Militär Aktuell nützte eine Einladung von Bell-Helicopters zu den Gebirgsflug- und Rettungsspezialisten von „Air Zermatt” um sich rund um Matterhorn, Weisshorn und Monte Rosa ein Bild über die alpine Einsatztauglichkeit des möglichen Alouette III-Nachfolgers Bell 429 machen zu können.

Steht der Typenentscheid nun unmittelbar bevor? Oder lässt er doch noch ein paar Wochen oder Monate auf sich warten? Das weiß im Moment wohl niemand so genau. Fest steht hingegen, dass für die Nachfolge der Alouette III-Mehrzweckhubschrauber des Bundesheeres grundsätzlich drei Modelle zur Auswahl stehen: der H-145M von Airbus Helicopters (Interview mit H-145M-Programmchef Mark Henning), der AW169 von Leonardo und der 429 von Bell-Helicopters (Interview mit Bell Europa-Geschäftsführer Duncan van de Velde). Fest steht auch, dass es sich bei allen drei Kandidaten eigentlich um zivile Muster handelt, was aber schlicht und einfach daran liegt, dass im Bereich der leichten Mehrzweckhubschrauber – im Unterschied zu größeren Klassen der Kategorie Black Hawk – keine reinen Militärmodelle verfügbar sind. Problem ist das allerdings keines. Die Aufgaben, die militärische und zivile Betreiber mit den Hubschraubern speziell in alpinen Regionen abdecken wollen, sind ohnehin oft sehr ähnlich oder sogar deckungsgleich.

@Georg Mader
Ein Blick auf die Basis von „Air Zermatt”.

Augenscheinlich wurde das am vergangenen Wochenende, als Militär Aktuell eine kurzfristig ausgesprochenen Einladung von Bell-Helicopters nutzte, um einen Tag mit den schweizerischen Gebirgsflug- und Rettungsspezialisten von „Air Zermatt” zu verbringen, die rund um Matterhorn, Weisshorn und Monte Rosa zwei Exemplare des Bell 429 fliegen. Vor, zwischen und nach fünf von Militär Aktuell mitgeflogenen Rettungs- und (leider auch traurigen) Bergeeinsätzen ergaben sich zudem interessante Fachgespräche mit CEO und Helikopter-Pionier Georg Biner sowie Bell 429-Chefpilot Daniel Riesen. Dabei wurde unter anderem über einen weitgehend unbekannten, rein militärischen Bezug von „Air Zermatt” und deren Bell 429, gesprochen.

@Georg Mader
Der Ball 429 nennt sich im Namenszusatz „Global Ranger”, weil eine dreiköpfige kanadische Helikoptercrew im Sommer 2017 in 46 Tagen mit 108 Landungen mit einer Bell 429 rund um die Welt geflogen ist.

Lange gemeinsame Wurzeln
Aber alles der Reihe nach. Beginnen wir bei der langen gemeinsamen Geschichte von „Air-Zermatt” und Bell, die im Jahr 1968 wurzelt. Damals war der erste Helikopter des Schweizer Unternehmens ein italienischer Lizenzbau Agusta-Bell (AB) des legendären Modells 206 Jet Ranger. Auch im Bundesheer setzt man bekanntlich seit Jahrzehnten auf AB-Modelle. Am 24. August 2012 wurde von „Air-Zermatt” schließlich die erste Maschine des Typs Bell 429 Global Ranger auf der per Lastenaufzug vom Ortseingang Zermatt zu erreichenden Basis offiziell vorgestellt. Nach sehr positiven Erfahrungen (siehe Interviews mit CEO Georg Biner sowie Bell 429-Chefpilot Daniel Riesen) trug das Unternehmen im Oktober 2017 eine weitere 429 in das Auftragsbuch des texanisch-kanadischen Herstellers ein, die pünktlich zum 50. Firmenjubiläum am 19. Mai 2018 ausgeliefert wurde.

Neben Material- und Personen-Transporten, Taxi-, Heliski- und Touristenflügen führt „Air Zermatt” mit den Hubschraubern auch Berge-, Rettungs- und Überführungsflüge von leicht bis hin zu lebensbedrohlich Verletzten durch – jene stellen inzwischen gar das zweitgrößte Flugaufkommen des Unternehmens.

@Georg Mader
Der Bell 429 im Anflug zu einer Zwischenlandung in den Walliser Alpen.

Viel Spezialausrüstung & große Leistungsfähigkeit
Der zweimotorige Bell 429 führt bei „Air Zermatt” für Rettungseinsätze eine moderne notfallmedizinische Ausstattung im Gewicht von rund 250 Kilogramm für eine umfassende Behandlung der Patienten mit, welche man im Vergleich etwa mit regulären (Truppen)Transportflügen bei der Engine-Power/Nutzlast/Flughöhe-Kurvenberechnung abziehen muss. Im Fall der Fälle ist das notfallmedizinische Equipment allerdings in wenigen Minuten entfernt und der Hubschrauber für den Transport von sieben bis acht Insassen – abhängig von deren Ausrüstung – geeignet. Das Muster ist jedenfalls voll „single pilot”-IFR (blindflug-) zugelassen und hat einen Vier-Achsen-Autopiloten mit einem beeindruckenden Feature: Oft fliegt der Autopilot nur entlang eines kleinen Flugzeug-Symbols im gelb dargestellten „Graben” zwischen rotem, also höherem, Terrain – und fast immer ist schlicht alles rundum tiefrot. Mit den Nachtsichtbrillen und dem dafür abgestimmten Cockpit kann auch nachts geflogen werden, am Abend des Besuchs von Militär Aktuell war Bell 429-Chefpilot Daniel Riesen noch bis kurz nach Mitternacht am Matterhorn unterwegs, um dort nach abgängigen Bergsteigern zu suchen.

@Georg Mader
Arbeits- und Einsatzgebiet der „Air Zermatt”-Crews: das Matterhorn- und Monte Rosa-Gebiet in der Schweiz.

Zum Zwecke der Bergung und Rettung von Personen verfügt der 429 rechts über eine Winde mit 270 Kilogramm Tragkraft und bis zu 90 Metern Seillänge, sowie einen doppelten Außenlasthaken (40 Kilogramm Eigengewicht). Optional kann ein Suchscheinwerfer SX-5 Starbust sowie eine Infrarotkamera angebracht werden. Augenfällig war während der fünf mitgeflogenen Rettungseinsätze für den Beobachter der Vorteil eines komfortablen Innenraums zum einen und die große Leistungsfähigkeit bis in Höhen deutlich oberhalb heimischer Gipfelregionen zum anderen, was vor allem die Sicherheit erhöht. Trotz zum Zeitpunkt ungewöhnlich hoher Temperaturen auch in höheren Lagen und sechs Personen an Bord (inklusive Pilot, Militär Aktuell und EMS-Gerätschaft) kam HB-ZSU – Callsign „Susi” – nie vom grünen in den gelben Leistungsbereich. Geht es über die höchsten rot-weiß-roten Gipfeln hinaus auf einen der 22 Viertausender der Walliser Alpen, reduziert sich die potenzielle Zuladung allerdings. Dann werden – abhängig vom Einsatz und dessen Erfordernissen – einzelne Personen oder Equipment auf rund 3.700 Metern Seehöhe entladen und später wieder abgeholt.

@Georg Mader
Militär Aktuell-Autor Georg Mader vor einer der beiden Bell 429-Maschinen von „Air Zermatt”.

Rechnungen von vielen Tausend Franken
Höchste Schule der Bergrettungsfliegerei sind Spaltenbergungen. Dafür stehen im Hangar bei „Air Zermatt” einige Mulden mit Spezialausrüstung bereit. Nicht nur können am Doppelhaken Seilkombinationen von mehr als 300 Meter Länge operiert werden, die Sonderausrüstung für eine solche Rettung besteht sogar aus einem Dreibein aus drei Alustangen, das über die Spalte gestellt und verspreizt wird. Es ist mit einem sogenannten „Pully System” sowie Antriebsrädern ausgerüstet und ermöglicht das Hochziehen von zwei Personen gleichzeitig. Manchmal muss auch ein Generator auf den Gletscher geflogen werden, mit dessen Power dann Retter in der Spalte Abgestürzte herausfräsen und -schneiden müssen, wenn diese durch ihre Körperwärme mehr oder weniger ins Eis „eingewachsen” sind. Militär Aktuell erfuhr von Spaltenbergungen, die Kosten von bis zu 22.000 Franken (etwas mehr als 20.000 Euro) verursacht haben – nicht jede Freizeitunfall-Versicherung deckt das ab. Zudem gibt es immer wieder Leute, die gänzlich ohne entsprechende Versicherung in potenziell lebensfeindlichen Bergregionen unterwegs sind, so die Mitarbeiter von „Air Zermatt”. Besondere Tragik während unseres Besuchs: Die Kosten für die Such- und Bergeflüge von zwei auf der Südflanke des Weisshorns über 300 Meter tödlich abgestürzte (erfahrene) Bergsteiger, sind von deren Hinterbliebenen zu tragen und vergrößern den Verlust der Angehörigen um einen finanziellen Aspekt.

@Georg Mader
Der Bell 429 im Landeanflug auf den Gletscher: Der Pilot hat über das „Blasenfenster” den heiklen Untergrund direkt auch fest im Blick.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Bell 429 für Berge-, Rettungs- und Transporteinsätze im Gebirge bestens geeignet ist. Die Leistungsfähigkeit ist auch in höheren Lagen mehr als nur zufriedenstellend, das Zuladungspotenzial groß und der Innenraum geräumig. Und – wie die im Interview mit „Air Zermatt”-CEO Georg Biner angesprochene Ausbildung von Soldaten auf Bell 429 zeigt – scheint sich das Muster auch bei Militärs weltweit großer Beliebtheit zu erfreuen.

Weitere Aspekte haben wir in Interviews mit CEO Georg Biner sowie Bell 429-Chefpilot Daniel Riesen besprochen und diskutiert. Hier geht es außerdem zu weiteren Meldungen rund um Hubschrauber-Hersteller Bell.

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