Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten begannen im Mai nach mehr als 19 Jahren Krieg gegen die Taliban ihren Rückzug aus Afghanistan. Washington will den Abzug bis zum 20. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September abgeschlossen haben, dieser Tag gilt als formaler Auslöser für die Invasion Afghanistans und den Beginn des globalen Krieges gegen den Terror. Geplantes Kriegsziel war, dass Afghanistan nie wieder islamischen Terroristen als Rückzugs- und weltweite Einsatzbasis dienen könne – dieses Ziel wurde in jedem Fall nicht erreicht.

In der afghanischen Regierung nahe stehenden Kreisen war nach dem sogenannten „Doha-Abkommen” der Trump-Regierung mit den Taliban vom „Verantwortungslosesten und Egoistischsten” die Rede, was Amerika seinen afghanischen Partnern zufügen konnte. Die Regierung in Kabul war nämlich nicht Teil der bis Februar 2020 geführten Geheimverhandlungen in Katar. Die Administration des neuen US-Präsident Joe Biden dürfte den darin verankerten Abzug noch beschleunigt haben, Biden sagte öffentlich: „Es ist Zeit, Amerikas längsten Krieg zu beenden. Es ist Zeit für die amerikanischen Truppen, nach Hause zu kommen. Es ist nicht möglich, die Militärpräsenz immer wieder in der Erwartung zu verlängern oder zu vergrößern, dass ideale Bedingungen für einen Abzug geschaffen würden. Obwohl wir in Afghanistan nicht weiter militärisch involviert sein werden, wird unsere diplomatische und humanitäre Arbeit weitergehen.”

@Oryx Blog
Zahlreiche Fahrzeuge der afghanischen Armee gelangten zuletzt in den Besitz von Taliban-Kämpfern, viele Fahrzeuge wurden in den Kämpfen auch zerstört.

Immerhin erwägt Washington angesichts der zuletzt wieder zunehmenden Gewalt durch die radikalislamischen Taliban doch einen langsameren Abzug ihrer Truppen aus dem Land. „Das Verteidigungsministerium hat die Lage an Ort und Stelle ständig im Blick und ist bereit, flexibel darauf zu reagieren”, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby am 28. Juni in Washington. Bei den Kämpfen starben bislang mehr als 2.400 amerikanische Soldaten, 20.000 wurden verletzt. Nach diversen Medienberichten starben auch rund 47.000 Zivilisten sowie Zehntausende afghanischer Sicherheitskräfte.

Afghanische Armee „löst sich auf”
Angesichts der Tatsache, dass die Taliban inzwischen die Kontrolle über mehrere Distrikte im ganzen Land übernommen haben, deuten US-Geheimdienstschätzungen darauf hin, dass die zivile Regierung des Landes innerhalb von Monaten nach dem Rückzug der US-Streitkräfte von der Terrorgruppe besiegt werden könnte. Der oberste US-General in Afghanistan, Austin Miller, hat in der New York Times davor gewarnt, dass die sich verschärfende Gewalt zu einem Bürgerkrieg führen könnte. Auch die kommunistische Regierung Afghanistans verlor nach dem Abzug der Sowjettruppen 1989 rasch an Rückhalt, auch wenn sich Präsident Mohammed Nadschibullah in Kabul noch drei Jahre halten konnte (1996 von den Taliban hingerichtet). Lokale Machthaber und Stammes-Warloards wie General Abdul Raschid Dostum und Ismail Khan haben nicht die Mittel, den Taliban ernsten oder längeren Widerstand zu leisten. Zudem ist zu befürchten, dass ebendiese lokalen Machthaber nur auf den Zusammenbruch der afghanischen Armee warten, um – eventuell in lokalen Abkommen mit den Taliban – das Machtvakuum zu füllen. Bezeichnend ist jedenfalls, dass kürzlich der Stamm der Hazara nach einem verheerenden Anschlag mit mehrheitlich Schülerinnen als Opfer (die Taliban dementieren die Urheberschaft) beim lokalen Milizenkommandeur Abdul Ghani Alipour um Schutz gebeten hat – und nicht bei der Regierung oder der Armee.

In Erwartung eines möglichen Zusammenbruchs der Regierung verliert die von den USA und anderen westlichen Ländern um Milliarden US-Dollar ausgerüstete afghanische Nationalarmee in alarmierender Geschwindigkeit Teile ihrer militärischen Ausrüstung und ihren Waffen an die radikalislamischen Taliban. Parallel dazu fiel zuletzt eine Reihe ganzer Distrikte an die Taliban, da die Terrorgruppe ihre Offensive intensivierte, nachdem die vereinbarte Frist bis zum 1. Mai verstrichen war, ohne dass die US-Truppen das Land verlassen hatten. Daher gingen sie in die Offensive gegen die Regierungstruppen und sicherten sich zuletzt die nördlich an Kabul grenzende Provinz, den zweitgrößten Staudamm des Landes wie auch nördliche Grenzübergänge beispielsweise zu Turkmenistan. Lokale afghanische Regierungs-Verteidigungskräfte in einigen Bezirken „verflüchtigen” sich angesichts des Drucks der Taliban – manchmal gänzlich kampflos. Die Deutsche Presse-Agentur zitierte einen Soldaten, der berichtete, dass seine Einheit seit der Ankündigung des US-Abzugs in „Schockstarre” verharrt. Nur einige Spezialkräfte seien in der Lage, den Kampf gegen die Gotteskrieger weiterzuführen. Das berichtet in großer Detailfülle nun auch der Open-Source-Untersuchungsbericht, der auf dem von diversen US-Medien (Forbes, …) anerkannten Oryx-Blog der beiden niederländischen Militär-Analysten Stijn Mitzer und Joost Oliemans veröffentlicht wurde. Der Blog wurde 2020 für seine detaillierte Open-Source-Untersuchung über beidseitige Geräteverluste im Berg-Karabach-Konflikt ausgezeichnet.

@USAF
Der Abzug der internationalen Streitkräfte (im Bild zu sehen eine C-17 der US Air Force im Landeanflug auf den Flughafen Bagram) ist längst in vollem Gange.

Nach Angaben von Mitzer und Oliemans fanden sie mit Foto- und Videomaterial belegte Hinweise darauf, dass im Juni insgesamt 715 leichte Fahrzeuge in die Hände der Taliban gefallen waren, weitere 65 wurden zerstört. Demnach könnten weitere große Mengen an westlicher militärischer Ausrüstung, die an Afghanistan gespendet oder verkauft wurden, um dem Land im Kampf gegen die Taliban zu helfen, stattdessen in die Hände dieser Gruppe fallen. Im Jahr 2018 sollen die afghanischen Streitkräfte 26.000 Fahrzeuge, darunter 13.000 Humvees verschiedener Marken, betrieben haben, während Mitzer schreibt, dass bis 2021 insgesamt sogar 25.000 Humvees nach Afghanistan gebracht wurden. Während der verschärften Kämpfe in der letzten Zeit verlor die afghanische Regierung in der Regel 100 Humvees pro Woche. In der Woche bis 2. Juli waren es beispielsweise 2 x M1117, 1 x ZU-23, 3 x SGrw, 3 x M1151 HMMWV, 12 x M1152 HMMWV, 7 x Ford Ranger, 4 x Navistar Lkw sowie Dutzende andere gepanzerte Fahrzeuge und Artilleriesysteme (inklusive im Kampf zerstörter Ausrüstung).

Bundeswehr- sowie Bundesheer-Abzug
Vor einigen Tagen haben nach fast 20 Jahren Einsatz die letzten Soldatinnen und Soldaten der deutschen Bundeswehr Afghanistan ebenfalls verlassen. Im gesamten Zeitraum waren rund 150.000 Bundeswehr-Soldaten am Hindukusch im Einsatz, viele von ihnen mehrfach. 59 deutsche Soldaten kamen in dem Land ums Leben, 35 von ihnen wurden im Gefecht oder durch Anschläge getötet. Die Bundeswehr erklärte, sie werde rund 800 Container-Ladungen Material nach Deutschland zurückverlegen, darunter Fahrzeuge, Hubschrauber, Waffen und Munition. Das multinationale Feldlager in Masar-i-Scharif, das die Bundeswehr führte, war zuletzt mit Mörsern verstärkt worden, um Angriffen der Taliban während der Abzugsphase zu begegnen. Der Abzug der 14 österreichischen Angehörigen des Bundesheeres aus Afghanistan unter Oberstleutnant Michael Grafl – er berichtete dass man Gebäude mit Sandsäcken und Betonblöcken abgesichert habe, um die Soldaten bis zuletzt bestmöglich zu schützen – soll im Juli beendet sein.

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