26.07.17

„Wir müssen handeln, sonst verlieren wir an Leistungsfähigkeit!“

Brigadier Harald Vodosek ist Leiter der Gruppe Bereitstellungsunterstützung im Verteidigungsministerium. Dieter Muhr hat mit ihm über die aktuelle Personalsituation im Heer, Strategien zur Personalgewinnung und Perspektiven für das Personalmanagement gesprochen.

Herr Brigadier, erklären Sie uns zum Einstieg bitte Ihren Verantwortungsbereich im Ministerium.
Gerne. Als Leiter der Gruppe Bereitstellungsunterstützung, zuständig für das Personalmanagement der Landesverteidigung, bin ich dafür verantwortlich, dass das Bundesheer rechtzeitig und ausreichend Personal in bester Qualität zur Verfügung hat. Woraus leiten Sie den zukünftigen Personalbedarf des Bundesheeres ab? Das Personal muss die drei großen Aufgabenbereiche des Bundesheeres abdecken. Da ist zuallererst die Landesverteidigung Österreichs, welche die Verfassung vorgibt. Das ist die wichtigste Grundlage. Dazu kommen die militärischen Verpflichtungen im Rahmen der Europäischen Union und das Internationale Krisenmanagement. Letztere werden im Rahmen von Auslandseinsätzen abgedeckt.

Hat die Landesverteidigung Österreichs nun wieder mehr Priorität als früher?
Absolut. Bundesminister Doskozil hat mit seinem Amtsantritt im Jänner 2016 einen Paradigmenwechsel eingeläutet – Inlandsaufgaben sind wichtig! Und damit im Zusammenhang stehend hat er bezogen auf Personalabbau und Zeitverpflichtung eine klare Kursänderung vorgegeben. Personalaufwuchs und lebenslange Laufbahnen sind seither das neue Credo für unser Ressort.

Brigadier Harald Vodosek ist seit 2013 Gruppenleiter  der Gruppe Bereitstellungsunterstützung/Personalmanagement im Verteidigungsministerium.

Brigadier Harald Vodosek ist seit 2013 Gruppenleiter der Gruppe Bereitstellungsunterstützung/Personalmanagement im Verteidigungsministerium.

Welche Einsätze stehen damit nun aktuell im Vordergrund?
Der Inlandseinsatz ist als wesentlichste Aufgabenstellung wieder klar definiert: Österreich und seine Bevölkerung zuerst. Daher hat die Verteidigung Österreichs oberste Priorität. Der klassische konventionelle Feind steht uns heute aktuell zwar vorerst noch nicht gegenüber, das weiß ich schon und ich will auch nicht in den Kalten Krieg zurück. Aber ich weiß auch, dass sich das sicherheitspolitische Umfeld Österreichs dramatisch verändert. Das Pendel schwingt wieder in Richtung Landesverteidigung, also verstärkt Aufgabenbewältigung im Inland. Daraus leite ich ab, dass wir mehr Personal, vor allem für die Einsatzorganisation brauchen.

Sie meinen also, dass sich das Bundesheer auch wieder verstärkt konventionell vorbereiten muss?
Natürlich. Das machen wir ja auch. Solange im Umfeld Österreichs und vor allem der Europäischen Union konventionelles Potenzial wie Panzer und Artillerie betrieben wird, ist es erforderlich, Optionen zur Reaktion darauf vorzuhalten. Das ist auch der Grund, warum sowohl Kompetenzerhalt als auch Aufwuchsfähigkeit wesentliche Elemente für unser aktuelles Handeln darstellen.

Wie sieht es denn aktuell mit Personal, Mitteln, Auftrag und Aufgaben des Bundesheeres aus?
Mit dem vorhandenen Personal kann ich die drei Aufgabenbereiche Inland, Europäische Union und Internationales Krisenmanagement teilweise abdecken. Es ist aktuell eine Doppelstrategie erforderlich. Einerseits müssen wir mit den vorhandenen Ressourcen auf die prioritären Herausforderungen reagieren und andererseits ist es erforderlich, weitere Kapazitäten aufzubauen. Je weniger Ressourcen, desto höher das Risiko, vor allem dann, wenn Bedrohungen gleichzeitig auftreten.

Und worauf legen Sie für die Auftragserfüllung das Schwergewicht beim Personal?
Das Schwergewicht liegt für uns im Bereich der Truppe, also bei jenen Teilen, die sich mit Einsatzvorbereitung und Einsatz beschäftigen. Wir sind derzeit mit besonderem Nachdruck bestrebt, die rund 2.000 freien Arbeitsplätze in den Rängen der Unteroffiziere so rasch als möglich zu besetzen. Auch im Bereich der Offiziere werden wir in den nächsten Jahren die Ausmusterungszahlen wesentlich erhöhen. Auch wollen wir den Anteil von Soldatinnen auf zehn Prozent erhöhen.

Können Sie die Personalentwicklung an einem Beispiel näher erläutern?
Ja, etwa anhand der Unteroffiziersaufnahmen: Bisher haben wir jährlich an die 200 Unteroffiziere ausgemustert. Zukünftig werden es, um den Personalstrukturkörper in der Balance zu halten, mindestens 600 bis 700 sein müssen. Das bedeutet zumindest eine Verdreifachung der Ausmusterungsstärken. Basis ist neben den Aufnahmen von der Straße vor allem die Rekrutierung aus dem Feld der Grundwehrdiener.

Wie wird bezogen auf den Personalaufwuchs mit der Miliz umgegangen?
Die Miliz ist für uns ein wesentlicher Faktor bei der Bewältigung aller Aufgabenstellungen. Die Fähigkeiten in diesem Bereich werden massiv gestärkt. Die Personalrekrutierung bei Milizunteroffizieren und -offizieren läuft auf Hochtouren. Wir müssen in den nächsten Jahren bis zu 60 Kompanien neu aufstellen. Dazu brauchen wir vor allem auch die Unterstützung der zivilen Arbeitgeber. In diesem Zusammenhang haben wir zur Auszeichnung von zivilen Firmen, die den Milizgedanken unterstützen, sowohl das „Milizgütesiegel“ als auch den „Miliz Award“ ins Leben gerufen. Wir sind hier auf einem guten Weg.

Dringender Bedarf: Brigadier Vodosek will die Ausmusterungszahlen bei den Unteroffizieren auf 600 bis 700 jährlich anheben. Bei den bislang letzten Ausmusterungs-Terminen wurden aber nur knapp 200 Unteroffiziere in Richtung Truppe „entlassen“.

Dringender Bedarf: Brigadier Vodosek will die Ausmusterungszahlen bei den Unteroffizieren auf 600 bis 700 jährlich anheben. Bei den bislang letzten Ausmusterungs-Terminen wurden aber nur knapp 200 Unteroffiziere in Richtung Truppe „entlassen“.

Was muss nun in einem nächsten Schritt getan werden?
Die Sicherheitslage verändert sich derzeit sehr rasch. Risikofaktor beim Aufbau von personellen Ressourcen ist der Faktor Zeit. Man kann nicht mit dem Finger schnippen und Tausende Soldaten stehen zur Verfügung. Die muss man erst gewinnen, ausbilden, ausrüsten und zu Soldaten machen. Wesentliches Element der Personalwerbung ist neben den attraktiven Inhalten vor allem auch eine faire Entlohnung. Ich meine, dass mit dem Entschließungsantrag aller im Parlament vertretenen Parteien im Herbst 2015 die entsprechende finanzielle Ausstattung des Verteidigungsressorts einhergehen muss. Wesentlich ist jedenfalls, dass durch leistungsfähiges, flexibles und einsatzbereites Personal viele relevante Aufgabenstellungen bewältigt werden können und damit das Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung minimiert werden kann.

Welche Themen bestimmen das Personalmanagement sonst noch?
Themen sind auch die Trends von außen, denen das Personalmanagement des Bundesheeres unterworfen ist. Es geht um geburtenschwache Jahrgänge, den anhaltenden Zustrom zum Zivildienst, die Pensionierungswelle im Bundesheer und den sich abzeichnenden Wirtschaftsaufschwung, der uns Personal nimmt. Bedeutet: Wir stehen im Kampf um gutes Personal in harter Konkurrenz mit vielen anderen. Derzeit können wir mit großen Anstrengungen den Personalstand halten, mehr nicht. Ich habe das Beispiel der Unteroffiziere genannt. Dazu möchte ich betonen: Mit der Steigerung auf 600 im Jahr können wir den Personalstand bei den Unteroffizieren nur halten. Demgegenüber steht aber die Notwendigkeit aufzuwachsen. Wenn wir diese Diskrepanz nicht ernst nehmen, dann sinkt der Personalstand rapide und die Republik Österreich verliert sicherheitspolitische Handlungsoptionen!

Wie verhält es sich mit der Attraktivität des Bundesheeres als Arbeitgeber?
Wir sind bestrebt, unsere Vorzüge als Arbeitgeber klar dar­zustellen. Neben den planmäßigen Leistungen wie Gehalt und bezahlte Mehrdienstleistungen stellen wir im Rahmen der Personalbetreuung unseren Bediensteten Wohnungen, temporäre Kinderbetreuung und Urlaubsmöglichkeiten zur Verfügung. Und wir bemühen uns, derartige Leistungen laufend zu verbessern und neue zu addieren.

Welche Unterstützung benötigt das Bundesheer dabei von außen?
Wir haben im Jahr 2016 gemeinsam mit unseren Partnern aus dem Bundeskanzleramt und dem Finanzministerium viel auf den Weg gebracht. Begonnen mit der Erhöhung des Wehrbudgets am Beginn des Jahres wurden in weiterer Folge die Unteroffiziere in einem gemeinsamen Besoldungs- und Bewertungsschema abgebildet, wurden die Gehälter der Chargen erhöht und wurden Finanzmittel für die Ausbildung bereitgestellt. Dennoch gilt es nach wie vor die Rahmenbedingungen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verbessern. Für die nächste Dienstrechtsnovelle werden derzeit Themen aufbereitet, die zu einer weiteren Attraktivierung führen sollen. Insofern ja, Unterstützung von außen ist jedenfalls erforderlich.

Wie wird sich das Personal des Bundesheeres zukünftig darstellen?
Der Personalkörper wird weiterhin aus Grundwehrdienern, Milizsoldaten, Soldaten auf Zeit, Berufssoldaten und Zivilbediensteten bestehen. Jede Personengruppe eignet sich für bestimmte Aufgaben, meist in einer gesunden Mischung. Die Zahl der Stellungspflichtigen und damit auch das Potenzial für den Grundwehrdienst ist allerdings im Sinken begriffen. Das trifft uns doppelt, denn dadurch bleiben wertvolle Mitarbeiter aus, unser Werbepotenzial sinkt und es wird schwieriger, Soldaten für Berufslaufbahnen und für die Miliz zu werben. Wir haben schon seit einiger Zeit diese Tendenz erkannt und haben bereits begonnen, Gegenmaßnahmen zu setzen.

Welche Gegenmaßnahmen sind das konkret? Wie soll die Abwärtsspirale gebremst werden?
Wir beginnen bereits in den Schulen wieder verstärkt über die Informationsoffiziere das „Mindset“ der jungen Österreicherinnen und Österreicher zu beeinflussen. Nachdem wir zwei Zielgruppen, nämlich Frauen und Männer, haben, die unterschiedlichen Rahmenbedingungen unterliegen, fahren wir derzeit zwei Personalwerbestrategieschienen. Bei der Stellung werden den jungen Männern verstärkt die Optionen im Rahmen des Grundwehrdienstes erläutert. Im Grundwehrdienst selbst werden die Rekruten erneut durch die Einsatzverbände oder durch das Heerespersonalamt selbst informiert und es wird versucht, Freiwillige sowohl für die Laufbahn als Kadersoldat oder als Milizsoldat zu motivieren.

Wie sieht es mit den jungen Österreicherinnen aus?
Die jungen Österreicherinnen müssen von uns nach einer anderen Werbesystematik geworben werden. Die jungen Frauen werden, organisiert durch die Abteilung Personalmarketing und das Heerespersonalamt, von uns in einer ersten Phase zu sogenannten Girls Days eingeladen, um diesen die Landesverteidigung näherzubringen. Im Rahmen derer wird ein vertiefender Eindruck vermittelt. Zukünftig ist auch noch zusätzlich vorgesehen, jungen Kaderanwärterinnen in einer Art länger dauerndem Praktikum vor der Kaderausbildung das Rüstzeug für den Einstieg in die Berufssparte zu geben. Danach, so hoffen wir, werden sich vermehrt Österreicherinnen zum Dienst im Bundesheer melden.

Wie sehen Sie die nächste Zukunft für das Personal im Bundesheer?
Nachdem die Trendumkehr in der Betrachtung von Personal im Bundesheer geschafft wurde und durch den Herrn Bundesminister sowohl das Image des Bundesheeres aber auch die Arbeitgebermarke massiv unterstützt wurde, sehe ich die Zukunft für uns mit einer positiven Perspektive. Motivierte und leistungsfähige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind der Garant für eine leistungsfähige Landesverteidigung im Sinne der Österreicherinnen und Österreicher. Und damit dies weiter so bleibt, daran arbeiten Expertinnen und Experten im Personalbereich täglich. Wir wollen und brauchen rechtzeitig ein personell stark aufgestelltes Bundesheer für die Bedrohungen der nächsten Zeit. Dafür sind auch wir bereit, etwas zur Verfügung zu stellen und etwas zu tun! Und die Zeit ist reif dafür.

Interview: Dieter Muhr, Bilder: Jürgen Zacharias, Bundesheer