eine klare Antwort kann aber weder da noch dort jemand geben – Wladimir Putin ist in den Augen westlicher Regierungschefs alles zuzutrauen. Und aus Kalkül oder Weltmachtsfantasien heraus unterstreicht der russische Präsident diese Einschätzung in regelmäßigen Abständen: Seine Truppen könnten in zwei Wochen in Kiew sein, so Putin Ende August. Mitte September verschärfte er in einem Gespräch mit dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko seine Drohung und kündigte an, in nur zwei Tagen nicht nur Kiew, sondern auch Riga, Vilnius, Tallinn, Warschau oder Bukarest einnehmen zu können. Kein Wunder also, dass sich die dortigen Regierungen zunehmend Gedanken um ihre Sicherheit machen und eine Aufstockung ihres Verteidigungshaushalts diskutieren.

Eine entsprechende Entscheidung bereits getroffen hat vor Monaten die schwedische Regierung mit einer Erhöhung des Wehrbudgets um jährlich 600 Millionen Euro (zuletzt lag der Etat laut SIPRI bei 5,03 Milliarden Euro). Daran konnte auch ein zwischenzeitlicher Wechsel zu einer rot-grünen Minderheitsregierung nichts ändern. Im Gegenteil, die Grünen billigten im Gegenzug für die Einführung „humanitärer Visa“ für Flüchtlinge die Anschaffung von 60 Gripen-Kampfjets und zwei neuen U-Booten, mit denen Stockholm auf die neue Sicherheitslage regieren will. Und die ist mittlerweile allenthalben spürbar: Etwa durch die seit Monaten erhöhte Aktivität der russischen Balten-Flotte in Kaliningrad und Kronstadt. Oder durch die gestiegene Zahl russischer Schiffe und Flugzeuge vor den Küsten Finnlands und Polens. Auch die NATO-Luftraumüberwachung in Siauliai (Litauen) und Ämeri (Estland) meldete zuletzt mehr russische Flugzeuge, die – und das kommt verschärfend hinzu – meist ohne Transponder unterwegs sind, und die finnische Luftwaffe bestätigte jüngst gleich mehrere russische Luftraumverletzungen. Zu den aktuellen Sicherheitsbedenken trug auch ein Vorfall vom Karfreitag 2013 entscheidend bei, als russische Tu-22M-Bomber nachts vor der Küste Gotlands einen Marschflugkörperangriff auf Ziele um Stockholm übten. Als Reaktion darauf wurden mittlerweile Gripen-Jäger auf die östlich der Hauptstadt gelegene Insel verlegt, und auch sonst haben die schwedischen Streitkräfte viele neue Vorsichtsmaßnahmen und Vorkehrungen getroffen. Als verantwortlicher Taktik-Offizier weiß natürlich auch Kommendörkapten (Commander) Fredrik S. Lindén über all das Bescheid. Nur sagen darf oder möchte der Operations-Chef der 1. U-Boot-Flottille dazu nicht viel. Ein paar wesentliche Details konnten wir ihm bei einem Interview während unseres Besuchs bei der schwedischen Marine in Karlskrona dennoch entlocken.

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Die Schiffe der Gotland-Klasse
werden aktuell modernisiert, Kommendörkapten Fredrik S. Lindén ist Chef der 1. U-Boot-Flottille.

Welche Auswirkungen hat die aktuelle Situation in der Ukraine auf Schwedens Verteidigungspolitik?
Wir nehmen nicht erst seit Beginn des Ukraine-Konflikts eine deutlich veränderte Situation in unserem littoralen Operationsgebiet (Anm.: Im Wesentlichen handelt es sich dabei um das Baltikum und die Ostsee) wahr. Als Folge davon gibt es nun wieder eine erfrischende mediale sowie politische Diskussion, um die zuletzt stets sinkenden Verteidigungsausgaben und um eine Wiederaktivierung der Wehrpflicht. Im Unterschied zu noch vor fünf Jahren ist nun auch wieder eine offene Diskussion über einen NATO-Beitritt möglich. Und natürlich haben wir die
Situation in der Marine und bei den U-Booten auch bereits auf die veränderte Sicherheitslage adaptiert.

Inwiefern reagiert?
Unsere politische Führung legt sehr viel Wert auf das strategische Asset der U-Boote. Man hat daher auch – ohne als Soldat in industriepolitische Details zu gehen – alles unternommen, um unsere Werft (Anm.: KOCKUMS) heuer im April vom deutschen Eigner zurückzukaufen, damit Schweden wieder eigenständig modernste U-Boote bauen kann. Das hat aktuell oberste Priorität. Dabei sind vorerst zwei sogenannte A26 (Anm.: auch NGU genannt, Abkürzung für Nästa Generations Ubåt; nächste U-Boot-Generation) für uns geplant. Die werden aber erst nach 2020 in Dienst gestellt. Inzwischen werden unsere drei Gotland-Klasse-Boote aus den 1990er-Jahren modernisiert.

Auch in anderen Streitkräften erfreuen sich nicht-atomare U-Boote wieder steigender Beliebtheit. Was ist dafür ausschlaggebend?
U-Boote sind die einzige Waffe im Marinearsenal, die zwar taktisch ist, aber auch entscheidend strategisch wirken kann. Das liegt einerseits an ihrem Abschreckungspotenzial,
andererseits aber auch an ihrem Potenzial als verdecktes Signal- und Kommunikations-Überwachungs- sowie Aufklärungsinstrument.

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Investitionspläne: Mit dem zusätzlichen Geld werden neben zwei U-Booten auch 60 Kampfflugzeuge vom Typ Saab Gripen-E angeschafft.

Mit welcher Bewaffnung werden die Boote ausgestattet?
Als Waffenträger kann man heute zwischen Langstrecken-Marschflugkörpern, Seezielflugkörpern gegen Schiffe oder – wie in unserem Fall – schweren drahtgelenkten Torpedos wählen. Ich werde Ihnen nichts zu deren Reichweite sagen, nur so viel: Sie können leicht eine halbe Stunde unterwegs sein. Es gibt zudem leichte und wendige Torpedos für den Einsatz gegen andere U-Boote. Unabhängig von der Bewaffnung sollen moderne U-Boote heute immer weniger autonom und isoliert wirken, sondern vermehrt als Teil eines Datenlink-Bildes und -Netzwerks. Man muss den Einsatz von U-Booten daher heute völlig neu andenken.

Aber ein U-Boot zeichnet sich doch durch seine „Unsichtbarkeit“ aus? Durch die Kommunikation mit anderen, eigenen Kräften in einem Datenlink-Verbund steigt doch die Gefahr, entdeckt zu werden?
Exakt, und das ist auch die große Herausforderung. Ziel muss es sein, ein Lagebild weiterzugeben und trotzdem unentdeckt zu bleiben. Und dabei geht es um das aktive Einbringen von Erkenntnissen ebenso wie um das Empfangen von Informationen. Moderne Boote verfügen über entsprechende Mittel, etwa in Form von modularen Aufsätzen auf den Masten oder konformen Sensoren.

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Gemeinsame Übung: Immer wieder übt die schwedische Marine auch gemeinsam mit den Streitkräften anderer Länder. Hier im Bild die HMS Gotland und im Hintergrund der US-Flugzeugträger USS Ronald Reagan 2007 in San Diego.

Bleibt das Problem, dass U-Boote – zumindest laut den Aussagen der Crews von U-Bootabwehr-Hubschraubern und Marinepatrouillenflugzeugen – gegen heutige Ortungsmittel und die stetig steigende Signalverarbeitung kaum noch eine Chance hätten?
Das gibt es viele Variablen, so generell lässt sich das nicht sagen. In unserem sogenannten „brown water“-Umfeld hier in der Ostsee sind die Voraussetzungen etwa ganz andere als im Ozean. Das haben wir 2006 deutlich gemerkt, als ich als Kommandant der HMS Gotland im Pazifik mit der US-Navy trainiert habe und US-Flugzeugträger ins Sehrohr bekam. Unabhängig davon sollte man natürlich nichts aus dem Wasser stecken, wenn ein Marinepatrouillenflugzeug in der Nähe ist. Und mit den modernen Algorithmen der Signalverarbeitung und dem Millimeterwellen-Radar ist – seegangabhängig – auch der Mastkopf rasch erfasst. In so einem Fall ist Geduld eine Tugend.

Sie sitzen die Situation einfach aus?
Genau. Wir können viel länger als ein Suchhubschrauber warten und das „Ping“ seines Tauchsonars können wir meilenweit hören. Je nach Salzgehalt und der Temperatur diverser Wasserschichten kann man sogar unter einem Sonar durchtauchen, ohne bemerkt zu werden. Auch in Küstengewässern tun sich die Suchenden schwer, weil dort meist viel Schiffsverkehr und damit auch Lärm ist. Außerdem kann auch die Topografie des Seebodens ein Schutzfaktor sein. In Summe geben wir uns daher ganz gute Chancen, schließlich bleibt auch bei uns die Technologie nicht stehen.

Als entscheidend für das Comeback der diesel-elektrischen U-Boote gilt auch deren neuartiger Außenluft-unabhängiger Antrieb (AIP). Schweden setzt dabei auf den sogenannten Stirling-Motor, der Sauerstoff als Arbeitsgas braucht …
… und damit unser operationelles Konzept geändert und zu einer revolutionären Erweiterung des Missionsprofiles geführt hat. Statt alle zwei bis drei Tage aufzutauchen, um aufzuladen, kann man nun Wochen tauchen, und das noch dazu sehr leise. Man ist jetzt eigentlich nur noch durch den Sauerstoffvorrat und die Menge der Verpflegung limitiert. Auch deshalb haben diese U-Boot-Typen in den vergangenen Jahren wieder extrem
an Wert gewonnen.

Das gilt für China, das mit entsprechenden Booten der Seeherrschaft der USA etwas entgegensetzen möchte, ebenso wie für die schwedische Marine, die sich damit vor allem gegen eine mögliche Aggression Russlands rüsten will. Auch wenn uns das Kommendörkapten Lindén bei unserem Besuch in Schweden so offen nicht bestätigen wollte.

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