Der jüngste Bergkarabach-Krieg erlaubt auch westlichen Armeen entscheidende Rückschlüsse für zukünftige Waffengänge.

Nach 44 Tagen intensiver Kämpfe zwischen Armenien und Aserbaidschan um die umstrittene Region Bergkarabach kam es am 10. November unter Vermittlung Russlands zu einem Waffenstillstand. Die trilaterale Erklärung sieht ein sofortiges Einstellen der Kampfhandlungen, eine Rückgabe von Territorien an Aserbaidschan, die Rückkehr von Flüchtlingen sowie die Etablierung einer russischen Peace­keeping-Mission vor.

Der Waffengang hat mit Aserbaid­schan, Russland sowie der Türkei drei Sieger und mit Armenien einen klaren Verlierer hervorgebracht. Das Konfliktmanagement liegt nunmehr in den Händen Moskaus und die eigentlich zuständige „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit” (OSZE) ist marginalisiert. Aufgrund der weiter bestehenden ethnischen Spannungen, ungelöster politischer Fragen wie des völkerrechtlichen Status von Bergkarabach und innenpolitischer Turbulenzen in Armenien bleibt das Eskalationspotenzial aber auch zukünftig hoch.

Sicherheitspolitisch zeigt diese Auseinandersetzung, dass fälschlicherweise für überwunden gehaltene zwischenstaatliche Kriege immer noch auftreten und dass Siege am Gefechtsfeld auch in politische Erfolge umgewandelt werden können. Aus militärischer Perspektive wurde wieder einmal das Paradigma bestätigt, dass Streitkräfte in Gefechtshandlungen nur dann erfolgreich eingesetzt werden können, wenn sie über das gesamte Fähigkeitsspektrum zur Führung des „Kampfes der verbundenen Waffen und Wirksysteme” verfügen. Militär funktioniert eben nur als „Gesamtsystem” oder gar nicht. Speziell dieser Krieg hat in eindrücklichen Bildern gezeigt, was passiert, wenn „Teilsysteme” fehlen, wenn etwa der mechanisierten Truppe der Luftschirm, der Artillerie die Drohnenabwehr oder den Führungssystemen der Schutz vor elektronischen Störmaßnahmen fehlt. Die im Bergkarabach-Krieg angewandte Kampfführung kann in gewissen Aspekten als Modell für Kriege der Zukunft gesehen werden, in das viele Elemente der Kämpfe in Afghanistan, Syrien oder Irak eingeflossen sind. Drei Elemente sind dabei besonders hervorstechend: (1) die große Bedeutung von Drohnen, (2) der Einsatz von „Schattenkriegern” und
(3) der Kampf im Informationsraum.

Drohnen nehmen am modernen Gefechtsfeld ein immer breiteres Aufgabenspektrum wahr, von der Aufklärung über die Funktion als Waffenplattform bis hin zum besonders „demoralisierend” wirkenden Kamikaze-Einsatz. Aktuell versetzen Drohnen den Angreifer in eine vorteilhafte Position, weil Abwehrsysteme hinterherhinken. Dennoch werden Drohnen alleine auch zukünftig keine Kriege gewinnen, wie auch Panzer nicht obsolet geworden sind. Augenfällig war, dass auch in diesem Konflikt auf beiden Seiten Söldnertruppen eingesetzt wurden. Man schätzt mehr als tausend von der Türkei in Syrien angeheuerte Kämpfer allein auf aserbaidschanischer Seite. Der Einsatz von privatisierten Gewaltakteuren gehört zum Erscheinungsbild moderner Kriege. Zukünftig wird sich aber vermehrt die Frage nach der effektiven Kontrolle solcher Gruppen nach Ende der Kampfhandlungen stellen. Und einmal mehr hat auch der Bergkarabach-Krieg gezeigt, dass moderne Konflikte in einem erheblichen Ausmaß als Kampf in den sozialen Medien, als Informations- und Desinformationskampagnen mit unterschiedlichen Narrativen ausgetragen werden.

Dieser Konflikt hat aber auch demonstriert, dass europäische Armeen in wesentlichen modernen Fähigkeitsbereichen erheblichen Nachholbedarf haben. Von daher sollte der Krieg um Bergkarabach gleichermaßen ein sicherheitspolitischer wie militärischer Weckruf sein!

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