08.09.19

Logistische Drehscheibe am Erzberg

Das Sanitätslager Eisenerz versorgt das Bundesheer mit Sanitätsgütern und mit medizinisch-technischen Geräten, und bildet damit das logistische Rückgrat im Sanitätsbereich. Ein Truppenbesuch am Erzberg.

AUSSERGEWÖHNLICHER STANDORT Direkt am Erzberg betreibt das Bundesheer das Sanitätslager Eisenerz. Von dort aus wird das gesamte Bundesgebiet versorgt.

Direkt am Erzberg betreibt das Bundesheer das Sanitätslager Eisenerz. Von dort aus wird das gesamte Bundesgebiet versorgt.

Die letzten Kilometer am Weg zum Sanitätslager Eisenerz bilden ein Panoptikum aus baulichen Relikten aus der Blütezeit des Erzabbaus. Vieles hat seine ursprüngliche Funktion längst verloren und versprüht heute einen morbiden Charme. Doch der tiefgreifende Wandel der vergangenen Jahrzehnte hat auch für so manche ungewöhnliche Transformation gesorgt: Hoch oben am Erzberg, wo die Asphaltstraßen längst zu Ende sind und auf breiten Schotterpisten gefahren wird, die viel Staub aufwirbeln, hat das Bundesheer im Jahr 1989 ein ehemaliges Betriebsareal eines steinverarbeitenden Unternehmens zu seiner logistischen Drehscheibe gemacht. Abseits jeglicher Öffentlichkeit lagert hier alles, was in den Kasernen, aber auch bei Auslandseinsätzen, Assistenzeinsätzen, Übungen und bei Veranstaltungen an Sanitätsversorgungsgütern benötigt wird. Die Wahl des Standorts inmitten der spektakulären Gebirgskulisse der Steiermark erfolgte einst nicht zuletzt aus strategischen Gründen.

Die Halle des Sanitätslagers ist 120 Meter lang und zählt mehr als 3.500 Palettenplätze.

Die Halle des Sanitätslagers ist 120 Meter lang und zählt mehr als 3.500 Palettenplätze.

„Im Sinne des militärischen Konzepts der Raumverteidigung wurde ein Ort weit abseits der Hauptstoßrichtungen gewählt“, erklärt Oberst Hansjörg Kobald, der Kommandant des Heereslogistikzentrums Wien, zu dem auch das Sanitätslager Eisenerz gehört. Neben dem Hauptlager in Eisenerz existiert in Wien ein zweites, kleineres Sanitätslager des Heereslogistikzentrums. Die Aufgaben sind klar verteilt. Kobald: „Wien ist insbesondere für Arzneimittel zuständig. Eisenerz ist der Standort für Sanitätsgüter wie Verbandstoffe, aber auch für Reagenzien und für medizinisch-technische Geräte.“ Und das in beeindruckender Menge und Vielfalt, wie ein Blick ins Innere des Lagers zeigt.

Die Halle des Sanitätslagers ist beeindruckende 120 Meter lang. Die bis zur Decke reichenden Hochregale bilden lange, schmale Fluchten, durch die sich die Fahrer der Hoch­regalstapler zielsicher bewegen. In Summe gibt es mehr als 3.500 Palettenplätze. Decken, Verbandszeug und Krankentragen lagern hier ebenso wie Röntgenschürzen, chirurgisches Besteck und Dosenbrot, aber auch Unterrichtsmaterialien wie Puppen für die Erste-Hilfe-Ausbildung. In den Nebengebäuden befinden sich Sanitätsgüter wie Sauerstoffflaschen, Desinfektionsmittel, Dekontaminationsmittel, Schutzmasken und Hautentgiftungspulver. Das Sanitätslager deckt den gesamten Bedarf des Heeres ab. Amtsdirektor Manfred Dorfer, der Kommandant des Sanitätslagers: „Jeder Bundesheerstandort im gesamten Bundesgebiet wird regelmäßig von uns versorgt – vom Pflaster bis zum Defibrillator.“

Satzbildungsraum: In Eisenerz wird dafür  gesorgt, dass die Notarztrucksäcke und Verbandskästen des Heeres einwandfrei bestückt sind.

Satzbildungsraum: In Eisenerz wird dafür
gesorgt, dass die Notarztrucksäcke und Verbandskästen des Heeres einwandfrei bestückt sind.

Doch neben diesen planbaren Routineabläufen in Sachen Umschlag und Verteilung von Sanitätsversorgungsgütern ist die Arbeit der insgesamt 19 Mitarbeiter auch geopolitischen Ereignissen und Naturkatastrophen unterworfen. Dorfer: „Wenn das Bundesheer internationale Katastrophenhilfe leistet, wie etwa nach Erdbeben, sind unsere Versorgungsgüter gefragt.“ Mitunter warten hochkomplexe Aufgaben wie in den 1990er-Jahren im Iran. Das Bundesheer errichtete damals im Zuge eines humanitären Einsatzes ein komplettes Feldspital für geflüchtete irakische Kurden auf 1.600 Meter Seehöhe. „Wir haben das Lazarett hier in Eisenerz verladen und mit 28 Lkw zuerst in die Dabsch-Kaserne und dann mittels Flugtransport in den Einsatzraum gebracht“, so Dorfer über das inhaltlich wie geografisch weitläufige Aufgabengebiet des Sanitätslagers. Momentan versorgt Eisenerz die Auslandseinsätze im Libanon, Kosovo und in Bosnien.

BESONDERES AUFGABENFELD Oberst Hansjörg  Kobald (oben), der Kommandant des Heereslogistik- zentrums Wien, und Amtsdirektor Manfred Dorfer (oben rechts), der Kommandant des Sanitätslagers,  verantworten die  Lagerung von  mitunter höchst außergewöhnlicher Ware wie Erste- Hilfe-Puppen.

Oberst Hansjörg Kobald (oben links), der Kommandant des Heereslogistikzentrums Wien, und Amtsdirektor Manfred Dorfer (oben rechts), der Kommandant des Sanitätslagers, verantworten die Lagerung von mitunter höchst außergewöhnlicher Ware wie Erste-Hilfe-Puppen.

Doch Eisenerz ist nicht nur logistische Drehscheibe. Im Sanitätslager erfolgen auch die Überprüfungen und Abnahmen von elektromedizinischen Geräten von Beatmungs- bis Herzüberwachungsgeräten. Ein sensibler Bereich, der hochspezialisiertes Personal erfordert (siehe Interview). Viel logistischen Aufwand bedeutet auch das Altlager. Hier wird die Selektion der einzelnen Sanitätsgüter durchgeführt. Es wird festgestellt, ob sie noch verwendungsfähig sind, ausgeschieden oder instandgesetzt werden. Genaues Arbeiten ist im sogenannten „Satzbildungsraum“ gefragt: Hier werden jene notfallmedizinischen Sätze gebildet, die von der Truppe etwa bei Veranstaltungen benötigt werden. Dazu gehören Notarztrucksäcke ebenso wie Verbandskästen – ein Teilbereich, der aber mit viel Arbeit verbunden ist. Dorfer: „Im Rahmen der Airpower beispielsweise arbeiten auch alle zivilen Notärzte mit unseren Notarztrucksäcken, bei der Airpower im September werden 30 bis 35 Notärzte im Einsatz sein.“ Die extrem hohen Sicherheitsvorschriften im Rahmen der Flugshow sorgen aber nicht nur in dieser Hinsicht für langwierige Vorbereitungen, die seit Anfang des Jahres laufen. „In Folge des Unglücks von Ramstein gibt es besonders strenge Sicherheitsvorschriften. Etwa große Mengen Infusionslösungen, die bei Verbrennungen benötigt werden, müssen vor Ort sein.“ Das verdeutlicht die Tragweite und die Relevanz des ungewöhnlichen Standorts. Dorfer: „Bevor der Sanitätsbereich nicht steht, startet kein einziges Flugzeug.“

 

 

Facts & Figures: Das Sanitätslager Eisenerz

Das Sanitätslager Eisenerz ist eine Abteilung des Heereslogistikzentrums Wien und bildet das Hauptlager der Sanitätsversorgungsgüter des Bundesheeres – ein zweites, wesentlich kleineres Sanitätslager, das auf Arzneimittel spezialisiert ist, befindet sich im Wiener Arsenal. In Eisenerz lagern wichtige Versorgungsgüter wie Sauerstoffflaschen, Krankentragen, aber auch medizinisches Arbeitsgerät wie chirurgisches Besteck und medizintechnische Geräte, die hier ebenso geprüft und abgenommen werden. Im vergangenen Jahr hat das Sanitätslager Eisenerz Waren mit einer Gesamtmasse von mehr als 175 Tonnen bewegt. Die Sanitätsversorgungsgüter betreffen nicht nur Heereseinrichtungen in Österreich. Eisenerz ist auch logistische Drehscheibe für die Versorgung der Auslandseinsätze. Am Standort sind insgesamt 19 Mitarbeiter beschäftigt. Mitunter handelt es sich , wie etwa im Bereich der Überprüfung medizintechnischer Geräte, um Spezialisten, die eine spezielle Ausrüstung brauchen. Zudem bildet das Bundesheer in Eisenerz zwei Lehrlinge im Bereich Betriebslogistik aus. Der auf 800 Meter Seehöhe gelegene Standort existiert seit dem Jahr 1989. Er befindet sich auf dem ehemaligen Betriebsareal eines steinverarbeitenden Unternehmens.

 

 

Interview: „Das ist wie beim Pickerl für das Auto“

VIZELEUTNANT HUBERT KNEISSL übt einen im Bundesheer sehr ungewöhnlichen Beruf aus.  Er ist dafür verantwortlich, dass die medizintechnischen Geräte der  Sanitätslager in Eisenerz und in Wien einwandfrei funktionieren.

Vizeleutnant Hubert Kneissl übt einen im Bundesheer sehr ungewöhnlichen Beruf aus.
Er ist dafür verantwortlich, dass die medizintechnischen Geräte der Sanitätslager in Eisenerz und in Wien einwandfrei funktionieren.

Herr Vizeleutnant, worin genau besteht Ihre militärische Aufgabe?
Als Medizintechniker der beiden Sanitätslager bin ich dafür verantwortlich, dass die medizintechnischen Geräte des Bundesheeres einwandfrei funktionieren. Dabei handelt es sich um ein ziemlich großes Aufgabengebiet. In Summe verfügt das Heer über rund 19.000 medizintechnische Geräte, die regelmäßig geprüft werden müssen. Jedes Gerät kommt irgendwann zu uns. Man muss sich das vorstellen wie beim „Pickerl“ für das Auto. Mit meiner Freigabe garantiere ich die volle Funktionsfähigkeit.

Welche Geräte sind das konkret?
Gerade eben habe ich die Ableitströme eines Herzüberwachungsgeräts überprüft, um zu garantieren, dass der Patient bei der Untersuchung keinen Stromschlag bekommt. Es kommen aber auch Defibrillatoren, Beatmungsgeräte und Blutzuckermessgeräte zu uns. Im Grunde überprüfe ich das gesamte Spektrum an medizintechnischen Geräten. Denn alles, was es in der Privatwirtschaft gibt, haben auch wir beim Bundesheer zur Verfügung. Zu meinen Aufgaben gehört es aber auch, neu angeschaffte Geräte entsprechend zu testen und abzunehmen, bevor diese in unsere Bestände aufgenommen werden. Und es gilt zu entscheiden, bei welchen Altgeräten es sich lohnt, sie wieder instand zu setzen. Etwa wenn lediglich ein Akku getauscht gehört.

Welche Ausbildungen sind für Ihre Tätigkeiten erforderlich?
Ich habe in den 1990er-Jahren eine Ausbildung zum diplomierten Elektroniker absolviert. Neben dieser fachlichen Grundlage waren diverse Weiterbildungsmodule und -kurse nötig, die bei Einrichtungen wie dem TÜV oder dem Wifi angeboten werden. Auch der Besuch von Schulungen der Gerätehersteller ist regelmäßig nötig, um als Medizintechniker überhaupt entsprechende Überprüfungen durchführen zu dürfen. Schließlich werden die Geräte technisch immer komplexer – gerade im Bereich der Defibrillatoren.
Text & Interview: Johannes Luxner, Fotos: Sebastian Freiler

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