Ein befreundeter japanischer Offizier – ehemals auch Verteidigungsattaché in Wien – hat Militär Aktuell im Zuge von Neujahrswünschen auf ein interessantes Interview aus dem vorigen Jahr hingewiesen. Darin erläutert ein F-15J-Staffelkommandant gegenüber CNN-Indonesia den steten Druck, der von China und auch Russland auf die Humanresssourcen und die materielle Situation der japanischen Luftwaffe (JASDF) ausgeübt wird.

Der 40-jährige Oberstleutnant Takamichi Shirota ist Kommandeur des 204. TAS (Tactical Fighter Squadron) auf der Naha Air Base in Okinawa (siehe Video eines Alarmstarts unten) und schildert in dem Gespräch anschaulich den zunehmenden Druck durch An- und Einflüge in die japanische Luftverteidigungs-Identifikationszone (ADIZ), die seine Piloten in der Regel mehrmals pro Tag zu ihren Jets rufen. Für das letzte japanischen Budgetjahr nennt er 947 Alarmstarts und Abfangeinsätze, ein Wert der über die vergangenen zehn Jahre beständig zugenommen habe. Zu etwa 55 Prozent starte man dabei gegen Aufklärungs- und SIGINT/ELINT-Maschinen der Y8- und Y9-Serien sowie H-6-Bomber der PLAAF (chinesische Luftwaffe) und der PLANAF (chinesische Marineflieger), die sich manchmal in Begleitung von J-11 Jägern (chinesische Flanker-Serie) nähern. Im Norden bekomme man es zudem (wenn auch seltener) mit anfliegenden russischen Maschinen vom Typ Tu-95, Tu-160 oder Tu-22M zu tun, die wohl vor allem zum Antesten der Japaner als US-Alliierte und zur technischen Aufklärung unterwegs sind.

Ganz klar um territoriale Motove geht es hingegen in der sogenannten „südwestlichen Region” rund um die Senkaku-Inseln. Die felsigen und unbewohnten Eilande sind unter japanischer Kontrolle, werden aber auch von China als Diaoyu-Inseln beansprucht. Erst letzten Juni bekräftigte Zhao Lijian als Sprecher des chinesischen Außenministeriums: „Die Insel Diaoyu und die angeschlossenen Inseln sind mit China verbundene Gebiete. China ist entschlossen, die territoriale Souveränität aufrechtzuerhalten.”

Shirota beschreibt die aktiven Mittel der Selbstverteidigungsluftwaffe als einzige Möglichkeit zum Schutz von japanischem Territorium einschließlich des Luftraums: „Die Situation ist angespannt. Wir wissen ja nie, was uns in der Luft erwartet. Möglicherweise beobachten wir sie wie meistens nur beim Abdrehen und beim Abflug aus unserer Identifikationszone. Es könnte aber auch sein, dass wir uns ihnen stellen müssen oder dass wir sei bei ihrem Flug entlang unserer Identifikationszone begleiten müssen.”

@Japanisches MoD
Die Zahl der Alarmstarts japanischer Kampfjets ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen.

Die Zahl der JASDF-Alarmstarts (Scrambles) zur Identifizierung unbekannter in die ADIZ eindringender Militärflugzeuge ist jedenfalls von etwa 300 pro Jahr im Jahr 2009 auf einen Höchststand von fast 1.200 im Jahr 2016 gestiegen (siehe Grafik oben). 2017 ging die Anzahl auf rund 900 zurück. 2018 waren es rund 1.000 Alarmstarts, 2019 die bereits erwähnten 974. Das sind also durchschnittlich bis zu drei Einsätze pro Tag.

Immer öfter bekommen es die Japaner dabei gleich mit mehreren Maschinen zu tun. Erst am 22. Dezember ist erstmals eine gemeinsame chinesisch-russische Patrouille in der Stärke von 19 Maschinen über der japanischen Inlandssee begleitet worden, eine Entwicklung über die auch die Luftwaffen Südkoreas (westliche KAIDZ-Zone) und Taiwans sowie regionale Medien berichten. Feszuhalten ist dabei allerdings, dass die militärischen (Ein)Flüge nie weiter als bis zur 12-Meilen Grenze der Hoheitsgewässer und des souveränen Luftraums Japans erfolgen.

@JASDF
Oberstleutnant Takamichi Shirota, Kommandeur des 204. TAS (Tactical Fighter Squadron) auf der Naha Air Base in Okinawa.

Im internationalen Vergleich ist die JASDF damit trotzdem absoluter Spitzenreiter an Flugstunden für aktive Luftraumüberwachung und -kontrolle. Laut Shirota seien nur wenige andere Nationen „einem derartigen Druck ausgesetzt”. Wenn es um die Zahl der Starts von Kampfflugzeugen gegen potenzielle gegnerische Ziele gehe, komme keine westliche Luftwaffe an Japan heran, so Shirota weiter. Die Statistik gibt ihm Recht: Die Jets von allen europäischen NATO-Mitgliedern zusammen verzeichneten 2019 weniger als die Hälfte der von Japan gemeldeten Alarmstarts. Die Strategie der weitgehend ohne Budgetsorgen mit sechsmal so vielen Militärflugzeugen operierenden chinesischen Luftwaffe hat übrigens auch massive Auswirkungen auf die Lebensdauer der rund 215 japanischen F-15J-Jets. Diese tragen die Hauptlast des Alarmdienstes, sind punkto Steigleistung, Einsatzradius und Manövrierfähigkeit dazu bestens geeignet, aber punkto Einsatzbereitschaft und Materialermüdung natürlich schwer gefordert. Zumal die Japaner sicherheitshalber manchmal mit vier Maschinen starten, etwa wenn chinesische J-11 oder russische Su-35 involviert sind. Parallel dazu steigen auch E-2C AEW&C-Frühwarnflugzeuge auf, um das Abfangen zu koordinieren und taktische Überraschungen zu vermeiden. Wenn diese chinesische Machtprojektion via „Salami Slicing”-Einflügen so weitergeht, befürchtet man in Tokio die Notwendigkeit eines frühzeitigen Ersatzes der F-15J-Jets oder frühzeitiger Lebensdauerverlängerungen beziehungsweise Überholungen, die man sich für die Eagles eigentlich sparen wollte. Jedenfalls wären viele der europäische Friedensbetriebs-Luftwaffen mit diesen Zahlen statistisch bereits im Februar eines Jahres mit ihres Jahresflugstunden durch.

@Wikimedia Commons
Die Luftverteidigungs-Identifikationszonen (ADIZ) Japans, Südkoreas, Taiwans und Chinas weisen deutliche Überschneidungen auf.

Kurzfristig kann man laut Shirota nicht viel gegen die aktuelle Problematik machen. Würde Japan Pekings Luftaktivitäten unangefochten akzeptieren, könnten auch andere Länder nach und nach Chinas als „Bulling” bezeichnete Behauptungen zumindest akzeptieren. Diese Sorge treibt Japan zu der Überzeugung, dass es seine Entschlossenheit, die Souveränität seines Territoriums aufrechtzuerhalten, kontinuierlich unter Beweis stellen muss. Eine greifbare Reaktion auf jedes Eindringen Chinas sei daher unerlässlich. Dagegen könnte es im Norden möglich sein, eine reduzierte Luftverteidigungshaltung mit „beobachtendem strategischen Schweigen” einzunehmen und die russischen ADIZ-Eindringlinge nur in unregelmäßigen Abständen abzufangen. Dies würde Japans Luftverteidigungsaktivitäten strategisch unvorhersehbar machen und gleichzeitig die Abschreckung aufrechterhalten, die Anzahl der Einsätze aber um die Hälfte reduzieren. Der Geschwaderkommadant verweist allerdings darauf, dass solche taktischen Fragen in den höchsten Führungsebenen entschieden werden müssten.

Für 2021 beantragte das japanische Verteidigungsministerium (MoD) angesichts der hohen Alarmstartzahlen und drei neuer, von Tokio definierter Verteidigungsbereiche – Weltraum, Cyber und elektronische Kriegsführung (EloKa) – in einer als „schwerwiegend” bezeichneten Sicherheitslage mehr Mittel. Am 30. September schlug das MoD ein Verteidigungsbudget von 5,49 Billionen Yen (rund 43 Milliarden Euro) für das Geschäftsjahr 2021 (immer von März bis Ende Februar des Folgejahres gerechnet) vor, was im Falle einer Genehmigung eine Erhöhung des derzeitigen Verteidigungsbudgets von 3,3 Prozent bedeuten würde und hauptsächlich auf die Entwicklung ballistischer Raketen und Atomwaffen in Nordkorea sowie auf Chinas wachsende militärische Fähigkeiten und dessen als immer forscher empfundenes Auftreten zurückzuführen ist.

@Japan Joint Staff
Die F-15-Jets der Japaner tragen momentan die Hauptlast der Alarmstarts. Sie sind mit ihrer Steigleistung, ihrer Reichweite und ihrer Manövrierfähigkeit für derartige Einsätze geradezu prädestiniert.

Bereits Mitte Dezember 2018 kündigte die japanische Regierung an, dass die 42 zuvor bestellten F-35A um 63 Stück F-35A sowie 42 Senkrechtlander J-35B JSF (für rund 19 Milliarden Euro) aufgestockt werden sollen, um die ältere, nicht aufgerüstete Hälfte von 99 Stück seiner F-15J-Flotte zu ersetzen. Von der Reichweite her kann es der Lightning-II zwar nicht mit den F-15 aufnehmen, dafür ist er mit gegnerischen Radaren schwerer zu erfassen. Allerdings besteht die Wahrscheinlichkeit, dass China und Russland die Chance nutzen, bei ihren Anflügen verstärkt Signal- und Signaturinformationen des F-35 zu sammeln, der auch von der südkoreanischen Luftwaffe betrieben wird. Naha ist von Senkaku rund 400 Kilometer Luftlinie entfernt, möglich wäre es daher auch, F-35B vom kleineren und nur 200 Kilometer entfernten Flugplatz Shimoji einzusetzen. Die „farbenfrohen” F-4E-Kaj und RF-4E Phantom sind für derartige Einsätze übrigens keine Option mehr, die letzten Maschinen wurden mit Jahresende 2020 außer Dienst gestellt.

Bald schon könnte sich Japan – die ehemalige kaiserliche Marine hatte mit der „Kido Butai” in den Anfängen des Zweiten Weltkrieges die weltweit beste Trägerwaffe – aber auch eine weitere interessante strategische Option bieten. Die Marine erhält wieder (so etwas wie) Flugzeugträger, sogar auch mit einem Traditionsnamen. Im Oktober kam eine wichtige Klärung als bekannt wurde, dass die beiden relativ neuen Hubschrauberträger der Maritimen Selbstverteidigungsstreitkräfte (JMSDF) doch nicht mit einer Skisprung-Rampe ausgestattet sein werden. Stattdessen wird auf der „JS Izumo” (DDH-183, im Dienst ab 2015) und auf der „JS Kaga” (DDH-184, ab 2017) der momentan trapezförmig zulaufende Bugabschnitt des Flugdecks in eine quadratische Form gebracht, ähnlich jenem auf den amphibischen LHD-Angriffsschiffen der „Wasp”- und „America”-Klassen der US-Marine (USN). Wie bei jenen erhalten die beiden Schiffe Flächen mit einer hitzebeständigen Beschichtung.

Diese Änderungen ermöglichen es den maximal 27.000 Tonnen schweren und 248 Meter langen Schiffen, die bestellten 42 Stück F-35B Kurzstart-/Senkrechtlandeversion des Lightning-II sicher(er) zu betreiben, indem Turbulenzen während des Starts gemindert werden und das Flugzeug auf der Backbordseite des Flugdecks starten und landen kann, wodurch ein sicherer Abstand zu den seitlichen Aufbauten (Insel) eingehalten wird. Auch wird das jetzt steuerbords am Bug auf dem Flugdeck stehende Phalanx/RAM- Nahverteidigungssystem (CIWS) – notwendigerweise – auf eine tiefere seitliche Plattform verlegt. Laut einem JMSDF-Sprecher werden die Adaptionen in zwei Hauptphasen vorgenommen, um sie mit den regelmäßigen Aufwertungs- und Überholungsprogrammen der Schiffe abzustimmen, welche alle fünf Jahre stattfinden. „JS Izumo” ist gerade dabei, „JS Kaga” wird 2022 folgen. 2019 wurde übrigens das US-Marinekorps gebeten, mit USMC-F-35B den Anfangsbetrieb des Typs auf den modernisierten Schiffen zu unterstützen, ähnlich wie es bei den beiden neuen britischen Trägern praktiziert wurde. Zuvor beginnt allerdings noch die Einführung der 17 seit 2017 gelieferten V-22 Osprey Kipprotorflugzeuge, sie passen auf die bestehenden Aufzüge.

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