Die Bilder verzweifelter Afghanen, die sich an startende Flugzeuge der US-Luftwaffe klammern, werden sich zweifelsohne im kollektiven Gedächtnis einprägen und dem Image der Vereinigten Staaten nachhaltig schaden. Sie verstellen aber den Blick auf das Wesentliche, das sich mit dem überhasteten Abzug verbindet. Eine Analyse von Sicherheitspolitik-Experte Brigadier a. D. Walter Feichtinger.

Der unrühmliche und für viele Afghanen verheerende Abzug westlicher Kräfte ist noch gar  nicht richtig aufgearbeitet, da stellen sich bereits die Fragen nach den mittel- bis langfristigen Auswirkungen des Machtwechsels. Vordringlich dabei: Wie stabil wird Afghanistan unter Taliban-Führung sein? Und wird das Land abermals zum sicheren Hafen für Terrororganisationen wie Al-Kaida oder IS? Beide Aspekte sind insbesondere für die Nachbarstaaten und Moskau von vitaler Bedeutung. Es darf dabei bezweifelt werden, dass die islamistischen Putschisten ihre Hardliner und Fanatiker unter Kontrolle halten sowie dauerhaft und landesweit für Ordnung und Sicherheit sorgen können. China ist jedenfalls bestrebt, das entstandene Vakuum zu füllen und auch Russland, Pakistan sowie Iran wollen an Einfluss gewinnen. Es wird somit vor allem an ihnen liegen, in ihrem ureigensten Interesse für Stabilität zu sorgen – die USA werden das nicht mehr tun.

Mit dem Ende des Afghanistaneinsatzes scheint auch die Ära umfangreicher (humanitärer) Interventionen ein vorläufiges Ende gefunden zu haben. Der moralische Druck vor allem im Westen, im Falle von Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Völkermord „etwas zu tun“, wird zwar weiter aufrecht bleiben. Ambitionen, Regime zu stürzen, politische Systeme zu reformieren und Staaten neu aufzubauen, haben jedoch nach Kosovo, Afghanistan, Irak und Libyen einen starken Dämpfer erfahren. Dazu kommt, dass es moderne Waffensysteme wie Kampfdrohnen, Raketen oder Marschflugkörper ermöglichen, missliebige Regime oder Terrororganisationen auch aus der Ferne abzuschrecken, einzuschüchtern oder direkt zu bekämpfen. Ob damit tatsächlich die gewünschten Effekte zu erzielen sind oder ob im Fall der Fälle nicht doch auch „boots on the ground” zur Problemlösung vonnöten sein werden, bleibt abzuwarten. Die Entsendung zigtausender westlicher Soldaten, um irgendwo weit entfernt innerstaatliche Kriege zu beenden oder Sicherheit beim Wiederaufbau zu garantieren, wird es aber so schnell nicht mehr geben.

„Afghanistan ist ein ,Bauernopfer‘ der neu ausgerichteten Außen- und Sicherheitspolitik der USA!“

Der geostrategische Fokus der USA liegt mit dem Abzug aus Afghanistan nun noch stärker auf dem Indopazifik. Um die immensen finanziellen Kosten und enormen militärischen Ressourcen zur Aufrechterhaltung des Afghanistaneinsatzes einzusparen, nahm Präsident Joe Biden sogar das Imagedesaster des überhasteten Abzugs in Kauf. Der US-Aufwand für die Stationierung am Hindukusch stand spätestens seit der Tötung Osama bin Ladens im Jahr 2011 in keiner vertretbaren Relation mehr zum strategischen Nutzen. Gewiss – der Verlust der Basis Afghanistan als zentrale Drehscheibe im südlichen Zentralasien schmerzt, dürfte aber verkraftbar sein. Die im September erfolgte Formierung der Sicherheitsallianz Aukus (Australien, United Kingdom, USA) im Pazifik unterstreicht die Hinwendung zum indopazifischen Raum. Hier sei auch angemerkt, dass Europa damit binnen kürzester Zeit zwei Mal als „Erfüllungsgehilfe” der USA düpiert wurde und sich für die Zukunft etwas überlegen sollte.

Fazit: Der Abzug des Westens verändert die Lage in Afghanistan dramatisch, wird aber keine Zäsur in den globalen Entwicklungen darstellen. Die USA haben auf dem geopolitischen Schachfeld zwar einen Verlust erlitten, sich damit aber auch die Möglichkeit für neue Spielzüge an anderer Stelle eröffnet. Es scheint ganz so, als würde Afghanistan damit ein „Bauernopfer“ der neu ausgerichteten Außen- und Sicherheitspolitik der USA.

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