27.06.18

Krisenherd Afrika

Die Konfliktlandkarte Afrikas hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschoben: Konzentrierten sich kriegerische Auseinandersetzungen in den 1990er-Jahren noch vornehmlich auf die „Mano River Union“, steht heute eindeutig die Sahelzone im Mittelpunkt.

Ach Afrika. Der Kontinent gilt auch Jahre nach dem Völkermord in Ruanda und dem Ende der Bürgerkriege in Angola, im Tschad und in Äthiopien als äußerst konfliktbeladen. Standen aber in den 1990er-Jahren noch die Staaten der „Mano River Union“ im Zentrum von Auseinandersetzungen und Gewalteskalationen, hat sich der Fokus zuletzt deutlich in den Sahelraum verschoben. Die Konfliktlandkarte Afrikas wurde innerhalb von nur zwei Jahrzehnten völlig neu gezeichnet und mit ihr die Art und Weise, wie Konflikte geführt werden. Zwischenstaatliche Kriege wie früher etwa zwischen Libyen und Ägpyten spielen heute kaum mehr eine Rolle. Immer seltener sind es zudem sogenannte Warlords, die für die Gewaltausbrüche verantwortlich sind. Heute geht die Gewalt vielmehr von islamis­tischen Gruppen aus, die grenzüberschreitend operieren und dabei keine Rücksicht auf staatliche Hoheitsgebiete und geografische Gegebenheiten nehmen.

Diese Zersplitterung und „Zerfaserung“ der Konfliktregionen mag mit ein Grund dafür sein, warum in der Europäischen Union und den meisten ihrer Mitgliedsstaaten afrikanische Verwerfungen (insbesondere jene in der Sahelzone, in Westafrika und am Horn von Afrika) meist nur dann wahrgenommen werden, wenn sich diese negativ auf die Migration auf dem Alten Kontinent auswirken. Andere Konflikte wie beispielsweise jene in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) oder der Zentralafrikanischen Republik rangieren in Europa hingegen unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle. Völlig zu Unrecht, wie die unübersichtliche Situation in der DRC zeigt, wo gleich mehrere Brandherde parallel lodern.

Im Nordosten des Landes etwa toben ethnische Auseinandersetzungen. In vielen Regionen kommt es außerdem zu Kämpfen zwischen Regierungstruppen, diversen ausländischen Kräften, lokalen Gemeinden sowie Rebellengruppen, von denen es alleine im Osten des Landes laut Schätzungen von Beobachtern mehr als 130 geben soll. Auch politisch ist das Land überaus instabil. Schon Ende 2016 hätten Präsidentschaftswahlen stattfinden sollen. Bislang wurden diese aber stets verschoben, nun möchte man Ende 2018 einen erneuten Anlauf unternehmen.

Ein großes Problem für Afrika sind die immer wieder aufflammenden Kämpfe mit Terrorgruppen wie Boko Haram. Im Bild zu sehen sind nigerianische Soldaten nach einem Gefecht mit Boko-Haram-Kämpfern im Norden Nigerias.

Ein großes Problem für Afrika sind die immer wieder aufflammenden Kämpfe mit Terrorgruppen wie Boko Haram. Im Bild zu sehen sind nigerianische Soldaten nach einem Gefecht mit Boko-Haram-Kämpfern im Norden Nigerias.

Ähnlich die Lage in Kamerun, wo der 1933 geborene Präsident Paul Biya seit 1982 zumindest für einen Hauch politischer Stabilität sorgt. In den vergangenen Jahren ist die Zahl ethnischer und religiöser Differenzen im Land trotzdem gestiegen. Zeitgleich verstärkte sich der Gegensatz zwischen der frankofonen und der anglofonen Bevölkerung und drohen spätestens bei einem Abgang von Biya heftige Kämpfe um seine Nachfolge. Dazu kommt: Der Norden des Landes ist Operationsgebiet der islamistischen Boko Haram, die auch im Nordosten Nigerias für Unruhe sorgt. Zudem werden insbesondere im Norden und im Zentrum des Landes Konflikte um Land, Weiderechte, Ressourcen und Identitäten entlang religiöser und ethnischer Grenzen ausgetragen.

Auch im Nigerdelta provozieren verschiedene Interessen immer wieder Auseinandersetzungen. Für Unruhe sorgt außerdem nach wie vor die Idee, dass sich die Region Biafra von Nigeria abspalten könnte. Separatistische Bewegungen gibt es in Westafrika auch in mehreren anderen Staaten, die sich je nach politischer Lage einmal mehr und einmal weniger zeigen. Stark ausgeprägt sind die Unabhängigkeitsbemühungen vor allem in der Region Casamance im Senegal, was befürchten lässt, dass dort alte Konflikte mit der Regierung wieder aufflammen könnten.

Die größte Herausforderung in Westafrika sind derzeit jihadistische Gruppen in Mali, Niger und Burkina Faso, aber auch im Tschad. Sie greifen aus abgelegenen Gebieten Ortschaften an, errichten Straßensperren und agieren auch sonst zunehmend professionell. So gehen sie etwa auch wechselnde Allianzen mit ethnischen oder lokalen kriminellen Gruppen ein und rekrutieren ihre Mitglieder insbesondere unter Nomaden.

Die Reaktionen der Staaten fallen unterschiedlich aus – abhängig von eigenen Ressourcen und internationaler Unterstützung beziehungsweise internationalem Druck. In Mali liegt der Fokus beispielsweise eindeutig auf dem Süden, während der Norden von der Regierung nach wie vor vernachlässigt wird. Burkina Faso muss sich hingegen damit auseinandersetzen, dass es Teil einer jihadistischen Expansion sein könnte.

Die aktuell wahrscheinlich konfliktreichste Region des Kontinents ist das erweiterte Horn von Afrika. Dort sind die zwischenstaatlichen Probleme zwischen Eritrea und Äthiopien noch immer ungelöst, in Äthiopien eskalieren zudem innerstaatlichen Differenzen. Immer häufiger kommt es zu Protesten der Oromo gegen die Politik der Zentralregierung. Auch in Eritrea droht das religiöse und ethnische Gleichgewicht gestört zu werden, falls sich in der Region generelle Veränderungen in den außenpolitischen Positionen ergeben – wie etwa eine Annäherung an Äthiopien. In Somalia hingegen kommt es nach wie vor zu Auseinandersetzungen der Regierung mit der Al-Shabaab- Miliz. Nach dem Rückzug äthiopischer Truppen konnte Al Shabaab sogar wieder die Kontrolle über einige Städte in Somalia erlangen. Zentrale Strategie der Gruppe bleiben aber Anschläge in der Hauptstadt Mogadischu und auf Einrichtungen der Regierung sowie der afrikanischen Friedenstruppe AMISOM.

Ein wenig in Vergessenheit geraten ist zuletzt der Konflikt im Südsudan. Trotz starker Präsenz der UNO werden dort die politischen und ökonomischen Machtkämpfe gewaltsam auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen. Der Aufbau tragfähiger staatlicher Strukturen läßt seit der Unabhängigkeit auf sich warten und es entsteht der Eindruck, dass auch unter den Augen der internationalen Gemeinschaft vor allem persönliche Interessen verfolgt werden.

Text: Gerald Hainzl, der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am IFK mit Forschungsschwerpunkt Afrika.

 

Kommentar von Brigadier Walter Feichtinger: Europas Strategie für Afrika

Brigadier Walter Feichtinger ist seit 2002 Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) an der Landesverteidigungsakademie.

Brigadier Walter Feichtinger ist seit 2002 Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) an der Landesverteidigungsakademie.

Europa weiß, dass seine Sicherheit maßgeblich von den Entwicklungen in Afrika abhängt. Doch die Ambitionen zur umfassenden Mitgestaltung sind mittlerweile gebremst, es gibt drängendere Probleme wie beispielsweise Syrien oder die Ukraine. Eine Beschränkung auf den Aufbau von afrikanischen Kapazitäten im Krisenmanagement könnte der strategische Ausweg sein.

Als wesentliche Gründe für ein europäisches Engagement in afrikanischen Räumen gelten Terrorbekämpfung und Migrationskontrolle. Sicherheit rangiert ganz vorne, sie stellt auch die wichtigste Voraussetzung für Entwicklung dar. Das Scheitern oder Versagen von Regierungen ist dabei ähnlich gefährlich wie das Einnisten von Terroristen in sogenannten „unkontrollierten Räumen“, aus denen sie Bevölkerungen drangsalieren oder staatliche Einrichtungen angreifen. Langfristig gesehen können sie nur durch lokale Sicherheitskräfte, die von der Bevölkerung unterstützt werden, erfolgreich bekämpft werden. Dieser Apparat muss aber der Kontrolle einer legitimierten und handlungsfähigen Regierung unterworfen sein – beides ist erforderlich. Internationales Krisenmanagement zielt daher vermehrt auf den Aufbau ziviler und militärischer Kapazitäten vor Ort ab.

Auch die Bewältigung aktueller Konflikte liegt immer mehr in den Händen afrikanischer Kräfte – siehe beispielsweise das gemeinsame Vorgehen von fünf Staaten der Sahel-Zone (G5-Initiative). Das besondere Engagement von UNO und EU in Mali liefert ein weiteres Beispiel für einen „indirekten Ansatz“, der primär auf die Stärkung bestehender politischer und militärischer Kräfte und weniger auf Radikalreformen setzt.

Das mag ambitionslos oder zurückhaltend sein, doch es entspricht den Erfahrungen aus anderen Engagements (beispielsweise Afghanistan und Irak). Aufbau und Stärkung lokaler Kapazitäten könnten daher ein pragmatischer strategischer Zugang sein gemäß dem alten Motto „afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme“.

 

Fotos: Getty Images & Nadja Meister

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