Müssen wir uns aus europäischer Perspektive daran gewöhnen, dass wir es mit vielen Instabilitäten zu tun haben? Oder wird die Zahl der Konflikte möglicherweise sogar weiter steigen?
Bilban: Bei den Ländern im Osten Europas und im Südkaukasus wird sich wohl nicht viel ändern. Aufgrund ihrer geografischen Lage entlang der klassischen Ost-West-Bruchlinie werden sie immer potenzielle Konfliktherde sein, dieser Instabilitätsraum wird die EU – mal mehr, mal weniger – sicher noch auf Jahrzehnte beschäftigen.
Reiner: Das gilt auch für die Lage im Nahen Osten, wo nicht nur viele Player, die an den Konflikten oft auch gut verdienen, involviert sind, sondern auch noch die religiöse Segregation ein großes Thema ist. Mit dem Iran als Zwölfer-Schiitischer-Player und dem wahhabitischen Saudi-Arabien haben wir zwei große Gegenpole, die religiöse Aspekte oft auch einfach als Vehikel zur Durchsetzung wirtschaftspolitischer Interessen verwenden.

@Sebastian Freiler
IFK-Experte Christoph Bilban: „Die Länder im Osten Europas und im Südkaukasus werden aufgrund ihrer geografischen Lage entlang der klassischen Ost-West-Bruchlinie immer potenzielle Konfliktherde
bleiben.”

Ist diese Gemengelage in der Region mittel- bis langfristig überhaupt irgendwie auflösbar?
Reiner: Der Libanon hat das mit seinem Proporzsystem versucht und das hat nach dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990 viele Jahre auch gut funktioniert. Mit dem „Global war on terrorism“, dem Eintritt der libanesischen Hisbollah auf den syrischen Kriegsschauplatz und dem Fall des Irak mit seiner erodierenden Nachkriegsordnung in Richtung Zwölfer-Schiitischer Iran haben sich aber viele zusätzliche Problemstellungen aufgetan. Und das in einem Gebiet, in dem ohnehin bereits viele Interessen aufeinanderprallen. Dazu kommt die unglaublichen Perspektivenlosigkeit der rasch wachsenden jungen Bevölkerung und somit muss man der Region wohl leidvoll einen 30-jährigen Krieg zugestehen, dessen Beginn wir gerade erst erleben.

Welche Rolle spielt Corona als Beschleuniger oder Auslöser der Konflikte?
Reiner: Als wir im Westen in den „Lockdown” gegangen sind, stand zu befürchten, dass die Länder des Nahen Ostens bald folgen werden und es dann dort zu massiven Verwerfungen kommt. Dazu ist es noch nicht gekommen, wobei die Betonung auf NOCH nicht liegt. Da geht es weniger um hohe Fallzahlen und medizinische Versorgung, sondern vielmehr darum, dass die kleinteilige Wirtschaft der Tagelöhner zum Erliegen gekommen ist. Ein Lockdown in den Staaten der Levante sorgt zwar dafür, dass die Menschen nicht Corona bekommen, sie haben aber kein Einkommen mehr, was absolut existenzgefährdend ist und für Instabilitäten sorgt.
Hainzl: Das gleiche gilt für die meisten Länder Afrikas. Corona hat massive Auswirkungen auf die Wirtschaftssysteme, wobei die Folgewirkungen noch gar nicht absehbar sind. Ich würde aber gerne noch etwas zur vorhin bereits thematisierten Ausbreitung von Konflikten sagen …

Bitte.
Hainzl: Vor Beginn von Frankreichs Opération Serval in den Jahren 2012 und 2013 gab es in Mali einen Terroranschlag, heute gibt es viele und da sich die islamistischen Gruppierungen in der Region international und transnational verstehen, immer mehr auch in Nachbarländern. Diese Entwicklung zeigt ein großes Problem des internationalen Krisenmanagements: Da ein Mandat meistens nur für einen Staat gilt, bleiben Entwicklungen und Folgewirkungen von Konflikten auf Nachbarländer unberücksichtigt. Hätte man – parallel zur militärischen Mission in Mali – auch in Burkina Faso und Niger Missionen gemacht, hätte man dort möglicherweise Verschlechterungen vorbeugend entgegenwirken und für Stabilität sorgen können.

Müssen wir Europäer uns daran gewöhnen, dass wir es mit einem insta­bilen Umfeld zu tun haben und sich daran auch nichts ändern wird?
Hainzl: Vielleicht war es auch nie stabil. Vielleicht war unser Blick früher einfach weniger auf das große Ganze und mehr auf punktuelle Konflikte gerichtet und wir hatten die überregionalen Entwicklungen weniger am Radar.

@Sebastian Freiler
Was die besprochenen Konflikte ve­rbindet? „Sie alle wurzeln in einer tiefgreifenden Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung. Über Jahrzehnte hat sich in diesen Ländern durch Armut, Korruption und Perspektivenlosigkeit ein gewaltiger Frust aufgestaut, der sich nun auf unterschiedlichen Wegen Bahn bricht und enorme Instabilitäten nicht nur in den betroffenen Staaten, sondern weit darüber hinaus zur Folge hat”, so der Tenor der Experten.

Sie meinen, man sah den Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästinensern und den Irakkrieg, aber der Rest lief unter dem Radar und schien deshalb friedlicher als er eigentlich war?
Hainzl: Ja. Dazu kommt, dass demografische und ökonomische Entwicklungen früher anders waren, als sie das heute sind. Viele Probleme haben sich durch die Umstände verschärft und fordern neue Lösungswege. Wollen wir die Entwicklung stoppen, müssen wir uns mehr als früher überlegen, wie wir mit Problemen umgehen und wie wir den Menschen eine Perspektive bieten können. Da geht es auch um Umverteilung …
Reiner: … und natürlich auch um den Umgang mit dem Klimawandel. Die Auswirkungen sind im Nahen Osten und auf der Arabischen Halbinsel schon jetzt deutlich sichtbar: Der Strombedarf für die Kühlung von Gebäuden steigt jedes Jahr um bis zu zehn Prozent und Experten erwarten in der Region bald Sommertemperaturen von 51 bis 55 Grad. Dazu kommt, dass der Persische Golf zusehends versalzt, was sich wiederum auf die Fischbestände auswirkt, die vor dem Horn von Afrika und in der Arabischen See ohnehin von chinesischen Hochseeflotten stark dezimiert werden. Da sind weitere Konflikte vorprogrammiert, für mich ist der Krieg in Syrien schon jetzt der weltweit erste Klimakrieg.

Inwiefern?
Reiner: Früher haben es die vom Mittelmeer kommenden Regenwolken bis in die syrische Tiefebene geschafft, heute regnen sie infolge des Klimawandels bereits über dem Anti-Libanon ab. Folge davon ist ein Wassermangel, der schlussendlich Auslöser der Demonstrationen im Jahr 2011 war. Wir dürfen nicht vergessen: Das waren damals Bauernproteste für eine bessere Bewässerung. Syrien war bis in die 1960er- und 1970er-Jahre Getreideexporteur, seitdem ist das Land immer mehr auf Importe angewiesen und in vielen Ländern der Region ist die Entwicklung ähnlich. Durch den Klimawandel werden noch viele weitere Probleme auf die Region zukommen.
Hainzl: Das gilt eins zu eins für Afrika. Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft sind mit Überschwemmungen und Dürren enorm und in vielen Regionen kommen als Brandbeschleuniger Heuschreckenplagen dazu, die wie aktuell am Horn von Afrika den ohnehin brüchigen Frieden gefährden.
Bilban: Langfristig wird der Klimawandel auch für den Osten Europas zum Problem werden. Da habe ich weniger Weißrussland und die Ukraine – wo der aktuelle Waffenstillstand übrigens gut zu halten scheint – im Blick, sondern vielmehr Russland. Für das Land können die immer deutlicher zu Tage tretenden Umweltprobleme stabilitätsgefährdend werden, was natürlich massive Auswirkungen weit über die Grenzen hinaus hätte – nicht zuletzt auf alle heute besprochenen Konflikte.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar „Strategische Einschätzung der Krisen im Vorhof Europas” von IFK-Leiter Generalmajor Johann Frank.

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