Die globalen Militärausgaben sind 2020 auf 1.651 Milliarden Euro gestiegen, wie aus dem jüngsten Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI hervorgeht. Das entspricht einem Zuwachs von 2,6 Prozent gegenüber dem Jahr davor. Es ist der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnung der Daten durch das Institut im Jahr 1988.

Die Daten schließen alle Ausgaben mit ein, die Staaten für ihr Militär ausgeben. Dazu gehören sämtliche Personalkosten genauso wie Rüstungsausgaben, Kosten für Militäreinsätze, militärische Einrichtungen, die Forschung und Verwaltung. Die Beschaffung von Waffen macht dabei allerdings nur einen kleineren Teil der Gesamtkosten aus, so SIPRI. Ein genauerer Blick zeigt dennoch: der Anstieg der Ausgaben hat auch mit der Investition in neue Waffensysteme zu tun.

Die großen Fünf
Am meisten für ihre Verteidigung ausgegeben haben 2020 die USA, China, Indien, Russland und das Vereinigte Königreich. Zusammen machten ihre Ausgaben 62 Prozent aller globalen Militärausgaben aus, wobei allein die USA für 39 Prozent des Gesamtvolumens verantwortlich sind. Mit 648 Milliarden Euro gab Washington 4,4 Prozent mehr aus als 2019 und ist damit unverändert weltweiter Spitzenreiter. SIPRI führt den Anstieg vor allem auf amerikanische Investitionen in die Forschung und Entwicklung von neuen Waffensystemen sowie langfristige Beschaffungsprojekte und die Modernisierung des Atomarsenals zurück. Den Grund dafür sieht das Institut in der verstärkten Wahrnehmung von China und Russland durch die USA als Bedrohung – eine Entwicklung die unter Donald Trump deutliche Züge angenommen hat.

@U.S. Army photo by Sgt. Dustin D. Biven
Unangefochtener Spitzenreiter: Kein anderes Land lässt sich seine Armee auch nur annähernd so viel kosten wie die USA.

Hinter den USA rangiert China mit geschätzten 210 Milliarden Euro. Der Abstand zum Erstplatzierten ist groß: die USA gaben 2020 fast dreimal so viel aus wie China. Betrachtet man die Militärausgaben Chinas über einen längeren Zeitraum, relativiert sich aber das Gesamtbild. Dieses zeigt: China erhöht sein Verteidigungsetat ungebrochen seit 26 Jahren. 2020 war es 76 Prozent höher als im Jahr 2011. Bei den USA waren es im vergangenen Jahr zehn Prozent weniger als 2011 – ein Trend der sich während der Amtszeit von Donald Trump umzukehren begann. Ähnlich wie im Fall von Washington lässt sich der Aufwärtstrend bei den Militärausgaben Pekings auf die Modernisierungsbestrebungen und die Anschaffung neuer Waffensysteme zurückführen.

Auf Platz vier hinter Indien liegt Russland mit 51,4 Milliarden Euro. Auch wenn Russland bei den Militärausgaben 2020 einen Anstieg von 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnete, spielten die ökonomischen Folgen der Corona-Pandemie dennoch eine Rolle. So hat Russland 6,6 Prozent unter dem für 2020 geplanten Militärbudget ausgegeben.

Obwohl die Pandemie der Wirtschaft der meisten Länder einen Schlag versetzte, war es die Ausnahme, dass die ursprünglich für die Verteidigung vorgesehenen Mittel zur Bekämpfung der Pandemie genutzt wurden. Neben Russland waren es lediglich Brasilien, Chile und Südkorea, die einen Teil ihres Verteidigungsbudgets Corona-bedingt kurzfristig anders eingesetzt haben.

Militärausgaben weltweit im Aufwärtstrend
Ob Amerika oder Europa, ob Afrika oder Asien, der SIPRI-Bericht zeigt: fast in allen Regionen der Welt wurde vergangenes Jahr mehr für die Verteidigung ausgegeben. Im regionalen Vergleich rangiert Europa auf Platz drei nach dem amerikanischen Kontinent sowie der Region Asien und Ozeanien. Insgesamt haben europäische Staaten vergangenes Jahr 315 Milliarden Euro für ihr Militär ausgegeben, was einem Plus von vier Prozent gegenüber dem Jahr davor entspricht. Für 49,3 Milliarden Euro davon verantwortlich ist das Vereinigte Königreich – das Land mit dem fünftgrößten Militärbudget weltweit. In einem ähnlichen Bereich bewegen sich Deutschland und Frankreich mit jeweils rund mit 43,9 Milliarden Euro. Seinen Militärhaushalt besonders deutlich aufgestockt hat nach Angaben von SIPRI Polen: Die rund 10,8 Milliarden Euro im Jahr 2020 bedeuten einen Anstieg von 8,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und von satten 60 Prozent gegenüber 2011.  Grundsätzlich haben alle 30 NATO-Staaten 2020 mehr für ihr Militär ausgegeben. Bei zwölf Mitgliedern der Allianz waren es sogar zwei Prozent oder mehr des BIP. In einigen Fällen hat das laut SIPRI aber damit zu tun, dass die Wirtschaftsleistung Corona-bedingt gesunken ist, während die Militäretats gleich geblieben sind.

Der Trend steigender Militärausgaben zeichnete sich 2020 auch in Afrika ab. Insgesamt wurden geschätzte 36 Milliarden Euro in die Verteidigung investiert, was einem Plus von 5,1 Prozent gegenüber 2019 und elf Prozent gegenüber 2011 entspricht. Spitzenreiter in Nordafrika sind Ägypten (im SIPRI-Bericht zum Mittleren Osten dazugezählt), Algerien und Marokko. In Subsahara-Afrika stehen Südafrika und Nigeria ganz oben im Ranking.

Die einzige Region, die 2020 einen umgekehrten Trend bei den Militärausgaben verzeichnete, ist der Mittlere Osten. Nur vier von elf der von SIPRI analysierten Länder in der Region (Ägypten, Israel, Jordanien und der Oman) haben vergangenes Jahr mehr für ihre Verteidigung ausgegeben als im Vorjahr. Saudi Arabien hat im Vergleich zu 2019 sein Verteidigungsetat gar um zehn Prozent heruntergeschraubt.

Erwähnenswert ist noch eine Entwicklung: Aserbaidschan hat vergangenes Jahr 17 Prozent mehr als im Jahr davor für sein Militär ausgegeben. Das hängt unmittelbar mit dem Krieg um Bergkarabach vergangenen Herbst zusammen. Im Vergleich dazu hat Armenien laut SIPRI 2,6 Prozent weniger als 2019 ausgegeben.

@US Army Europe
Steiler Anstieg: Polen investierte 2020 rund 10,8 Milliarden Euro in seine Streitkräfte – um 60 Prozent mehr als noch 2011.

Ausblick: Rückwärtstrend unwahrscheinlich
Wie sich die Pandemie auf die Militärbudgets längerfristig auswirken wird, bleibt noch unklar. Denkbar ist, dass einzelne Staaten einen Teil der Mittel statt für die Verteidigung zur Bekämpfung der Corona-Folgen verwenden werden. Ein Rückwärtstrend bei den Militärausgaben auf globaler Ebene ist jedoch nicht zu erwarten. Das zeigen bereits jüngste Entwicklungen. Ein steiler Aufwärtstrend beim Aufrüsten ist besonders im Fall von Ländern erkennbar, die Russland als eine direkte Bedrohung wahrnehmen. Polen etwa plant den Anteil der Verteidigungsausgaben am BIP von jetzt 2,2 Prozent auf 2,5 bis 2024 zu erhöhen. Kräftig aufgerüstet wird auch im Norden Europas. Schweden hat vor einigen Monaten angekündigt, seine Militärausgaben in den kommenden fünf Jahren um 40 Prozent zu erhöhen. Auch Norwegen, Finnland und Dänemark investieren verstärkt in ihre Verteidigung vor dem Hintergrund der Spannungen mit Russland.

Auch die Besorgnis über die kontinuierliche Aufrüstung Chinas spiegelt sich in den Militärbudgets von Ländern in der Region wieder. Vor allem Indien, Japan, Australien und Südkorea haben in den vergangenen Jahren stärker in ihre Verteidigung investiert.

So ungewiss die Zukunft in Zeiten von Corona ist, eines scheint unverändert: je stärker die Bedrohungswahrnehmung eines Landes, desto mehr investiert es in seine Verteidigung. Angesichts der zunehmenden Rivalitäten und Unsicherheiten weltweit, ist es unwahrscheinlich, dass die wirtschaftlichen Kosten der Pandemie diese Entwicklung umkehren werden.

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