Bei der Aufstellung ihrer Marineflieger arbeitete die deutsche Bundeswehr nach ihrem NATO-Beitrag 1955 intensiv mit den USA und Großbritannien zusammen – Unterstützung gab es auf dem Materialsektor ebenso wie im Ausbildungsbereich.

Als die Bundesrepublik Deutschland am 9. Mai 1955 in die NATO aufgenommen wurde, stand bei der neuen Bundesmarine natürlich primär die Beschaffung schwimmender Einheiten im Vordergrund. So dauerte es dann noch bis zum Spätsommer des Jahres 1958, bis die ersten beiden Staffeln der Marineflieger in Dienst gestellt werden konnten – das war ein ganzes Jahr nach Aufstellung eines Heeresfliegerkommandos und der ersten Kampfgeschwader der Luftwaffe. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, als die Unterstellung von fliegenden Einheiten der Luftwaffe unter operatives Kommando der Marine absolut keine befriedigende Lösung gewesen war, hatten sichtlich zu der Entscheidung beigetragen, der Bundesmarine ihre eigenen fliegenden Verbände zu geben. Vorbereitende Maßnahmen dafür waren natürlich schon vor 1958 eingeleitet worden.

So hatte man bereits am 26. Juni 1956 auf dem Fliegerhorst Kiel-Holtenau unter der Führung von Fregattenkapitän Richard Linke ein „Kommando der Marineflieger” aufgestellt. Linke, Jahrgang 1909, war im Zweiten Weltkrieg Luftwaffenoffizier, zuletzt Major, gewesen und war mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden.

Das erste Luftfahrzeug der neuen Marineflieger sollte von der Marinefliegergruppe 1 (MFGrp l) geflogen werden, die am 12. März 1957 auf dem Fliegerhorst Schleswig-Jagel formiert wurde. An jenem 12. März besaß die Bundesmarine aber noch kein einziges Flugzeug. Da abzusehen war, dass ihre Seeluftstreitkräfte auch in Zukunft stets eine verhältnismäßig kleine Truppengattung bleiben würden, wurde entschieden, deren fliegendes Personal nicht in einem speziellen Ausbildungskommando, sondern direkt in den regulären fliegenden Verbänden zu schulen (wobei dann auf die Kapazitäten der wichtigsten Verbündeten zurückgegriffen werden musste). So wurden in der Folgezeit die Marineflieger gemeinsam mit den Luftwaffenpiloten ausgebildet. Dieser Zustand änderte sich erst, als das deutsche Ausbildungsprogramm in den 1960er-Jahren in die Vereinigten Staaten von Amerika verlegt wurde.

Vorher, in den Anfangsjahren, wurden deutsche Piloten bei der US Navy ausgebildet, während Beobachter und Bordfunker bei der Royal Navy geschult wurden. So entwickelten sich enge Beziehungen zur britischen Marine.

Doch zunächst zu den Piloten: 21 Monate dauerte die Ausbildung eines Marinefliegers und es traten im April 1956 die ersten Flugschüler auf dem amerikanischen Marinefliegerhorst (Naval Air Station) Pensacola in Florida zur dreimonatigen Schulung an. Später bildete dort auch die Luftwaffe aus. Bei der 2. Deutschen Luftwaffenausbildungsstaffel USA (DtLwAusbStff USA) werden zur Zeit im Rahmen der fliegerischen Grund- und Fortgeschrittenenausbildung folgende Ausbildungsgänge durchgeführt: Die Ausbildung zum Waffensystemoffizier der Luftwaffe für Tornado-Kampfflugzeuge, die Ausbildung zum Taktik-/Systemoffizier der Luftwaffe für Transall-Transportflugzeuge und die Ausbildung der Luftfahrzeugoperationsoffiziere der Marineflieger für P-3 C Orion.

@Foto Raboe
Die Gannets HS Mk 4 der Bundeswehr waren für die U-Boot-Jagd zuständig und kamen zunächst beim Marinefliegergeschwader 1 zum Einsatz. Später „wanderten” sie dann zum Marinefliegergeschwader 2.

Das alles war im April 1956 aber noch gar nicht abzusehen. So wirkten die ersten deutschen Soldaten in Pensacola ein wenig exotisch. Weitere deutsche Soldaten folgten in den späteren Lehrgängen. Unter den Lehrgangsteilnehmern gab es auch einige ehemalige Wehrmachtsangehörige mit erheblicher Kriegserfahrung, die das amerikanische Ausbildungssystem recht gut beurteilen und in Details sogar beeinflussen konnten.

Vorstufe der Ausbildung in Pensacola war ein 14-tägiges „Indoctrination-Battalion”, in denen die Lehrgangsteilnehmer eine Infanteriegrundausbildung durchlaufen mussten. Und die war ziemlich rigide, denn die Ausbilder kamen vom US Marine Corps. Man kann sich vorstellen, wie diese altgedienten Sergeants mit den zukünftigen Offizieren umsprangen. Da es der US Navy nicht an geeigneten Bewerbern mangelte, war eine hohe Abbrecherquote weder ungewöhnlich, noch besonders unerwünscht. Die Situation der jungen Bundesmarine war ganz anders, noch gab es in weiten Teilen der Bevölkerung Vorbehalte, und das Wirtschaftswunder übte eine Sogwirkung in Richtung ziviler Karrieren aus. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass im Fliegerland USA viele Jugendliche von klein auf mit der Fliegerei in Berührung kamen, während in Deutschland nach dem Kriegsende zunächst jede fliegerische Betätigung verboten war. Altgediente Luftwaffenpiloten der Wehrmacht gab es hingegen etliche, aber denen – oft mit großer Flug- und Fronterfahrung, häufig hochdekoriert – war eine infanteristische Grundausbildung nicht zuzumuten.

Der Inspekteur der Bundesmarine, Admiral Friedrich Ruge, intervenierte persönlich beim Kommandanten der Naval Air Station, um den ehemaligen Wehrmachtsangehörigen („Refreshern”), auf die dieser einleitende Ausbildungsbestandteil nur lächerlich und demotivierend gewirkt hätte, eben jenen zu ersparen.

Aber auch der Rest des Ausbildungsprogramms war anspruchsvoll genug. Selbst kleine Disziplinarverstöße (auch außerhalb der Dienstzeit) wurden von der US Navy mit der sofortigen Entlassung aus dem Lehrgang geahndet, Verstöße gegen Flugsicherheitsbestimmungen ebenso. Grund war, dass die US Navy wie erwähnt auf eine sehr große Zahl an Bewerbern zurückgreifen konnte, es sich folgerichtig leisten konnte, rigoros auszusieben. Das Personalmanagement der Bundesmarine sah anders aus, die junge Bundesmarine hatte eben nicht viele flugtaugliche Bewerber. Aufgrund von Schwierigkeiten in den ersten Lehrgängen, hielt Ruge Rücksprache mit dem künftigen Kommandeur der Marineschule Mürwik, Kapitän zur See Hubert von Wangenheim, der Pensacola besucht hatte. Es wurde beschlossen, Kapitän zur See Hans Hefele als Kommandoführer nach Pensacola zu schicken. Hefele war im Spanischen Bürgerkrieg zeitweilig Kommandeur einer Seefliegerstaffel der Legion Condor gewesen. Im Zweiten Weltkrieg erreichte er den Rang eines Oberstleutnants, er war von Oktober 1939 Kommandeur der II. Gruppe des Kampfgeschwaders 26. Am 3. April 1940 wurde seine He 111 vor der Küste Yorkshires von Flight Lieutenant Norman Ryder in einer Spitfire der 41 Squadron abgeschossen. Hefele verbrachte den Rest des Krieges in einem kanadischen Gefangenenlager.

@National Archief
Eine Sea Hawk mit deutschen Hoheitsabzeichen – das Muster spielte zu Beginn der deutschen Nachkriegs-Marinefliegerei eine Hauptrolle.

Hans Hefele verstand es einerseits, die deutschen Lehrgangsteilnehmer zu informieren und zu motivieren. Auf der anderen Seite erwarb er sich großes Ansehen bei seinen amerikanischen Kameraden. Ihm war es in erster Linie zu verdanken, dass nicht jettaugliche deutsche Lehrgangsteilnehmer in andere Fachausbildungen gehen konnten, die bei den deutschen Marinefliegern gefragt waren. Hefele selbst sollte eigentlich keine Pilotenausbildung auf Jets erhalten, denn das war weder geplant noch von deutscher Seite finanziert. Aus eigener Initiative absolvierte er eine solche (bis hin zur Qualifikation für Flugzeugträgerstarts und -landungen), die ihm die Amerikaner „spendierten”: einen besseren Beweis für sein großes Ansehen bei der US Navy gibt es wohl nicht. Später war Kapitän zur See Hefele für einige Jahre Kommandeur der deutschen Marineflieger (von Juli 1960 bis Januar 1963).

Zurück zu den Flugschülern in Pensacola: Nachdem sie 24 Flugstunden und die obligatorischen Alleinflüge auf der zweisitzigen Beech T-34B Mentor erfolgreich absolviert hatten, wurden sie nach Whiting Field, Alabama, verlegt. Dort mussten 20 Stunden Navigationstraining auf North American T-28A Trojan erfüllt werden. In Barren Field, ebenfalls in Alabama, erfolgten weitere 55 Flugstunden, hauptsächlich Luftkampfausbildung. Darauf waren – immer noch auf T-28 –  in Kingsville, Texas, 70 Stunden In­strumentenflugtraining zu absolvieren. Als nächster Schritt folgte ein 30-stündiges Fortgeschrittenen-Jettraining auf Lockheed T2V-1 SeaStar (T-1A), nach dessen erfolgreichem Abschluss die Piloten zu ihren Geschwadern in Deutschland kommandiert wurden.

Da die während der Ausbildung in den USA genutzten Flugzeugtypen nicht denen entsprachen, die für die neuen Marineflieger beschafft wurden, erfolgte für die Jetpiloten noch (ab Februar 1958) eine viermonatige Umschulung im schottischen Lossiemouth, also in Großbritannien. Im Gegensatz zur Luftwaffe erhielten nämlich die Marineflieger für ihre Einsatzverbände fast ausschließlich britische Flugzeuge (von ein paar amerikanischen Amphibienflugzeuge zur Seenotrettung vom Typ Grumman Albatross abgesehen). Auch erfolgte die Indienststellung der ersten Einsatzstaffeln auf britischen Stützpunkten. Am 19. Mai 1958 wurde auf der Luftwaffenbasis RAF Lossiemouth die 1. Mehrzweckstaffel in Dienst gestellt. Sie war mit acht Hawker Sea Hawk Mk 100 ausgerüstet. Am 20. Mai 1958 erfolgte dann in Eglington, Nordirland, die Indienststellung der mit 16 Fairey Gannet HS Mk 4 ausgerüsteten U-Boot-Jagdstaffel.

@Hagen Seehase
Die zweimotorige Hunting Percival Pembroke C.54 fand in der Bundeswehr bis zum Jahr 1972 Verwendung.

Ein wichtiges Flugzeugmuster – vielleicht das wichtigste in den Anfangsjahren der Marineflieger –  war die Hawker Sea Hawk zur Seezielbekämpfung sowie Seeraumüberwachung und -aufklärung; ebenfalls aus Großbritannien kam die Fairey Gannet zur U-Jagd. Mit diesen Flugzeugtypen war auch die Marinefliegergruppe 1 (MFGrp 1) ausgerüstet, welche am 1. August 1958 in Schleswig-Jagel aufgestellt wurde. Die Marinefliegergruppe 2, auf demselben Horst stationiert, war mit Sea Hawk ausgestattet. Ein Jahr nach Aufnahme des Dienstbetriebes wurden die Marinefliegergruppen in Marinefliegergeschwader (MFG) umbenannt. Wichtigster Auftrag dieser Einheiten war die Beherrschung der Ostseezugänge (in Verbindung mit der dänischen Marine und Marineheimwehr) und die Sicherung der Seeverbindungen in der Nordsee sowie den angrenzenden Seegebieten (in Verbindung mit dort operierenden britischen und niederländischen Seestreitkräften und Seeluftstreitkräften). Im Konfliktfall zwischen NATO und Warschauer Pakt war das Beherrschen dieser Schüsselpositionen eine Grundvoraussetzung dafür, dass das Territorium der Bundesrepublik Deutschland nicht zusätzlich von Norden her bedroht und der Ausbruch der sowjetischen Ostseeflotte in den Atlantik verhindert wird. Ursprünglich waren dem MFG-1 die Nordsee und dem MFG-2 die Ostsee als Operationsgebiet zugewiesen worden. Bedingt durch veränderte strategische Überlegungen wurden dem MFG-1 später drei der vorhandenen vier Sea Hawk-Staffeln zugeteilt, als Ausgleich musste es dem MFG-2 seine Gannets überlassen. Der Bekämpfung sowjetischer Landungsverbände kam eine besondere Rolle zu, genau dafür war die Sea Hawk mit ihrer starken Kanonenbewaffnung vorgesehen. Um den meist überlegenen Jagdfliegern der Baltischen Flotte der Sowjets entgehen zu können, sollten die Sea Hawks ihre Angriffe im Tiefflug ausführen, was intensiv geprobt wurde.

Neben den schon erwähnten Sea Hawks und Gannets entstammte auch die Hunting Percival Pembroke C.54 britischen Produktionslinien. Das zweimotorige Transport- und -verbindungsflugzeug wurde von 1958 bis 1972 bei den Marinefliegern in einer Stückzahl von sechs Einheiten eingesetzt. Die Pembrokes flogen zunächst beim Marinefliegergeschwader 5 und sollten die Seenotrettung unterstützen.

Auch bei den Drehflüglern sah es very british aus: die Saunders Roe Skeeter (eingesetzt 1958 bis 1960) und die Bristol Sycamore (eingesetzt von 1960 bis 1965) waren die ersten Hubschrauber der Marineflieger. Da auch die Ausbildung ganz oder teilweise in Großbritannien stattfand, präsentierten sich die Marineflieger in ihren Anfangsjahren als die britischste Truppengattung der neugegründeten Bundeswehr.

Literaturtipps:
Beeck, Wulf: „Mit Überschall durch den Kalten Krieg: Ein Leben für die Marine”
Kaack, Ulf: „Die Marineflieger der Bundeswehr, Piloten und ihre Maschinen”

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