30.07.19

„Wir müssen uns weiter entwickeln!“

Warum alle Fähnriche ein Auslandssemester machen sollen und was autonome Gefechtsfelder und künstliche Intelligenz mit der Zukunft der Theresianischen Militärakademie zu tun haben. Militär Aktuell hat Akademiekommandant Generalmajor Karl Pronhagl und Brigadier Jürgen Wörgötter, Leiter des Instituts 1 (Offiziersausbildung) zum Interview getroffen.

Sebastian Freiler

Akademiekommandant Generalmajor Karl Pronhagl und Brigadier Jürgen Wörgötter, Leiter des Instituts 1, im Gespräch mit Militär Aktuell-Autor Stefan Tesch.

Herr Generalmajor Pronhagl, im vergangenen Jahr wurden an der Militärakademie nur 23 Offiziere ausgemustert, aktuell befinden sich im ersten Jahrgang aber 78 Fähnriche. Der Aufwärtstrend ist unübersehbar, oder?
Pronhagl: Für den nächsten Jahrgang haben wir vom Ministerium sogar 105 Plätze vorgegeben bekommen und ich glaube, dass wir uns auch in den nächsten Jahren auf diesem Niveau bewegen werden, es steht schließlich eine große Pensionierungswelle bevor.

Wie schwierig ist es, dafür ausreichend Offiziersanwärter zu finden?
Wörgötter: Die Frage ist nicht nur, ob man genügend Offiziersanwärter bekommt, sondern auch, ob man ausreichend qualifizierte Anwärter gewinnen kann. Wir wollen daher für die jährlichen Auswahlverfahren so viele Bewerber wie möglich, um dann die besten abschöpfen zu können. Beim derzeit ersten Jahrgang war das Verhältnis Bewerber versus Studienplätze 131 zu 78. Viel erhoffen wir uns von der Schule für Führung und Sicherheit als Nachfolger des Militär-Realgymnasiums. Wenn wir damit bis zu 50 Bewerber mehr bekommen, wäre uns sehr geholfen.
Pronhagl: Natürlich ist es schwer, ausreichend gute Bewerber zu bekommen, aber wir kämpfen um die klugen Köpfe. Augenblicklich bekommen wir dabei große Unterstützung aus dem Ressort und dem Heerespersonalamt, wo massiv – unter anderem auch über Social-Media-Kampagnen – das Zielpublikum für potenzielle Offiziersanwärter angeworben wird. Offensichtlich mit Erfolg, denn derzeit haben wir 250 Mann in der Kaderanwärter-Ausbildung (kurz KAAusb).

Die hat früher Einjährig-Freiwillig (EF) geheißen. Welche Unterschiede beobachten Sie bei der Qualität der Ausbildung?
Pronhagl: Es ist noch zu früh, um darüber zu urteilen. Wir haben erst den zweiten Jahrgang aus der Kaderanwärterausbildung bei uns und die Meinungen sind unterschiedlich. Die einen
sagen, früher war es mit EF besser, andere bevorzugen die KAAusb.

Wie ist Ihre Meinung dazu?
Pronhagl: Ich bin ein großer Freund desKAAusb-Modells. Damit können wir Soldaten sagen, „nach 18 Monaten bist du Wachmeister“. Das war früher nicht so klar geregelt.

Musste man hinsichtlich KAAusb am Curriculum des Studienganges etwas aktualisieren?
Wörgötter: Nein. Ich finde die Qualität, die wir bekommen, durchaus vergleichbar mit EF. Die Heerestruppenschule macht eine sehr gute Arbeit. Schade ist, dass der Begriff EF langsam am
Verschwinden ist. Das war immer eine Art Benchmark, die man vielleicht reaktiveren sollte. Allerdings bemerken wir zusehends – aber das ist nicht dem Militär geschuldet –, dass die körperliche Fitness abnimmt. Und auch die Kenntnisse über die deutsche Sprache sind nicht sonderlich gut. Wenn ich mir so manche Seminararbeit anschaue, frage ich mich, ob manche die Matura geschenkt bekommen haben. Das sind Qualitätsunterschiede zu Jahren davor und in diesem Bereich müssen wir unbedingt nachjustieren.

Wird ab jetzt an der Militärakademie also auch Rechtschreibung gelehrt?
Wörgötter: Nein, aber ich lege Wert auf korrekte Rechtschreibung. Und wenn jemand eine Arbeit mit mangelhafter Rechtschreibung abgibt, dann wird sie entsprechend schlecht bewertet oder sogar gänzlich abgelehnt und eine Neubearbeitung beauftragt. Jeder Computer hat doch ein Rechtschreibprogramm. Es kann nicht sein, dass eine angehende Führungskraft das Rechtschreibtool auf seinem Computer nicht verwendet.

Brigadier Jürgen Wörgötter: „Wir bieten künftigen Führungskräften hier eine möglichst breite Plattform, damit sie sich in Zukunft entwickeln können!“.

Brigadier Jürgen Wörgötter: „Wir bieten künftigen Führungskräften hier eine möglichst breite Plattform, damit sie sich in Zukunft entwickeln können!“.

Seit 2007 wird an der Militärakademie der Studentenaustausch mit ausländischen Akademien gepflegt, sozusagen das „militärische Erasmus“. Welchen Nutzen bringt das den Fähnrichen?
Wörgötter: Einer unserer Hauptaufträge lautet „Ausbilden für den Einsatz“. Die fertigen Offiziere gehen alle innerhalb eines Jahres in den Einsatz, entweder Auslandseinsatz oder in den Assistenzeinsatz. Und dabei operiert das Bundesheer oft Seite an Seite mit zivilen Partnern, mit NGOs und mit anderen Armeen. Wir müssen daher die Führungskräfte in Richtung Cultural Awareness ausbilden, damit sie Konflikte verstehen und mit anderen Akteuren Krisen richtig managen. Gerade in Auslandseinsätzen ist die Interoperabilität mit anderen Armeen essenziell. Und das kann ich nur ausbilden, indem wir an der Militärakademie „Go International“ leben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass jene Studenten, die im Ausland waren, sich in der Ausbildung besser entwickeln als jene, die nicht im Ausland waren. Das hat gar nichts mit dem Militärischen zu tun, das ist in der gesamten Hochschullandschaft der Fall.

Es gehen aber nicht nur österreichische Fähnriche für ein paar Monate nach Polen, Tschechien, Deutschland sowie in die USA, sondern es kommen auch Kadetten von diesen Staaten an die Militärakademie. An welchen Schrauben hat man im Haus drehen müssen, um ausländische Kadetten unterrichten zu können?
Pronhagl: Größtenteils geht es einfach um den Willen, es zu tun. Die Organisation hinter dem europäischen Kadettenaustauschprogramm „EMILYO“ (Anm.: European Initiative for the Exchange of young Officers) unterstützt massiv.
Wörgötter: Gegenseitige Anerkennung ist die wesentliche Stellschraube. Wir vertrauen uns gegenseitig Kadetten an und rechnen ihnen ECTS (Anm.: European Credit Transfer and Accumulation System) an. Das heißt, wir müssen im Curriculum der anderen Akademien prüfen, ob das für uns stimmig ist. Schließlich erkennen wir ja die Inhalte dieser Akademien an. Es war schon eine große Aufgabe, gemeinsame Module wie beispielsweise Völkerrecht und
Politikwissenschaft zu entwickeln und die Rahmen der Akkreditierung anzuerkennen.

Parallel zu dem bereits seit Jahren gelebten Austauschprogramm gibt es aktuell auch ein Ausbildungsprojekt mit Bosnien. Was steckt da dahinter?
Pronhagl: In Bosnien gibt es keine Offiziersschule für eine einheitliche Ausbildung. Ein Teil der Offiziere bekommt daher seine Ausbildung in Kroatien, ein anderer Teil in der Türkei, ein weiterer Teil in Serbien und nun haben wir aktuell zehn bosnische Soldaten in der KAAusb, die heuer im ersten Jahrgang an der Militärakademie beginnen werden. Österreich unterstützt damit die Offiziersausbildung in Bosnien. Das ist kein bilaterales Austauschprogramm. Das Ressort hat schon ein bisschen Geld dafür in die Hand genommen, um der bosnischen Armee zu helfen.

Kommen wir wieder zurück nach Österreich. Wolfgang Baumann, Ex-Generalsekretär im Verteidigungsministerium, hat im Interview mit Militär Aktuell im vergangenen Oktober erklärt, dass künftig 15 Plätze an der Militärakademie für Unteroffiziere reserviert sein sollen. Was bedeutet das konkret?
Wörgötter: Die Möglichkeit, als Unteroffizier an der Militärakademie zu studieren, hat es grundsätzlich immer schon gegeben. Wer fünf Jahre Berufsunteroffizier ist, kann den Antrag auf einen sechsmonatigen Ausbildungslehrgang mit abschließender Zulassungsprüfung zum Studiengang „Militärische Führung“ stellen. Eine Matura light quasi. Wenn das positiv ausfällt, dann dürfen Unteroffiziere sich dem Aufnahmeverfahren an der Militärakademie stellen.

Generalmajor Karl Pronhagl: „Ich bin ein großer Freund desKAAusb-Modells. Damit können wir Soldaten sagen, ,nach 18 Monaten bist du Wachmeister‘. Das war früher nicht so klar geregelt.“

Generalmajor Karl Pronhagl: „Ich bin ein großer Freund desKAAusb-Modells. Damit können wir Soldaten sagen, ,nach 18 Monaten bist du Wachmeister‘. Das war früher nicht so klar geregelt.“

Die Frauenquote an der Militärakademie liegt aktuell bei elf Frauen unter rund 160 Studenten. Wie viel Luft ist diesbezüglich nach oben?
Pronhagl: Bis dato haben wir 32 Frauen ausgebildet. Definitiv ist da noch viel Potenzial, wo wir uns weiterentwickeln müssen. Uns fehlt es an ausreichend „Role Models“ im Haus, also Frauen in verantwortungsvollen Positionen. Ein paar gibt es zwar schon, aber es müssen noch mehr werden.

Die geopolitische und sicherheitspolitische Lage ändert sich ständig. Wie reagiert man an der Militärakademie darauf?
Wörgötter: Wir bieten künftigen Führungskräften eine möglichst breite Plattform, damit sie sich in Zukunft entwickeln können. Wichtig dabei ist, dass Unterrichtsfächer nicht alleine stehen, sondern immer „in den Einsatz hineinreichen“ und vernetzt unterrichtet werden. Zum Beispiel: Wenn wir in Geschichte über den Einsatz der britischen Armee in Falludscha im Irak sprechen, dann stellen wir die Verbindung zu unserer Taktikausbildung her und vergleichen sie mit den Briten. Wir ziehen Rückschlüsse aus den Fehlern der Briten auf unsere Ausbildung.

Wie lange dauert es, bis eine neue Erkenntnis beim Fähnrich ankommt?
Wörgötter: Das Curriculum muss sich ständig weiterentwickeln. Zehn bis 15 Prozent der Änderung nehme ich von Jahr zu Jahr vor, um am Puls der Zeit zu bleiben. Kleine Änderungen sind also schon morgen umgesetzt. Wenn es aber militärstrategisch notwendig ist, einen Richtungswechsel einzuleiten, dann dauert das bis zu zwei Jahre.

An der Militärakademie gibt es neben den Instituten für Offiziersausbildung und Offiziersweiterbindung auch die sogenannte Entwicklungsabteilung. Sie stellt die Forschungseinrichtung dar. An welchen Projekten arbeitet man dort aktuell gerade?
Pronhagl: Wir befassen uns mit dem Amt für Rüstung und Wehrtechnik mit dem Thema „autonomes Gefechtsfeld“. Die Frage ist, wie funktionieren automatisierte Verbände, dazu gehören unter anderem Drohnen und Roboter. Anhand von Simulation erforschen wir, was man von diesem Zukunftsthema erwarten kann. Gerade in der künstlichen Intelligenz liegt sehr viel Potenzial, aber wir befinden uns noch am Beginn dieser Entwicklung.
Interview: Stefan Tesch, Fotos: Sebastian Freiler

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