Wenn von einem Blackout, also von einem großflächigen und länger andauernden Stromausfall, die Rede ist, dann kommt etwas zur Sprache, das für die meisten Menschen absolut unvorstellbar ist. Herbert Saurugg ist Experte für Krisenvorsorge und beschäftigt sich schon lange mit diesem Thema. Für uns hat er etwas Licht ins Dunkel gebracht.

Herr Saurugg, das Thema Blackout kommt und geht in Wellen, sei es durch einen erfolgreichen Roman oder eben jetzt durch die Corona-Pandemie. Denken Sie, dass der Corona-Shutdown das Thema nachhaltiger im Bewusstsein der Menschen gerückt hat? Für die meisten von uns war es wohl die erste derartige Situation …
Meine Wahrnehmung ist, dass sich jene, die sich schon vorher damit beschäftigt haben, nun in ihren Befürchtungen bestätigt sehen. Und jene, die sich schon vorher nicht damit auseinandergesetzt haben, momentan noch so sehr mit der aktuellen Situation beschäftigt sind, dass sie den Kopf für noch ein Thema gar nicht frei haben. Trotzdem dürfte die Pandemie insgesamt einen Einfluss haben, weil einfach erlebbar wurde, wie rasch sich Dinge ändern können. Daher ist das Thema momentan vielleicht etwas leichter anzusprechen. Wichtig wäre aber, dass die richtigen Handlungen gesetzt werden. Und daran zweifle ich selbst im aktuellen Kontext rund um die Corona-Pandemie. Es fehlt einfach nach wie vor das Bewusstsein für die Gefahr, weil sich die meisten Menschen ein Blackout kaum vorstellen können. In ähnlicher Weise haben wir das ja auch jetzt bei der Pandemie gesehen.

„Es fehlt einfach nach wie vor das Bewusstsein für die Gefahr, weil sich die meisten Menschen ein Blackout kaum vorstellen können.“

War es in Österreich dafür vielleicht auch noch zu sehr Streifschuss? Glücklicherweise muss man ja sagen …
Weil das Ganze in Österreich bisher glücklicherweise etwas glimpflicher ausgegangen ist als anfangs befürchtet wurde, glaube ich schon, dass sich Teile der Bevölkerung jetzt denken, dass sehr viel Übertreibung im Spiel war. In Österreich war die Pandemie tatsächlich nur ein Streifschuss. Sie mit einem Blackout zu vergleichen, wäre aber keinesfalls akkurat, weil im Fall eines Blackouts ja sofort alles aus ist. Dann gibt es die Möglichkeit schnell noch etwas zu besorgen plötzlich nicht mehr. Daher ist es trotz allem meine Hoffnung, dass sich mehr Menschen dieser Gefahr bewusst werden. Sicher bin ich mir da aber nicht.

@Privat
Herbert Saurugg ist Experte für die Vorbereitung auf den Ausfall lebenswichtiger Infrastrukturen, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge und ein international vielbeachteter Speaker, Autor und Prozessbegleiter.

Hat es Sie überrascht, dass es zu den sogenannten Hamsterkäufen gekommen ist?
Nein. Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine normale Reaktion von Menschen in einer außergewöhnlichen Situation. Nicht ganz richtig war meiner Meinung nach die begleitende Kommunikation, die die sogenannten Hamsterkäufer teilweise als dumm hingestellt hat. Wobei an dieser Stelle natürlich auch gesagt werden muss, dass unnötige Einkäufe wie die Anschaffung großer Mengen an Klopapier absoluter Blödsinn sind. Um das zu verhindern oder zumindest einzudämmen, hätte man aber verstärkt kommunizieren müssen, dass überlegte Einkäufe wichtig sind. Dass Vorsorge zwar essentiell ist, die Anschaffung großer Mengen an Gütern aber Unsinn ist. Ich habe schon damit gerechnet, dass es größere Probleme geben wird, zum Beispiel in der Medikamenten- oder Lebensmittelversorgung. Das hat alles wesentlich besser funktioniert, als von mir erwartet. Wobei in einer aktuellen österreichischen Studie festgestellt wurde, dass die Logistikketten wenig robust sind. Auch in der Schweiz hat man im März noch mit massiven Problemen bei der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern gerechnet und sogar dementsprechende Szenarien durchgespielt. Wir hatten wohl mehr Glück, als uns bewusst ist.

@Антон Дмитриев on Unsplash
Überversorgung ist ebenso eine Gefahr für die Stromversorgung am Kontinent wie Unterversorgung.

In einem Interview mit Brigadier Sylvia Sperandio, das ich vor einigen Wochen führen durfte, meinte Sie, dass die Pandemiepläne in Österreich hin zum Ausbruch der Coronakrise nicht wirklich aktuell waren. Gibt es solche Pläne auch für einen Blackout und wie aktuell sind sie?
Diese Pläne gibt es nicht. Es gibt zwar Überlegungen zu Einzelbereichen, aber konkrete Pläne liegen nicht vor. Viele Institutionen denken, dass es mit einer Notstromversorgung schon getan ist. Gerade im Bereich der Spitäler und Pflegeeinrichtungen ist eine solche Einschätzung aber sehr kritisch zu betrachten und durchaus gefährlich. Denn es gibt eine Vielzahl an unterschätzten Versorgungsabhängigkeiten. Und die Lagerkapazitäten werden überall zurückgefahren, weil die teuer sind. Die Versorgungsreichweite ist generell gering. Das haben wir ja auch bei der Schutzausrüstung gesehen.

Was sind aktuell die größten Gefahrenherde, weshalb es in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft zu einem Blackout kommen könnte? Welche Rolle spielen zum Beispiel die klimatischen Verhältnisse?
Auch wenn man es in Österreich momentan nicht wirklich glauben kann, spielen Hitze und Trockenheit in Europa eine große Rolle. Wir hatten bereits im August 2015 in Polen die Situation, dass die Lage so weit eskaliert ist, dass man auf Eskalationsstufe 19 von 20 war. 20 hätte bedeutet, dass es zu unkontrollierbaren Flächenabschaltungen kommen hätte müssen. So eine Situation gab es seit 1980 nicht mehr. Und wenn jetzt doch noch Hitzewellen kommen, dann wird eine kritische Beobachtung der Situation notwendig sein. Wenn zum Beispiel die Kühlung von Großkraftwerken stark beeinträchtigt ist, hat das natürlich Auswirkungen auf die Systemsicherheit. Während des Lockdowns hatten wir in Europa die Situation, dass es zum Teil einen großen Stromüberschuss gab. Auch das bedeutet erhöhte Gefahr und Systeminstabilität. Davon haben aber die wenigsten etwas mitbekommen.

Interview wird unterhalb des Videos fortgesetzt.

Vortrag von Herbert Saurugg: Sind wir fit genug, um zu überleben?

Wenn es zu einem Blackout kommt, wird sich dieser dann eher auf Österreich beschränken oder in ganz Europa auftreten?
Wenn ich von einem Blackout spreche, dann geht es immer um Europa. Wenn Österreich, Deutschland oder die Schweiz involviert oder sogar Auslöser sind, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass weite Teile Europas betroffen sind. Das liegt natürlich auch daran, dass auch in diesem Bereich sehr viel Austausch über die Landesgrenzen hinweg stattfindet. Leider zählt auch hier immer häufiger nur der Markt und nicht die Systemsicherheit.

Welche Rolle kommt dem Bundesheer im Falle eines Blackouts zu?
Wenn es zum Blackout kommt, ist es eigentlich schon zu spät. Ich versuche schon länger das Bundesheer dahingehend zu motivieren, mehr Zeit in Vorbeugung zu investieren. Wenn alles steht, dann kann auch das Bundesheer sich selbst nicht mehr ausreichend versorgen, geschweige denn anderen helfen. Was das Bundesheer präventiv tun könnte, ist in der Ausbildung Schwerpunkte Richtung Krisenbewältigung und Resilienz zu setzen. Wenn die in diesem Bereich geschulten Soldaten dann das Thema in ihre Unternehmen, Gemeinden und Familien bringen würden, dann wäre damit schon sehr viel getan. Sie könnten das erworbene Wissen anwenden, indem sie etwa den Gemeinden dabei helfen, das Thema richtig anzugehen. Die meisten Gemeinden haben wenig Ressourcen und kaum Know-how. Das Militär hätte in diesem Fall also eine atypische Funktion. Und wie ich schon sehr oft gesagt habe: Landesverteidigung ist heute nicht mehr Landesverteidigung im Jahr 1980

„gerade beim Thema Blackout ist Eigenverantwortung eine absolute Notwendigkeit.“

Inwiefern?
Es gilt das Überleben der Gesellschaft sicherzustellen. Und das wäre durch einen Blackout massiv gefährdet. Es geht also darum, die Gemeinden dazu zu befähigen sich selbst versorgen und helfen zu können. Das ist mit Sicherheit der wichtigste Punkt. Das Stichwort Blackout kommt im gesellschaftlichen Diskurs zwar häufig vor, wenn sich aber mehr Menschen vorstellen könnten, was das überhaupt bedeutet, dann würde diesbezüglich schon deutlich mehr passieren. Wichtig ist, wir müssen ins Handeln kommen. Darüber reden ist allein zu wenig. Und der erste Schritt beginnt immer im persönlichen Umfeld: Sich zwei Wochen selbst ohne Einkaufen gehen zu müssen, versorgen zu können.

Letztendlich geht es also um Eigenverantwortlichkeit?
Das ist ein zentraler Punkt und gleichzeitig ein unglaublich schwieriger, weil wir in gewisser Weise in einer Vollkasko-Gesellschaft leben, in der man sich kaum um Dinge kümmern muss. Dabei ist gerade beim Thema Blackout Eigenverantwortung eine absolute Notwendigkeit.

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