04.11.19

The next generation

Nach dem NGF von Deutschland, Frankreich und Spanien gibt es mit dem Tempest nun auch ein zweites europäisches Projekt für einen Kampfjet der 6. Generation.

Georg Mader

Pelican, statt Tempest? Die stets gerne spöttelnden Briten meinten, dieser Typhoon-Ersatz solle besser „Pelican“ heißen. Aber in Tempest steckt viel mehr Tradition: So hat schon 1944 eine Hawker Tempest eine Hawker Typhoon abgelöst …

Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Frei nach dieser Devise drängen bei einigen Luftstreitkräften weltweit mit dem F-35 und dem J-20 gerade die ersten 5.-Generation-Kampfjets in die Staffeln. Parallel dazu laufen aber auch noch Aufwertungen für die aus Eurofighter, Rafále und Gripen bestehende 4. Generation und trotzdem denkt man in Europa bereits eine Generation weiter. Viele Experten mahnen für die dann 6. Generation – an eine Einführung ist nicht vor 2040 zu denken – ein einziges europäisches Luftkriegssystem ein, nicht noch einmal sollen sich drei europäische Muster auf den Märkten teure „Dogfights“ um kleine Stückzahlen liefern. Trotzdem sieht es vorerst danach aus, dass in den kommenden Jahren zwei Konzepte parallel heranreifen. Neben dem deutsch-französisch-spanischen NGF (Next Generation Fighter) im Rahmen eines FCAS (Future Combat Air System) verfolgen die Briten ihre Machbarkeitsstudie Tempest und haben sich für die „Einleitungsphase“ des Systems nun auch Schweden und Italien ins Boot geholt.

Unter „Einleitungsphase“ ist vorerst nicht viel mehr als ein Bekenntnis zur Zusammenarbeit und ein Statusbericht zu verstehen. Was dann tatsächlich ab etwa Mitte der 2020er-Jahre – und somit wohl einige Jahre vor dem „kontinentalen“ Projekt – erstmals abheben soll, konnte heuer bei der Royal International Air Tattoo in Fairford keiner der beteiligten Minister und Luftwaffenchefs und auch nicht der RAF-Programmleiter Air-Commodore Daniel Storr sagen. Die Herren konnten oder wollten auch nicht bestätigen, inwieweit der Prototyp dem vor den VIP-Chalets bereits präsentierten 1:1-Mockup ähneln wird. Fix scheint hingegen, dass in den neuen Typ sämtliche greifbaren „Zukunftstechnologien“ einfließen sollen: künstliche Intelligenz, 3D-Druck intelligenter Werkstoffe, ionisiertes Plasma, virtuelles Cockpit, richtbare
Energie- und Laserwaffen, die Option zum unbemannten Einsatz samt Schwarmintelligenz sowie Netzwerk-Kooperation mit den – ebenfalls noch zu entwickelnden – neuartigen unbemannten Stealth-Effektoren Mosquito und LANCA (Lightweight Affordable Novel Combat Aircraft).

Programmpartner sind – natürlich – BAE-Systems (Flugzeug), Rolls-Royce (Antrieb), Leonardo-UK (Avionik) und MBDA (Waffen). Sie alle bilden das „Team Tempest“, unter der Koordination des erst im April eingerichteten, etwas mysteriösen „Rapid Capabilities Office“ der RAF. Alle Gesprächspartner betonen, dass man zur Realisierung der ehrgeizigen Ziele natürlich offen für weitere Programmpartner aus aller Welt sein müsse, Gespräche laufen unter anderem mit
Japan, Indien, Südkorea und Saudi-Arabien. Italien und Schweden sind wie zuvor erwähnt bereits Teil des Projekts.

Stattlicher Auftritt: Tempest wird mindestens so groß wie F-22 Raptor und die Triebwerksauslässe werden – im Vergleich zu Su-57 und J-20 – tief im Rumpf abgeschirmt sein.

Stattlicher Auftritt: Tempest wird mindestens so groß wie F-22 Raptor und die Triebwerksauslässe werden – im Vergleich zu Su-57 und J-20 – tief im Rumpf abgeschirmt sein.

Heißt das aber nun, dass die Schweden und Italien Tempest und seine unbemannten Wingmen ebenso wie die RAF in Dienst stellen werden? Nein, denn derzeit ist noch kein gemeinsamer Entwicklungsauftrag geplant oder absehbar. Man habe mit Großbritannien vorläufig nur eine Vereinbarung über eine mögliche spätere Zusammenarbeit bei einer großen Kampfflugzeugentwicklung getroffen, so die schwedischen Vertreter. Vorerst gehe es um das technologische Ausloten der Möglichkeiten, welche die beiden – durchaus renommierten – Entwicklungsabteilungen in Warton und Linköping ins System einbringen könnten. Das Abkommen bindet Schweden damit nicht so stark in Tempest ein, wie sich das Großbritanniens Industrie und Politik vielleicht erhofft haben, aber es festigt in jedem Fall das parallele Entstehen von zwei europäischen Luftkampf-Waffenfamilien der 6. Generation. Und die USAF? Die lässt währenddessen an Penetrating Counter-Air 2030 forschen und scheint ein eigenes System als Gegenstück zu den beiden europäischen Initiativen auf Schiene bringen zu wollen.

Trotz fehlender definitiver Zusagen bestärkte Fairford jedenfalls die „nordische Achse“, in welcher schon jetzt beispielsweise das AESA-Radar des anlaufenden Gripen-E von Leonardo-UK kommt oder die Selbstschutz-Subsysteme des Eurofighter Typhoon von Saab. Damit aber nicht genug: Laut den technischen Programmleitern der beiden Jets sollen alle in den kommenden Jahren bei der Tempest-Entwicklung erreichten Innovationen und Lösungen auch in Typhoon und Gripen-E zurückfließen. Beide Systeme werden voraussichtlich noch bis weit in die 2040er-Jahre hinein in vielen Luftwaffen im Dienst stehen.

Zurück zum europäischen Nebeneinander zweier 6.-Generation-Kampfjets: Da für deren Entwicklung viele Milliarden Euro und enorme Ressourcen benötigt werden, die von den beteiligten Unternehmen und den involvierten Ländern aufzubringen sind, könnte es schlussendlich – wie vom früheren Eurofighter-Direktor Volker Paltzo schon jetzt vorhergesagt und von Leonardo-Chef Alessandro Profumo erhofft – natürlich doch noch zur Einigung auf ein Programm kommen. Davon ungeachtet wurde in Fairford aber ein erster konkreter Schritt des britisch-schwedisch-italienischen Systems gesetzt: Der britische Ableger des italienischen Staats-Konglomerats Leonardo mit 7.000 Mitarbeitern hat den Auftrag erhalten, ein Testflugzeug für Subsysteme und Aggregate des künftigen Tempest auf Basis einer Boeing-757 schon ab Anfang 2020 bereitzustellen.

 

Text & Bilder: Georg Mader

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