Als die Taliban am Sonntag in Kabul einmarschierten, war das der Schlussakt einer Offensive, die weitaus rascher vonstatten gegangen war, als viele erwartet hatten. Die mit Milliarden US-Dollar hochgerüstete Regierungsarmee hatte kaum Widerstand geleistet. Was war geschehen?

Im Juni 2021 gingen US-Geheimdienste davon aus, dass Kabul binnen sechs bis zwölf Monaten nach Abzug der US-Truppen fallen werde. Noch Anfang Juli lehnte US-Präsident Joe Biden die Auffassung vehement ab, wonach ein Rückzug der US-Armee zwangsläufig zur Machtübernahme der Taliban führen müsse. Dass die Taliban die Regierungsarmee überrennen und das gesamte Land kontrollieren, sei höchst unwahrscheinlich, so der US-Präsident während einer Pressekonferenz am 8. Juli. Anfang August kontrollierten die Taliban bereits zwölf der insgesamt 34 Provinzen Afghanistans. Zur gleichen Zeit warnten Militär-Analysten, dass Kabul binnen 90 Tagen fallen könnte. Eine immer noch viel zu optimistische Einschätzung, wie sich herausstellte. Der Abzug der US-Truppen war noch nicht abgeschlossen, als die Taliban am 15. August in die Hauptstadt Kabul einmarschieren.

Milliarden teure Bewaffnung und Motorisierung von Armee, Spezialeinheiten und Polizei, jahrelange Ausbildung und Trainings – alles scheint wie weggewischt. Die 300.000 Mann starken Sicherheitskräfte schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Ihr Widerstand war punktuell und reichte nicht aus, die Taliban aufzuhalten, in deren Reihen Schätzungen zufolge zwischen 60.000 und 100.000 Soldaten kämpften.

Die Taliban waren auch nach 2001, als die US-Truppen ihre Herrschaft in Kabul beendeten, nie ganz aus Afghanistan verschwunden. Im Grenzgebiet zu Pakistan, vor allem in der südlichen Provinz Helmand, aber auch in anderen Landesteilen, blieben sie weiterhin aktiv. 2015 konnten sie für kurze Zeit die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Kundus einnehmen. Ihr Widerstand gegen die US-Besatzung endete nie.

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Ein Bild, das um die Welt ging: Nur kurz nachdem Präsident Aschraf Ghani das Land verlassen hatte, halten Taliban-Führer in seinem Präsidentenpalast Einzug.

Dabei konnten sie durchaus auf Rückhalt in der Bevölkerung zählen. In einem Land, wo auch zwanzig Jahre nach Einmarsch der US-Truppen und angestoßenen Reformen große Teile der Bevölkerung in Armut leben, wo in den ländlichen Regionen ein islamisch geprägtes Patriarchat vorherrscht und die Besatzungsmacht USA weniger durch ihre Unterstützung einer liberalen Gesellschaft, als durch ihre Menschenjagden mittels Drohnen bekannt ist, können Gruppierungen wie die Taliban durchaus eine Alternative zur als korrupt und USA-freundlich angesehenen Regierung in Kabul darstellen. Es lässt sich nur vermuten, wie viel innerhalb der afghanischen Armee das ebenfalls so sahen.

Doch auch der Zustand der Armee selbst war nicht so glänzend, wie es die Mannstärke und die Milliarden investierter Dollar nahelegen könnten. Experten warnten, dass die Streitkräfte in wesentlichen Bereichen wie Logistik, Wartung und Trainings von den US-Truppen abhängig waren. Vor allem bei der Wartung von Flugzeugen und Kampfhubschraubern wäre die Armee zu einem hohen Grad auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Insgesamt, so die Experten, würden die hochentwickelten Waffensysteme die Fähigkeiten der des Lesens und Schreibens oft unkundigen und schlecht ausgebildeten afghanischen Soldaten überfordern.

Von den laut Papier 300.000 Mann starken Streitkräften waren viele nicht für den Kampf ausgebildet. Sie dienten als Polizisten, Sicherheitspersonal oder bei der Luftwaffe. Hinzu kamen sogenannte Geistersoldaten. Soldaten, die nur am Papier existierten, deren Sold aber von korrupten Offizieren kassiert wurde. Die Zahl von 100.000 einsatzbereiter Soldaten erscheint daher weitaus realistischer.

Andere Analysten, die die Struktur der Armee durchleuchtet haben, sagen, dass sie in erster Linien Jobprogramm für junge Afghanen war. Viele junge Männer wären demnach zur Armee gegangen, um ein regelmäßiges Einkommen zu haben – etwas, das in Afghanistan nicht selbstverständlich ist – und nicht, weil sie dazu bereit waren, die Regierung mit Waffen zu verteidigen.

Doch auch bei der Auszahlung der Gehälter gab es Probleme. Das Geld, das die USA der Regierung bezahlte, um den Militärapparat zu finanzieren, wurde häufig abgezweigt und nicht für jene Zwecke verwendet, für die es bestimmt war. Zivilbeamte wie Streitkräfte sahen oft monatelang kein Gehalt.

Misswirtschaft und Korruption machten sich noch deutlicher bemerkbar, als die Armee dann die Taliban hätte stoppen sollen. Die Versorgung der Truppen mit Munition, Nahrungsmittel und Wasser klappte nicht. Spezialeinheiten mussten sich ergeben, weil sie keine Munition mehr hatten. Es ist nicht verwunderlich, wenn Soldaten unter solchen Bedingungen die Frage stellen, ob es sich lohnt, für diese Regierung zu kämpfen.

Wenig förderlich für die Moral der afghanischen Truppen war außerdem, dass die USA mit Vertretern der Taliban im katarischen Doha Verhandlungen über die Zeit nach dem Abzug führten. Das Signal war fatal. Suggerierte es doch, dass die USA von einer Machtergreifung der Taliban ausgingen.

Die jüngsten Ereignisse sind eine Katastrophe für all jene Afghanen, die gehofft haben, den Weg in eine mehr westlich orientierte Gesellschaft fortsetzen zu können und sich jetzt vom Westen verlassen sehen. Die chaotischen Zustände am Flughafen von Kabul, wo tausende versuchen außer Landes zu gelangen, sprechen für sich.

Als die Taliban in den 1990er-Jahren die Macht in Afghanistan hatten, setzten sie eine sehr strikte Form des Islam durch. Bei vielen war dieser Islam damals schon nicht sehr beliebt. Heute wird er es noch viel weniger sein. Vor allem die junge städtische Generation, die gut ausgebildet ist, vielleicht im Ausland studiert hat, gesellschaftliche Freiheiten gewohnt ist, wird mit dieser rückwärtsgewandten Ideologie wenig anfangen können.

Die Frage ist, wie die Taliban damit umgehen werden. Ob sie zu Zugeständnissen bereit sind, oder mit Gewalt ihre Lesart des Islam durchsetzen und damit vielleicht neue Aufstände provozieren werden?

@Archiv
Rascher Siegeszug: Die Taliban konnten die Hauptstadt deutlich früher einnehmen, als von Experten befürchtet.

Aber auch außenpolitisch müssen die Taliban sich überlegen, wie sie vorgehen. Das Emirat, welches sie auszurufen angekündigt haben, gab es bereits in den 1990er-Jahren. Damals wurde es weder innerhalb des Landes noch außerhalb anerkannt (ausgenommen von den Staaten Pakistan, Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten). Die Taliban wissen das.

Sie wissen auch, dass sie von angrenzenden Staaten wie China genau beobachtet werden. Die Volksrepublik hat bereits klar gemacht, das sie es nicht dulden werde, wenn Afghanistan zu einem sicheren Hafen für Terroristen werde, wie es ein Regierungsvertreter nannte. Er spielte damit auf eine mögliche Unterstützung des uigurischen Widerstandes gegen die Zentralregierung in Peking an. Teile der Außengrenze der Uiguren-Provinz Xinjiang grenzen an Afghanistan.

Mit all diesen Problemen sind die Afghanen auf sich gestellt. Als die Taliban am 15. August in Kabul einmarschierten, wurde die US-Flagge am amerikanischen Botschaftsgebäude abgenommen. Die USA haben Afghanistan aufgegeben. Zwanzig Jahre nach dem 11. September und dem Beginn des von den USA ausgerufenen Kriegs gegen den Terror herrschen wieder die Taliban über Afghanistan.

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