11.12.14

Quo vadis Eurofighter?

Zuletzt war in heimischen Medien von groben Mängeln am Eurofighter die Rede. Tatsächlich handelt es sich bei den nicht sauber entgrateten Nietungen im Rumpfwerk um einen wohl unschönen Fertigungsfehler, der aber rasch behoben sein dürfte.   

Der Aufschrei war groß. „Produktionsmängel beim Eurofighter entdeckt!“, titelte der Boulevard. Andernorts war gar von groben Konstruktionsfehlern oder einer schwerwiegenden Panne die Rede. Wer die Berichterstattung undifferenziert verfolgte, musste den Eindruck gewinnen, die österreichischen Jets würden jeden Moment entzweibrechen und eine Stilllegung sollte besser gestern als heute erfolgen. Tatsächlich handelt es sich bei den nicht vollständig entgrateten Nietungen im Rumpfwerk, die für all den Trubel verantwortlich waren, aber nicht um Konstruktions- oder Entwicklungsfehler, sondern um einen vergleichsweise harmlosen Lapsus, der sich – wenn überhaupt – erst in vielen Jahren auf unsere Jets auswirkt. In Deutschland wurde die Lebensdauer der Euro-fighter nach Bekanntwerden der Mikro-Strukturschwächen zwar vorsorglich auf 1.500 Stunden halbiert (zum Vergleich: die 15 österreichischen Flugzeuge bringen es seit ihrem Operationsbeginn 2008 zusammen auf
etwas mehr als 5.000 Flugstunden, der älteste rot-weiß-rote Eurofighter zählt gerade einmal 500 Stunden) und die weitere Abnahme von Jets gestoppt, in Großbritannien ist all das nicht einmal eine Meldung wert. Dort laufen die Auslieferungen der sogenannten Tranche-3-Jets wie geplant (zuletzt etwa zur 6th Sqdn. ins schottische Lossiemouth) weiter. Auch die Auslieferungen an Saudi-Arabien und die Produktion der vom Oman bestellten Flugzeuge ist durch den Fertigungsmangel nicht beeinträchtigt. Außerdem ist wohl in Kürze auch mit einem Bulletin des Herstellers zu rechnen, dass die Gratungen beseitigt sind – was die Lebensdauer wieder anhebt.

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Starke Bewaffnung: Die Meteor-Lenkwaffen sollen Ziele mit vierfacher Schallgeschwindigkeit auch in 100 Kilometer Entfernung treffen.

Parallel dazu tut sich beim Eurofighter derzeit aber auch technisch und operational einiges. Und das gilt für alle drei Tranchen, wovon sich Militär Aktuell im Sommer bei Besichtigung eines Tranche-1-Flugzeugs im Rahmen der Farnborough Airshow überzeugen konnte. In dem Jet war etwa das neue elektronisch strahl- und mechanisch schwenkende AESA-Radar Captor-E verbaut, dessen Antenne mit zwei Taumelscheiben kombiniert wurde, um den beschränkten Sichtwinkel fester AESA-Radarantennen zu umgehen. Durch den Kippwinkel von 40 Grad und die Drehbarkeit in alle Richtungen kann zusammen mit dem elektronischen

Schwenkwinkel von 60 Grad ein Suchbereich von ± 100 Grad in Elevation und Azimut realisiert werden. Die Serienversion soll rund 1.500 Sende- und Empfangsmodule auf Galliumnitrit-Basis erhalten, mit je rund 20 Watt praktikabler Leistung. Prinzipiell wären auch 50 bis 80 Watt möglich, die Abwärme würde dann allerdings zu stark steigen. Während der – auch von Militär Aktuell besuchten – IQPC-Fachkonferenz „Fighter 2014“ in London wurde am 19. November bekannt gegeben, dass die vier Eurofighter-Herstellerländer nun mit der NATO-Agentur NETMA den Vertrag über die Serienreife-Entwicklung und Integration des neuen Radars unterzeichnet haben. Zwar müssen Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien noch entscheiden, wie viele Flugzeuge in ihren Staffeln damit tatsächlich ausgerüstet werden, aber potenzielle Exportkunden müssen nun zumindest nicht mehr befürchten, dass sie das Gerät mitentwickeln und dafür Versuchskaninchen spielen müssen.

Auch bei der Bewaffnung gibt es Neuigkeiten: Ebenso auf demselben Tranche-1-Flugzeug zu sehen war die Langstrecken-Lenkwaffe MBDA Meteor, die dank Ramjet-Boostern mit zumindest vierfacher Schallgeschwindigkeit (Mach 4) bis zu 100 Kilometer weit über den Horizont wirken soll. Außerdem haben BAE und die britische Royal Air Force (RAF) im Rahmen des sogenannten Aufwertungslevels P1Eb für 17 Tranche-2-Flugzeuge simultan zwei GPS/INS/lasergesteuerte 250 Kilogramm-Lenkbomben Paveway-IV abgeworfen. Deren nur IR-gelenkter Vorgänger hatte in der Mehrzweckrolle auf Tranche 1 bereits 2011 über Libyen sein Debüt. Mit Tranche 2 beziehungsweise P2Ea kommen weitere Aufwertungen wie ein neuer Datenhelm, die Einrüstung des Captor-E und als Anpassung an die sogenannte EloKa-Inflation neue Versionen des DASS-Selbstschutzes und des MIDS-LVT-Datalinks. Endversion wird P3E in den Typhoons der (Export)-Tranche 3. Um den Betrieb der Jets zu gewährleisten, werden übrigens 48 britische Tranche-1-Modelle laut Auskunft aus Lossiemouth derzeit verstärkt „abgeflogen“.

Konträr zur österreichischen Wahrnehmung steht der Eurofighter technisch ganz vorne in der Top-Liga der verfügbaren Flugzeuge der vierten Kampfflugzeug-Generation. Die fünfte, sogenannte Stealth-Generation, ist gut doppelt so teuer, aber auch inhärent bauartbedingten Limits (Waffen und Treibstoff innen) unterworfen. Trotz des Radars wird der Typhoon auch weiterhin den Support der vier Eurofighter „Core Nations“ kritisch brauchen, will Airbus Defence & Space damit in dem engen Markt noch punkten. Eurofighter-Direktor Alberto

Alberto Guiterrez_EF-CEO__MADER-2014

Eurofighter-Direktor Alberto Gutierrez.

Gutierrez zeigte sich zwar gegenüber Militär Aktuell überzeugt, dass der Fall nicht eintreten werde, aber es besteht die Möglichkeit, dass nach Auslieferung an den Oman (12 Stück T3) die Produktion – klarerweise nicht der Systemerhalt – ausläuft. Deshalb war 2013 die Absage der Emirate, die zuvor Interesse an mehr als 60 Jets angemeldet hatten, schmerzhaft, und man ist umso stärker in Indonesien, Malaysia oder Dänemark aktiv, wo überall Flugzeugentscheidungen anstehen. Zudem könnte es eine zweite Charge von 72 Jets für Saudi-Arabien geben. Auch das Rennen in Indien, wo es um die Beschaffung von 126 Flugzeugen geht, scheint nun wieder offener. Dort war 2011 zwar prinzipiell eine Entscheidung für die Dassault Rafále gefallen, da es nach drei Jahren aber immer noch keinen Vertrag gibt und der französische Jet in der Zwischenzeit doppelt so teuer kommt, scheint eine Entscheidung für den damals knapp zweitgereihten Eurofighter nun wieder möglich. Erst recht, seit der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier gegenüber dem neuen indischen Premier Narendra Modi zuletzt einen möglichen Preisnachlass von 2,5 Milliarden Euro erwähnte. Sollte das Geschäft tatsächlich noch realisiert werden, würde das die Eurofighter-Bilanz natürlich ordentlich aufhübschen. Aber auch so wurden mit Stand Ende 2014 bereits 420 Eurofighter aller drei Tranchen ausgeliefert.

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