China hat am 17. Juni in einer Zeremonie auf der Jiangnan-Werft im Shanghai seinen bereits dritten Flugzeugträger zu Wasser gelassen. Der aktuell noch als Typ 003 bekannte und bisher leistungsstärkste chinesische Träger (späterer Name Fujian) soll nach Fertigstellung über Katapulte verfügen und mit fortschrittlicheren Flugzeugen sowie UAVs operieren.

Schon am Tag vor dem Stapellauf war neben dem Dock ein großes Podium für die offizielle Eröffnungszeremonie aufgestellt worden. Der Träger hatte Dekorationen mit nationalpatriotischen Spruchbändern über seinen noch unfertigen Katapultschienen sowie Flaggen, die über der „Insel” und entlang des Flugdecks drapiert waren. Mit viel Pyrotechnik – und alles unter Masken – glitt das mit 80.000 Tonnen (voll ausgerüstet) größte je in Asien gebaute Kriegsschiff schließlich vom Tage zuvor gefluteten Dock in die Bucht.

@PLANun folgt die lange Phase der Endausrüstung mit hunderten Missions-Subsystemen, Sensoren und Verteidigungsbewaffnung. Deren Hauptkomponenten werden vier SAM-Systeme HQ-10, unterstützt von 30 mm-Revolverkanonen á la Phalanx zur „last line”-Verteidigung gegen Anti-Schiffs-Flugkörper bilden. Eine davon war auf einer Plattform zu sehen, davon gibt es noch mehrere (leere). Wie in den zahlreich veröffentlichten Bildern und Videos zu sehen, ist der Inselaufbau der Fujian (Rumpf Nr. 018) viel kompakter und aufgeräumter als bei den beiden vorherigen Trägern russischer Bauart, Liaoning (Nr. 016) und Shandong (Nr. 017). Auf der Insel waren auch bereits die prominenten Flush-Positionen für elektronisch scannende Array-Radarantennen (X- und S-Band) zu erkennen.

Die wichtigste Neuerung
Gesichert ist, dass im Unterschied zu den „Supercarriern” der US Navy, die Fujian konventionell und nicht nuklear angetrieben ist. Das Schiff verfügt zudem sichtlich über nur zwei Flugzeugaufzüge (an Steuerbord) und drei Katapulte, anstelle von deren drei beziehungsweise vier auf den US-Trägern. Letztere markieren aber den Wechsel der chinesischen Marine (PLAN) zu einer Kombination von katapultgestützten Starts und (herkömmlichen) Fangseil-Landungen, genannt Catobar-Typ (Catapult Assisted Take Off But Arrested Recovery). Damit können – nur die USA, Frankreich und nun China haben das System – Starrflügler mit deutlich schwereren Treibstoff- und Waffenlasten starten und darüber hinaus kann eine breitere Palette von Flugzeugtypen eingesetzt werden. Noch signifikanter ist, dass sich offenbar unter den drei „Tunneln” jeweils ein fortschrittliches elektromagnetisches Flugzeugstartsystem nach Magnetpulsprinzip (EMALS) befindet. Die PLAN hat bereits 2016/17 an ihrem Marineflieger-Testzentrum Huangdichun neben einem Dampf- auch ein EMALS-Katapult installiert. Jenes verzichet im Vergleich zu Dampfkatapulten auf eine schwere und ausladende Mechanik im Design des Schiffes und ermöglicht dadurch höhere sowie dichtere Einsatzraten.

@PLASobald perfektioniert, verspricht EMALS auch, Belastungen die auf das Flugzeug wirken, zu reduzieren, indem es die Möglichkeit bietet, die beim Start erzeugten Kräfte je nach Flugzeugtyp/-gewicht genauer anzupassen. Dieser letzte Punkt ist besonders relevant für den Start von Drohnen aller Größen, ein Bereich, dem China offensichtlich hohe Bedeutung beimisst. Andererseits ist festzuhalten, dass auf US-Trägern die bisher praktizierte Dampferzeugung stets nuklear erfolgt war und im Falle des chinesischen Träger die für EMALS hohe notwendige elektrische Energie ohne Nuklearantrieb problematisch werden könnte. Jedenfalls ist diese Magnetpolungs-Technologie noch nicht leicht zu beherrschen, zudem fehlen noch Erfahrungen mit hunderten Starts unter allen Bedingungen. Bisher wird nur die neue Ford-Klasse der US Navy (CVN-78) mit dieser Art von Ausrüstung ausgestattet. Und ihre Einführung verlief nicht ganz reibungslos und war – in China wohl kein Thema – von durch US-Kongress und Rechnungshof monierte Kostenüberschreitungen geprägt.

Neue Flugzeuge
Bei den auf dem neuen Schiff in Zukunft stationierten und betriebenen bemannten Luftfahrzeugen dürfte die Fujian einen großen Fortschritt gegenüber den beiden bisherigen PLAN-Trägern ermöglichen. Diese Schiffe waren mit frühen einsitzigen J-15-Kampfjets (einst von einer ukrainisch-überlassenen Su-33 von der Krim „abgeleitet”) bestückt, welche aus eigener Kraft über die „Schi”-Bugrampe startend, mehreren Einschränkungen bezüglich Startgewicht und Waffenlast unterworfen waren. Jene werden mit ziemlicher Sicherheit durch den zweiten, kleineren chinesischen Stealthfighter FC-31 (oder J-35) ersetzt beziehungsweise anfänglich ergänzt werden. Auch davon fliegt bereits ein Prototyp mit sichtlichen Klappflügeln und Katapultstange am Bugfahrwerk. Aber auch von der J-15 kommt eine CATOBAR-optimierte Version und eine zweisitzige J-15D zur elektronischen Kriegsführung á la EA-18G Growler. Die Katapulte ermöglichen schließlich auch Starts von schwereren und langsameren Nicht-Kampfflugzeugen, wie dem zweimotorigen Frühwarn- und Radarkontroll-Flugzeug KJ-600, das sich – sehr der E-2 Hawkeye ähnelnd – ebenfalls bereits in Flugtests befindet und gegenüber den bisherigen Frühwarn-Hubschraubern eine beträchtliche Fähigkeitssteigerung bringen wird. Auf diversen Web-Computergrafiken sind zudem diverse Kampf- und ISR-Drohnen wie Lijian zu sehen.

@PLANoch Jahre hin
Aktuell ist noch unklar, wann alle diese Plattformen zur Verfügung stehen, die Fahr- und Flugtests als Voraussetzung für die vollständige Inbetriebnahme werden jedenfalls noch längere Zeit brauchen. Auch wenn jetzt aus dem Trockendock, ist due Fujian noch mindestens einige Jahre von ihrer Einsatzfähigkeit entfernt. Es wird noch viel Arbeit und eine vielleicht auch nicht kontinuierlich steigende „Lernkurve” erforderlich sein, um das CATOBAR-Betriebskonzept sowie neue Elemente des Geschwaders zu verfeinern. Zudem hat die gewählte modulare Bauweise das Bautempo von Nr. 018 (mindestens 10.000 Tonnen schwerer als Nr. 017) nicht wesentlich gesteigert. Die Kiellegung von Nr. 017 war im Mai 2015, der Stapellauf erfolgte dann am 26 April 2017. Der Bau der Module von (damals) Nr. 003 begann im November 2018, Kiellegung war im Juni 2020, der Stapellauf nun am 17. Juni. Auch die Installation der EMALS hat offensichtlich lange gedauert, die ersten Bilder sind von September 2021, und ist noch gar nicht wirklich abgeschlossen, da der Installationsprozess in der Regel auf halbem Weg der Rumpfkonstruktion beginnt, aber während der Endausstattung nach dem Stapellauf fertiggestellt wird. Dazu kam, dass das gesamte Projekt auch von den in China besonders rigide gehandhabten Covid-Lockdowns massiv betroffen war.

Erweiterte Machtprojektion
Es wird in China wie im Westen erwartet, dass die (künftige) operationelle Einführung des neuen und leistungsfähigeren Schiffes samt seinem Bordgeschwader markante Verbesserungen für die chinesische Volksmarine einläuten wird. Der „Launch” dieses neuen Kriegsschiffes setzt jedenfalls den entschlossenen „langen Marsch” der PLAN fort, nicht nur eine der größten, sondern auch eine der fähigsten Marinen der Welt zu werden. Offensichtlich ist das Potenzial eines solchen Flugzeugträgers und seines fortschrittlicheren Luftgeschwader mit Blick auf künftige Konfliktpotenziale beispielsweise rund um Taiwan und im Südchinesischen Meer, zur Machtprojektion bis zur sogenannten zweiten Inselkette bis Guam, aber auch in den Indischen Ozean und zur Absicherung von Chinas Interessengebieten entlang der „Maritimen Seidenstraße” bis zum Horn von Afrika und darüber hinaus.

Sechs Flugzeugträger?
Wenn es stimmt, was manche chinesischen Kommentatoren oder Foreneinträge behaupten, strebt dieZentrale Militärkommission Chinas einen Endausbau von sechs Flugzeugträgern an. Und nun können zwei Werften gleichzeitig solche bauen, eine in Dalian und die andere in Jiangnan. In Gesprächen mit dem Autor äußerten diesbezüglich einige Experten vor Ort ihre Erwartung, dass es angesichts der Provinz Fujian (gegenüber Taiwan) als Namensgebers so aussieht, als ob das Schiff für die auf der Insel Hainan stationierte Südflotte der PLAN geplant ist. Sowohl Nr. 016 als auch Nr. 017 haben Provinznamen im Zuständigkeitsbereich der chinesischen Nordflotte erhalten. Nun spekuliert man, dass nach diesen beiden Flotten die ostchinesische Flotte die Träger Guangdong (Nr. 019) und – atombetrieben? – Jiangsu (Nr. 020) und Zhejiang (Nr. 021) erhalten könnte. Jedenfalls sprechen wir da schon von den 2040er-Jahren, an deren Ende die dann 100 Jahre alte Volksrepublik die – auch militärisch – stärkste Macht der Welt sein will.

@PLADunkle Geschichtsperiode als heutige Motivation
Angesichts der Namensgebung merken böse Zungen in Foren denn auch gleich an, dass all diese Namen auch historische chinesische Niederlagen symbolisieren würden. Fujian: Zerstörung einer chinesischen Flotte im französisch-chinesischen Krieg von 1884. Liaoning: Japanischer Sieg über die Beijang-Flotte im ersten chinesisch-japanischen Krieg 1894. Shandong: Verlust der gleichnamigen Halbinsel mit Hafen Weihaiwei (sowie Korea und Taiwan an Japan) und Zerstörung jener Flotte 1895. Guangdong als Symbol für die verlorenen beiden Opiumkriege (1839–1842) und Jiangsu als Provinz mit Hauptstadt Nanjing und gleichnamigem Vertrag von 1842, in dem die Abtretung Hongkongs an die Briten besiegelt wurde. Damit begann das im modernen China oft als Motivation auch für heutige Aufrüstung betonte „Jahrhundert der Demütigung” durch die Invasionen westlichen Kolonialismus und Imperialismus, samt wirtschaftlicher Ausbeutung und Gebietsverlusten. Auf Grund jener kollektiv-traumatischen Erfahrung resultieren gegenüber dem Westen im Land nach wie vor viel Distanz und Misstrauen.

1 KOMMENTAR

  1. Wenn man die chinesischen Patentanmeldungen im Bereich Flugzeugträger mitverfolgt (alleine seit Jahresbeginn 2022 wurden 18 neue Anmeldungen veröffentlicht), ist noch mit einigen interessanten Entwicklungen und Verbesserungen zu rechnen; unter anderem auch betreffend den Energieverbrauch elektromagnetischer Katapulte. Besonders interessant ist auch das im Vorjahr veröffentlichte Konzept eines Flugzeugträgers mit zwei seitlich neben dem Hauptflugdeck angeordneten absenkbaren Startdecks und einer zentral auf dem Hauptflugdeck angeordneten Insel. Es wird spannend, ob das auch tatsächlich einmal in der Praxis so umgesetzt wird.

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