02.04.19

„Diplomatische Vorgänge explodieren!“

Brigadier Peter Vorhofer ist Leiter Attachéwesen und Militärdiplomatie. Ein Gespräch über die Aufgaben von Militärattachés, die größer werdende Bedeutung der Militärdiplomatie und die gestiegene Kooperationsbereitschaft.

Herr Brigadier, das sicherheitspolitische Umfeld der EU und Österreichs hat sich in den vergangenen Jahren auf nahezu allen Ebenen tendenziell verschlechtert. Gehen wir recht in der Annahme, dass deshalb Diplomatie und Militärdiplomatie an Stellenwert gewinnen?
Der Stellenwert der Militärdiplomatie lässt sich nicht nur auf eine Verschlechterung des sicherheitspolitischen Umfeldes zurückführen, sondern vielmehr auf den exponentiellen Anstieg von Kooperationen und Verhandlungen. Das bedeutet: Die sicherheitspolitischen Umfeldbedingungen sind komplizierter, in ihren Abfolgen schneller und in ihrer Vernetzung viel umfangreicher geworden. Wie in der zivilen Welt setzt sich durch die Vernetzung eine Spirale der wechselseitigen Konsultationen in Gang, welche diplomatische Vorgänge explodieren …

… und die Bedeutung der Militärdiplomatie steigen lässt?
Richtig. Es müssen viel mehr Akteure zu immer mehr Vorgängen koordiniert oder in Abstimmung gebracht werden. Dies scheint ein paradoxer Vorgang zu sein, wenn wir von einem „einheitlichen Europa“ und einer „Globalisierung“ sprechen. In der täglichen Arbeit steigen aber die Abstimmungsprozesse mit Nationen kontinuierlich an. Die Folge
daraus ist, dass vor allem die Geschwindigkeit in bilateralen Prozessen eine Form von „Quick-Response-Diplomatie“ hervorbringt. Dies geht eindeutig zu Lasten einer mittelfristig angelegten Policy oder Strategie zu bestimmten Regionen oder Ländern.

Brigadier Peter Vorhofer: „Die sicherheitspolitischen Umfeldbedingungen sind in den vergangenen Jahren komplizierter geworden.“

Brigadier Peter Vorhofer: „Die sicherheitspolitischen Umfeldbedingungen sind in den vergangenen Jahren komplizierter geworden.“

Worin unterscheiden sich Diplomatie und Militärdiplomatie? Was kann man sich unter Militärdiplomatie konkret vorstellen?
Die Militärdiplomatie hat ihren historischen Ursprung im Austausch von Boten, Gesandten und Verbindungsoffizieren von Streitkräften. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges waren vor allem die bewaffneten Mächte der einzelnen Nationen jene, die auch die Außenpolitik wesentlich mitbestimmt haben. Erst danach wurde dieser Bereich an die zivilen
Experten der Außenministerien abgegeben. Somit stellen heutzutage die Militärdiplomatie und die Militärattachés als Instrument der Umsetzung vor Ort eigentlich einen Spezialbereich der Diplomatie dar, wie sie etwa auch durch einen Kulturattaché oder einen Handelsdelegierten und andere durchgeführt wird. Die Bedeutung des Militärattachés ist auch in den österreichischen Botschaften erkennbar. Neben dem Botschafter und dem Erstzugeteilten steht in der Rangfolge der Militärattaché an der dritten Stelle.

Welche Aufgaben nehmen Militärattachés konkret wahr?
Militärattachés bekommen zu Beginn ihrer Einsätze einen umfassenden und detaillierten Katalog an Aufgaben, welchen sie für das Bundesheer und die Republik Österreich umzusetzen haben. Diesen kann man in vier große Teilbereiche einteilen: erstens die Interessensverfolgung und Interessensinitiierung in den Empfangsstaaten, welche durch die oberste politische und militärische Führung vorgegeben sind. Zum Zweiten die Informationsbeschaffung und Informationsaufbereitung über Vorgänge in den akkreditierten Empfangsstaaten. Drittens die Unterstützung der österreichischen Botschaft vor Ort in allen sicherheitspolitischen und militärischen Angelegenheiten. Viertens Hilfestellung für österreichische und EU-Staatsangehörige im Ausland, besonders in Krisenfällen, beispielsweise im Falle von Evakuierungen.

Wo überall sind eigentlich österreichische Militärattachés tätig?
Österreich betreibt aktuell 23 Militärattachébüros, wobei jedes Büro zu seinem Hauptsitz noch zwei bis maximal vier weitere Länder als Verantwortungsbereich zugeordnet bekommt. Damit kann Österreich mit 70 Nationen bilaterale Beziehungen aufrechterhalten. Wo und in welchem Umfang bilaterale Zusammenarbeitsfelder aufgebaut werden, leitet sich aus den Policy- und Strategiedokumenten ab, wobei beispielhaft folgende Kriterien angewendet werden: aktuelle Krisenräume und daraus abgeleitete Bedrohungen für Österreich, Regionen mit beabsichtigten Kooperationsbestrebungen und/oder gemeinsames Vorgehen in multilateralen Organisationen.

Wer bestimmt, in welche Länder Militärattachés geschickt werden?
Die Entscheidung ein Militärattachébüro einzurichten wird zu einem großen Teil durch interne Analysen, jedoch auch in Abstimmung mit dem Außenministerium durchgeführt. Mit der Anzahl von derzeit 23 Büros liegt Österreich im Durchschnitt vergleichbarer
anderer Nationen. Wichtig ist, dass auf aktuelle Entwicklungen reagiert werden kann.

Wird das Netz tendenziell ausgebaut oder eher verschlankt?
In den vergangenen Jahren wurde das Attachénetz deutlich reduziert. Dies vor allem vor dem
Hintergrund der zur Verfügung stehenden Ressourcen. Aktuell hat das Netzwerk wieder an Bedeutung gewonnen, da in einer globalisierten Welt die Interessensvertretung im Ausland unabdingbare Voraussetzung für die oberste Führung ist, Gefahren frühzeitig für Österreich zu erkennen und die Eigeninteressen der Republik mit Nachdruck in den Empfangsstaaten zu verfolgen. Globalisierung in der Militärdiplomatie bedeutet, dass sich das BMLV in wenigen Stunden mit Problemstellungen auseinanderzusetzen hat, welche auch auf der anderen Seite der Welt liegen.

Wie geht man in der Ausbildung der Militärattachés auf aktuelle Entwicklungen ein?
Die Ausbildung von Militärattachés dauert rund ein Jahr und ist somit nach der Ausbildung im
Außenministerium die umfangreichste Vorbereitung aller Ministerien auf einen solchen
Auslandseinsatz. Neben Sprachen werden sicherheitspolitische, nachrichtendienstliche, wirtschaftliche, militärische bis hin zu protokollarischen und interministeriellen Aspekten vermittelt. Gewisse Ausbildungsabschnitte befassen sich mit spezifischen Gefahren im Empfangsland, das Verhalten bei Bedrohungen wird trainiert bis hin zu Spezialausbildungen wie Beherrschung von Fahrzeugen in Extremsituationen. Das Angebot soll auch allen
Ministerien in Österreich angeboten werden.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie sonst noch?
Ein wesentlicher Teil der Militärdiplomatie ist dem Ausverhandeln von Kooperationsaktivitäten gewidmet. Dazu muss angemerkt werden, dass das Bundesheer mit Partnerstaaten von mehreren Dutzend Kooperationsaktivitäten im Jahr bis im Extremfall mehreren Tausend Kooperationsaktivitäten durchzuführen hat. Derzeit gibt es ein Phänomen, welches ich als „negative Fähigkeitenspirale“ bezeichnen möchte. Dies beschreibt den Umstand, dass die meisten Nationen in den letzten Jahrzehnten viele Fähigkeiten in ihren Armeen aufgrund von Einsparungen abgebaut haben.

Ist das auch ein Mitgrund für die gestiegene Kooperationsbereitschaft?
Ja, viele Nationen versuchen dieses Manko durch Kooperation aufzufangen. Und somit sind
spezielle Fähigkeiten extrem überlastet. Zum Zweiten sind auch größere Länder, die noch über mehr Fähigkeiten verfügen, an die Grenze der Belastung geraten und können den Kooperationsansturm nicht mehr auffangen. Jede Zusammenarbeit, aus der beide Seiten einen Vorteil ziehen, bedarf, um sie in tatsächliche Kooperationen überzuführen, vor allem am Beginn eines erhöhten Einsatzes von Ressourcen. Wenn dies nicht gewährleistet werden könnte, würden wir nur von „sicherheitspolitischer Entwicklungshilfe“ sprechen. Daher sind Kooperationen nur dann für beide Seiten gewinnbringend, wenn mit dem jeweiligen Partner auf Augenhöhe gesprochen werden kann. In der Zusammenarbeit mit anderen Nationen muss man bei Änderungen solcher Beziehungsgeflechte immer von einen Horizont von ein bis zwei Jahren ausgehen. Kurzfristigste Änderungen sind in der Diplomatie eine besondere Herausforderung, da damit in den meisten Fällen bestehende Beziehungen auf Grund kurzfristiger Einflussfaktoren nachhaltig gestört werden können. Sensibilität und Weitblick sind neben dem Fachwissen von großer Wichtigkeit.

 

Zur Person
Brigadier Peter Vorhofer, Jahrgang 1967, absolvierte 1991 die Militärakademie (Jahrgang Mentenuovo) und im Jahr 2000 den 15. Generalstabslehrgang. Von 2000 bis 2002 war er Leiter des Fachbereichs Taktik und Führung an der Militärakademie, 2003 Leiter Referat Sicherheitspolitik und stellvertretender Leiter Öffentlichkeitsarbeit KBM, anschließend von 2004 bis 2006 sicherheitspolitischer Berater des Verteidigungsministers. 2009 NCC AUTCON EUFOR ALTHEA und Chief Joint Military Affairs HQ EUFOR; seit 2009 bis dato Leiter Attachéwesen und Militärdiplomatie, 2011 bis 2012 Kommandant der Heerestruppenschule.

 

Interview: Jürgen Zacharias, Foto: HBF

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