03.11.17

Häuserkampf im Jura: So trainiert die Schweizer Armee

Nalé ist ein typisches Dorf im Schweizer Kanton Jura. Während es im Rest des Landes friedlich zugeht, herrscht dort das ganze Jahr über Krieg. Ein Besuch im Ausbildungszentrum West der Schweizer Armee.

Laut dröhnen die Motoren der Leopard-Kampfpanzer, als sie sich über die Route de Porrentruy dem Zentrum von Nalé nähern. Während die beiden Panzer vorne die Hauptstraße in Richtung Place des Cantons hochfahren, biegen die Leopard in der zweiten Reihe in eine Seitengasse ab, um den Angriff aus dem Rückraum zu sichern. Langsam drehen die Fahrzeuge ihre Geschütztürme von links nach rechts und wieder zurück. Sie sind auf der Suche nach Kämpfern, die sich in der Ortschaft versteckt halten sollen. Plötzlich geht alles ganz schnell: Ein lauter Knall und einer der angreifenden Panzer bleibt mit blinkendem Licht unmittelbar vor dem Place des Cantons stehen. Aus der Deckung eines Hauses heraus hat ein feindlicher Kampfpanzer einen Wirkungstreffer gelandet. Oranger Rauch steigt auf, der Leopard ist zumindest bei diesem Angriff keine Hilfe mehr.

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Realitätsnahes Übungsgelände: In Nalé können von bis zu 600 Soldaten zeitgleich praktisch alle militärischen Szenarien durchgespielt werden.

„Die Panzer sind zu forsch vorgegangen, obwohl sie von der Aufklärung wussten, dass sich in der Ortschaft nicht nur Soldaten, sondern auch gepanzerte Fahrzeuge versteckt halten“, sagt Einsatzleiter Andri Raffainer am Ende des Tages während der sogenannten „After Action Review“. „Da wäre mehr Vorsicht geboten gewesen.“ Bestätigt wird er dabei von einem Filmausschnitt auf einer Großbildleinwand, der den Angriff der beiden Panzerzüge nochmals im Detail nachzeichnet. Über die Lautsprecher sind passend dazu ausgewählte Funksprüche zu hören, die den Kommandanten – aber auch den Panzerbesatzungen – Aufschluss über etwaige Fehler geben. Oder wie in diesem Fall über eine ganze Fehlerkette, die zum raschen Verlust eines Panzers führte: Der Gegner wurde trotz guter Aufklärung unterschätzt. Der Vorstoß erfolgte zu rasch, die notwendige Sicherung konnte nicht rechtzeitig Position beziehen und war unkoordiniert. „Fehler sind nie gut“, sagt Andri Raffainer, „aber in der Eile des Gefechts unvermeidbar. Ziel unseres Trainings hier ist es allerdings, die Zahl der Fehler zu reduzieren und uns bestmöglich auf einen Ernstfall vorzubereiten, der hoffentlich nie eintritt.“

„Hier“, das sind rund 30 Häuser im fiktiven Ort Nalé, das Teil des Gefechtsausbildungszentrums West in Bure im Schweizer Kanton Jura ist. In Zusammenarbeit mit dem Technologiekonzernkonzern RUAG (der die Anlage auch betreibt) hat die eidgenössische Armee dort in den vergangenen Jahren einen der modernsten Truppenausbildungsplätze der Welt mit Schulungsräumen, Unterkünften und Versorgungseinrichtungen aufgebaut. Bis zu 600 Infanteristen und 100 Fahrzeuge können in der Ortskampfanlage gleichzeitig den Kampf in „überbauten Gebiet“ üben.

Um die Gefechte möglichst realitätsnah ablaufen zu lassen, hat RUAG  die Simulationsplattform SIM KIUG (kurz für Simulation Kampf im überbauten Gebiet) entwickelt, die technisch alle Stückerl spielt und in Echtzeit Auswirkungen der Kampfhandlungen darstellt. Landet ein Panzer beispielsweise einen Gebäudetreffer, steigt aus einzelnen oder mehreren Räumen Rauch auf, Fenster sowie Türen öffnen sich pneumatisch, um Schäden anzuzeigen. Dazu wurden in der Ortskampfanlage knapp 1.500 Laserempfänger, mehr als 6.500 Ultraschallsensoren und zalreiche Gebäuderechner und Darstellungsgeräte verbaut. Die Soldaten und Waffen werden mit Ultraschall- und Lasersensoren ausgestattet, sie feuern statt Munition Laserstrahlen. Ein Pager zeigt die Lebensdaten der Soldaten an und gibt Auskunft über mögliche Verletzungen. Mithilfe komplexer Berechnungen werden sogar die Auswirkungen von Gebäudebeschädigungen auf die in den Häusern befindlichen Soldaten dargestellt. Auch sonst lässt sich auf dem nur sieben Kilometer langen und maximal drei Kilometer breiten Gelände so ziemlich alles simulieren, was in realen Konfliktsituationen zu erwarten ist: Artilleriebeschuss beispielsweise, aber auch Minenfelder. Und in Zukunft könnte die Bandbreite der Möglichkeiten weiter steigen, Ausbaupläne für Nalé gibt es jedenfalls zur Genüge. In Überlegung ist beispielsweise die Anlage von Industriegebäuden und eines Bahnhofs, auch der Bau eines Autobahn-Teilstücks für Übungszwecke wird diskutiert.

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Dank technischer Raffinessen wirken Übungen in der Ortskampfanlage Nalé im Gefechtsausbildungszentrum West extrem realitätsnah.

Festgehalten werden die Abläufe von rund 400 fest verbauten Kameras innerhalb und außerhalb der Gebäude, einem mobilen Kamerateam und einer Drohne. Auch sämtliche Funksprüche werden aufgezeichnet und ebenso wie die Bewegtbilder direkt in die Leitungszentrale übertragen. Der Kommandant kann dort auf Bildschirmen und Leinwänden dem Gefecht folgen und bei Bedarf über Funk auch korrigierend in die Vorgänge eingreifen. Aber noch viel wichtiger: Er erhält dort in Echtzeit auch einen Überblick über die Abläufe in seiner Truppe. Funktioniert die Befehlskette? Gibt es Nachholbedarf in einzelnen Ausbildungsaspekten? Wo treten Probleme auf? Anschließend wird in der Kommandozentrale auch das Material für die Nachbesprechung vorbereitet, den Soldaten können so Fehler, aber auch Erfolge anschaulich gezeigt und an einer Verbesserung gearbeitet werden.

Der Kommandant des Ausbildungszentrums Heer (zu dem auch das Gefechtsausbildungszentrum West gehört), Oberst im Generalstab Ronald Drexel, ist von den Möglichkeiten jedenfalls überzeugt: „Wir haben hier in Bure eine der besten Anlagen der Welt und arbeiten ständig daran, sie noch besser zu machen.“ Möglich wird das durch den modularen Aufbau des Systems, die Implementierung neuer Waffensysteme und Gebäude ist dadurch vergleichsweise einfach möglich.

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Über zahlreiche Monitore haben die Mitarbeiter im Kommandozentrum die Vorgänge und Übungen in Nalé stets im Blick.

Während wir im Kommandozentrum die Möglichkeiten des Systems erörtern, entwickelt sich in Nalé ein wildes Gefecht. Aus dem Rückraum heraus beschießen die Panzer nun einen Turm, aus dem sich Widerstand regt. In rascher Folge landen sie zwei Treffer, die Fensterläden öffnen sich, Rauch steigt auf. Im Schutz der Leopard preschen zwei Schützenpanzer 2000 über die Route de Porrentruy und den Place des Cantons auf die Rue de l’Ecole bis unmittelbar vor ein größeres Gebäude. Absitzen! Mit dem Sturmgewehr im Anschlag verschwinden die Grenadiere im Haus. Die Panzer sichern währenddessen den Raum und rücken langsam vor. Bis plötzlich wieder oranger Rauch aufsteigt und ein weiterer Leopard in Nähe des Hauptplatzes liegen bleibt. Wer ihn getroffen hat? Das wird die Besatzung wohl erst beim „After Action Review“ erfahren. Der Einsatzleiter in der Kommandozentrale weiß dank der vielen Kameras schon jetzt Bescheid und deutet am Monitor auf einen am Ortsrand versteckten Kampfpanzer. „Beim nächsten Mal muss einiges besser werden“, sagt er. Gut, dass es bei Gefechten wie diesen ein nächstes Mal gibt.

Text: Jürgen Zacharias, Fotos: RUAG