20.07.19

Stealth vs. Luftabwehr?

Fabian Ochsner war bis vor Kurzem Kommandant der Schweizer Luftabwehrtruppe und ist nun Head of Marketing sowie CEO Air Defence & Radar Systems bei Rheinmetall Defence. Wir haben ihn gefragt: Wer ist bei einer Konfrontation im Vorteil? Angreifende Stealth-Jets oder die bodengebundene Luftabwehr?

Herr Ochsner, Kampfflugzeughersteller haben die Bedrohungskreise bodengestützter Luftabwehr durch den Einsatz von schwer erfassbaren Stealth-Flugzeugen angeblich um bis 80 Prozent verkleinert?
Natürlich wird jeder Hersteller seine Stärken betonen, deshalb verweisen Stealth-Vertreter gerne darauf, dass ihre Maschinen nur über einen Radarquerschnitt wie ein Spatz verfügen. Dabei legen sie ihren Berechnungen aber nur durchschnittliche Referenzsysteme zugrunde und sie berücksichtigen auch die taktische Aufstellung am Boden nicht. Wenn ich als Verteidiger weiß, dass ein Aggressor über Stealth verfügt, werde ich mich technisch darauf einstellen. Egal ob früher F-117 oder heute B-2, die Maschinen können sich nicht gänzlich unsichtbar machen, vorgelagerte und gestaffelte Radars machen trotzdem eine frühe Erkennung möglich.

Die Chinesen behaupten, mit ihren riesigen Lang- oder Längerwellen-Radargeräten den Faktor Stealth praktisch ausschalten zu können.
Deshalb ist es auch zu hinterfragen, weshalb der Westen trotzdem derart stark auf die Karte Stealth setzt. Immerhin macht es Stealth Verteidigern unmöglich, mit zwei oder drei Radaren einen großen Raum abzudecken und dahinter sicher zu sein. Verteidiger müssen sich ganz genau überlegen, wo und wie sie ihre Luftabwehr aufbauen. Will man einen Gegner möglichst gleich an der Landesgrenze vom Himmel holen oder lieber Schlüsselobjekte sichern? Es kann durchaus sinnvoll sein, die bodengestützte Luftabwehr rund um Schutzobjekte zu konzentrieren und gegnerische Waffenträger der eigenen Luftkomponente zu überlassen.

Voraussetzung dafür ist aber, dass ich beide Komponenten hochgerüstet und up to date vernetzt habe, und das ist auch bei vielen hochgerüsteten Nationen nicht der Fall, oder?
Das ist wahr. Ein besonders gutes Beispiel – im negativen Sinne – sind die USA. Das Pentagon hat fast 20 Jahre nichts im Bereich der bodengestützten Luftabwehr gemacht und droht daher bei einer Auseinandersetzung mit modernen Systemen überrannt zu werden. Da haben die Planer grob versagt.

Laut Fabian Ochsner,  CEO Air Defence & Radar Systems bei Rheinmetall Defence, ist eine Kampfwertsteigerung der österreichischen 35mm-Flak denkbar. Dabei soll das System auch für die  Drohnenabwehr geeignet gemacht werden.

Laut Fabian Ochsner, CEO Air Defence & Radar Systems bei Rheinmetall Defence, ist eine Kampfwertsteigerung der österreichischen 35mm-Flak denkbar. Dabei soll das System auch für die Drohnenabwehr geeignet gemacht werden.

Im Gegensatz zu den USA haben sich die Russen in diesem Bereich mit S-300PMU-2, S-400 und bald S-500 eine für ihr Land und für den Export dominierende Stellung aufgebaut.
Definitiv! Gegen die russischen – zunehmend aber auch chinesischen – Systeme würde ich nur sehr ungerne im AWACS oder im Kampfjet anfliegen. Sie erzeugen echte Hochrisikozonen und davon sind auch die Kräfte der „Big Player“ nicht ausgenommen. Natürlich sind auch diese Systeme überwindbar, aber eben mit einem viel größeren Aufwand.

Was halten Sie von der Vermutung vieler Airchiefs am Golf, dass die Frühwarnradars exportierter russischer Systeme im Hintergrund Informationen an das russische Luftraumüberwachungssystem liefern?
Man sollte diesen Gefährdungsansatz auf jeden Fall ernst nehmen. Aber dafür fehlt in Europa weitgehend das politische Verständnis, derartige Bedrohungsszenarien werden fast reflexartig angezweifelt.

Anderes Thema: Ihre Firma bietet in der Schweiz beim neuen Boden-Luft-Abwehrsystem (kurz BODLUV) mit.
Richtig. BODLUV ist Teil von „Air2030“, das auch 40 neue Kampfflugzeuge einschließt und politisch bereits auf Schiene gebracht wurde. Bei BODLUV selbst geht es vor allem um einen Ersatz für die ehemaligen britischen Bloodhound-Raketen mit hohen Reichweiten sowie Flughöhen. Ziel ist es, damit das gesamte flache Land mit allen Ballungszentren unter permanenten Schutz zu stellen, was mit Flugzeugen alleine nicht oder nur sehr kurz möglich wäre.

Wie soll das konkret funktionieren? An welche Systeme wird gedacht?
Man will in den entsprechenden Höhenbändern großflächig – zusammen mit der Dynamik von Kampfflugzeugen – wirken und dafür bieten wir von Rheinmetall zusammen mit unserem Partner Raytheon im sogenannten „Swiss Patriot Team“ das MIM-104 Patriot-System PAC-3 an. Konkurrenten sind das israelische David’s Sling von Rafael und die französische Eurosam SAMP/T. Die armasuisse hat die erste Offertanfrage bereits übergeben, die ersten beiden Angebote wurden Ende März abgegeben. Ende 2020 soll es dann einen Evaluationsbericht geben, daran anschließend einen Typenentscheid und 2025 soll die Einführung beginnen.

Und die bisherigen Systeme werden angepasst oder ausgeschieden?
Das Skyguard-Radar und die 35-mm- Rohrflak bleiben für den Nahbereich im Einsatz, werden möglicherweise sogar nochmals kampfwertgesteigert.

Wäre das nicht auch für Österreich und unsere 35-mm-Oerlikon eine Idee?
Sicherlich und darüber laufen auch Gespräche – soviel kann ich sagen. Da geht es unter dem Arbeitsbegriff „Countering Advanced Air Threat“ hauptsächlich um Drohnenabwehr. Man hat dahingehend einige Versuche gemacht und festgestellt, dass die 35-mm-Flak mit dem Skyguard eine gute Basis dafür bietet.
Interview & Foto: Georg Mader

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