Vom Bombenentschärfer bis zum Koch: die Heereslogistikschule bildet das Fachpersonal für viele verschiedene Bundesheerbereiche aus – vom Fahren über das Schießen bis hin zum Essen.

Sie haben es mit Sprengstoff und selbst gebastelten Bomben zu tun. Kommen aber auch dann zum Zug, wenn Roboter und „normales Personal” versagen: Handentschärfer – so heißt die Elitetruppe unter den Kampfmittelbeseitigern (EOD) – legen an Explosivem selbst die bloße Hand an. Welches Kabel sie wann durchzwicken und wie aktuelle technische Raffinessen beim Zünder aussehen, lernen diese Ausnahmepersönlichkeiten unter strenger Geheimhaltung unter anderem in Österreich, an der Heereslogistik-Schule in Wien. Für Militär Aktuell öffnete man ausnahmsweise eines der Tore – allerdings unter der strengen Auflage, dass die Kamera in diesem Bereich geholstert bleibt.

@Sebastian Freiler
Vielfalt: Vom Waffenmeister bis zum Kochlehrling – in der Heereslogistikschule treffen nicht nur verschiedenste Berufe zusammen, sondern auch unterschiedliche Charaktere.

Kein Problem. In Containern sitzen die Trainees dort in Uniformen verschiedenster Armeen über „Bomben” gebeugt. Kein Wort wird gesprochen, Konzentration liegt in der Luft. Dazu der Geruch nach verbranntem Kunststoff, wenn mal der Lötkolben zum Einsatz kommt. ECMAN (European Centre for Manual Neutralisation) heißt das multinationale Ausbildungsprojekt, bei dem unter anderem auch Tschechien, Deutschland und Italien dabei sind. „Wir genießen internationalen Ruf”, sagt Brigadier Stefan Lampl und erinnert sich an staunende Soldaten aus den USA. Lampl ist seit April 2020 Kommandant der Heereslogistikschule und das, was man unter einem „open minded”-Offizier versteht. Insgesamt acht Jahre seiner Karriere verbrachte er im Ausland, unter anderem 1994 als Chemiewaffeninspektor im Irak. „Schuld” daran ist seine ursprünglich eingeschlagene Fachrichtung ABC-Abwehr. Wesentlich ziviler geht es zu, wenn Lampl an der Wirtschaftsuni Wien Militärlogistik und humanitäre Logistik unterrichtet. Das entspricht ganz dem Motto an der Heereslogistikschule. „Wir nutzen ziviles Know-how und erweitern es um das militärische”, fasst es Lampl zusammen. Seine Schule bildet jene Fachkräfte des Bundesheeres aus, die in ihrem Job etwas mit Fahrzeugen, Waffen, Verpflegung, Wirtschaftsdienst, Kommunikation und IT zu tun haben. Das sind etwa Fahrlehrer, Waffenmeister und Mechaniker, aber auch Munitionsexperten und Köche. Dementsprechend bunt ist auch die Klientel: Vom angehenden Berufs- und Milizsoldaten über den (zivilen) Lehrling bis hin zum erfahrenen alten Hasen. Rund 3.500 Zivilbedienstete und Uniformierte durchlaufen pro Jahr die gut 350 Kurse. Trotz Corona-Shutdown ist Lampl stolz, fast keinen der Kurse abgesagt haben zu müssen, E-Learning sei Dank.

@Sebastian Freiler
Hands-On: In der Waffentechnik werden Experten an allen Infanteriewaffen aus- und weitergebildet.

Die Vielfalt der Heereslogistikschule zeigt sich im „Headquarter” in der Vega-Payer-Weyprecht-Kaserne in Wien-Penzing hinter jeder Ecke. Der Zustand so mancher der Objekte, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Teil der kaiserlichen Kavalleriekaserne gebaut wurden, ist desolat. Andere ehemalige Stallungen sind schick renoviert und beherbergen technisches Gerät vom Feinsten. So etwa in der großen Halle, wo an diesem Spätsommertag der Waffenstationslehrgang für angehende Waffenmeister stattfindet. In vier Wochen lernen die erfahrenen Soldaten jedes Schrauberl an der Kanone des Schützenpanzers Ulan sowie des Mannschaftstransportpanzers Pandur Evolution kennen. Bei anderen Terminen dreht sich alles um den Kampfpanzer Leopard oder die Panzerhaubitze M109. „Bei uns findet nicht nur Ausbildung statt, sondern auch die Erprobung von neuen Waffen, Fahrzeugen und Gerät sowie die Weiterentwicklung”, schildert Lampl.

@Sebastian Freiler
Schulkommandant: Brigadier Stefan Lampl arbeitete acht Jahre im Ausland. Unter anderem als Chemiewaffeninspektor im Irak.

Ein gutes Beispiel dafür erwartet uns im nächsten umfunktionierten ehemaligen Pferdestall: Vorbei geht es an der „Ausbildungswerkstatt Schweißen” in die „Waffentechnik”. Dort nimmt Stabswachtmeister Patrick Wittmann (siehe Interview) ein modernes Scharfschützengewehr (Marke Barrett) auseinander. Denn die technische Expertise für dieses beim Jagdkommando und bei einigen Jägerbataillonen eingesetzte Gewehr aus den USA (Einsatzschussweite 1.500 Meter, 24-fache Vergrößerung) wird an der Heereslogistikschule aufgebaut, upgedatet und weitergegeben. Gleiches gilt für alle Infanteriewaffen des Bundesheeres – von der Leuchtpistole bis zum überschweren Maschinengewehr. Plexiglaswände zwischen den Schultischen zeugen davon, dass hier bereits seit Monaten die „neue Normalität” gelebt wird. In der Waffenkammer nebenan lagern Gewehre aus dem Ersten Weltkrieg, daneben eine Desert Eagle (Magnum Handfeuerwaffe) und ein Dragunow-Scharfschützengewehr. Keine heimliche Sammlerleidenschaft, sondern „Anschauungs­objekte, damit man verschiedene Systeme kennenlernt”, so Lampl.

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@Sebastian Freiler
Der Großteil der Heereslogistikschule ist in der Vega-Payer-Weyprecht-Kaserne in Wien zusammengefasst.

Utensilien wie den großen Schneebesen lernt man in der „Versuchsküche” kennen. Für die Topfen-Apfel-Lasagne machen die Lehrlinge gerade die Palatschinken. Was hier noch gemächlich und Schritt für Schritt unter den Augen des Ausbildners abläuft, muss im anderen Gebäude, wo die Zentralküche für Wien eine Kapazität von bis zu 5.000 Mahlzeiten schafft, dann schon routinierter von der Hand gehen. Auch hier gilt: Die Heereslogistikschule stellt die Expertise hinter der Verpflegslogistik, auch außerhalb des Kasernenbetriebs. „Unsere Containerküche kann bis zu 700 Personen verpflegen. Zum Einsatz kommt sie etwa bei Übungen der EU-Battlegroup und bei der Airpower”, erklärt Vizeleutnant Franz Preier, Hauptlehr-Unteroffizier und Feldkoch. Rund 3.500 Rezepte hat das Heer im Repertoire. Auf den Tisch kommt aber meist „Bewährtes”, wobei durch Lebensmittelunverträglichkeiten immer wieder Zutaten justiert werden müssen. Für die Spezialisten an der Heereslogistikschule ist das aber kein Problem. Lampl abschließend: „Durch den technologischen Wandel dreht sich das Wissen im Bereich Militärlogistik in etwa alle vier Jahre.” Aufgebautes Know-how ist also ständig zu aktualisieren.

@BundesheerZur Geschichte der Heereslogistikschule
Die Heereslogistikschule (HLogS) untersteht dem Kommando Streitkräftebasis (KdoSKB) und besteht aus vier Instituten: Versorgung, Wirtschaftsdienst, Technischer Dienst und Kraftfahrwesen. Der Großteil ist in der Vega-Payer-Weyprecht-Kaserne in Wien untergebracht, das Institut Kraftfahrwesen jedoch in Zwölfaxing und der Bereich Munitionstechnik in Großmittel. Die HlogS mit ihren 240 Mitarbeitern versteht sich als Bildungseinrichtung für Militärlogistik und bildet das Fachpersonal des Heeres in den Bereichen Versorgung, Wirtschaftsdienst und Verpflegung sowie Fahrzeug-, Waffen,- Kommunikations- und IT-Technik aus. Darüber hinaus finden Erprobungen von neuem Gerät (mit Ausnahme der Luftfahrt und Sanität) statt. Pro Jahr absolvieren rund 3.500 Personen, darunter Zivilbedienstete ebenso wie Uniformierte, die gut 350 Kurse. Hinzu kommen Lehrlinge und Absolventen der „Werkmeisterschule“. Man pflegt eine enge Vernetzung mit zivilen Stellen – etwa im Rahmen der Kälte-Klima-Technik-Akademie gemeinsam mit dem TÜV. Viele Ausbildungen, und natürlich auch die HLogS selbst, sind zertifiziert und daher auch in den zivilen Bereich übertragbar. Zukunftsthemen der HLogS: 3D-Druck, Mensch-Maschine-Interaktion, Künstliche Intelligenz, unbemannte Systeme und vernetzte Mobilität.

Hier geht es zu einem kurzen Interview mit Stabswachtmeister Patrick Wittman, Lehrunteroffizier für Waffentechnik an der Heereslogistikschule und hier geht es zu unseren anderen Truppenbesuchen.

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