Für die Nachfolge der Alouette III-Mehrzweckhubschrauber des Bundesheeres kommen drei Modelle in Frage: der 429 von Bell, der H-145M von Airbus Helicopters und der AW169 von Leonardo.

Nachdem wir in den vergangenen Wochen bereits mit Vertretern von Airbus (Interview mit H-145M-Programmchef Mark Henning) und Bell (Interview mit Bell Europa-Geschäftsführer Duncan van de Velde) über ihre Typen sprechen konnten, lassen wir nun auch einen Leonardo-Vertreter zum Leonardo AW169 zu Wort kommen. Über die von Leonardo beauftragte Salzburger Agentur P8 erreichten uns Antworten von Cesare Caccia, Vice President EMEA International Campaigns (Anm.: EMEA International Campaigns ist Teil der Leonardo S.p.A. Helicopter Division Business Organization).

Herr Caccia, Leonardo bezeichnet den AW169 als „grünen Allrounder”. Wieso?
Die AW169 verfügt über einzigartige Fähigkeiten und Systeme, um eine hohe Leistung zu erbringen und gleichzeitig die Chemikalien- und Lärmemissionen deutlich zu reduzieren. Dazu gehört zum Beispiel ein Hauptrotor mit variabler Drehzahl, sowie die Möglichkeit, ein einzelnes Triebwerk am Boden laufen zu lassen (Anm.: wobei die Rotoren angehalten werden, um alle Hauptsysteme an Bord mit Strom zu versorgen = APU-Modus). Auch eine fortschrittliche Navigation, die auf bevorzugte Pfade zurückgreift und vor Beginn einer Mission genaue Berechnungen von Routen und Verbrauch durchführt, sorgt für wesentlich umweltfreundlichere Nutzungsmöglichkeiten.

@Leonardo
Zahlreiche Streitkräfte und Behörden setzen auf die AW169 – die italienische Finanzpolizei beispielsweise will ihre Flotte bis 2024 auf 22 Stück aufstocken.

Und was macht den AW169 aus Ihrer Sicht zum besten Hubschrauber für das Österreichische Bundesheer?
Da wären etwa die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten im öffentlichen Dienst bis zur Verteidigung zu nennen, der hohe Anpassungsgrad, das Design der neuesten Generation und die 2015 erfolgte Zertifizierung mit höchsten Zertifizierungsstandards. Die AW169 ist außerdem überaus sicher aufgebaut, alle Systeme sind absturzsicher, sie schafft 33 Minuten im Trockenlauf und der Notausstieg übertrifft die Anforderungen der FAA/EASA Dazu kommt die beste Leistung in Sachen Nutzlast und mehr Innenvolumen als andere +5-Tonnen-Hubschrauber. Der Typ ist weiters in diversen Landschaftsformen beziehungsweise Topographie einsetzbar, er hat sich besonders im Gebirge bewährt und ist ideal für lebensrettende Primär- und Sekundäranwendungen geeignet. Durch ihre offene Architektur ergeben sich bei der AW169 auch noch Wachstumspotential für Rettungsdienste, um den sich entwickelnden Anforderungen im Laufe ihres Lebenszyklus gerecht werden zu können. Aber schon jetzt hat sich die AW169 erfolgreich bei Covid-19-Notfällen bewährt. Sie wurde mit spezifischen Biocontainment-Systemen ausgestattet, um das Ansteckungsrisiko für die Besatzung und das medizinische Personal bei der Verlegung von Patienten zu verringern. Zusammen mit der AW139 ist sie damit der weltweit einzige Rettungshubschrauber, der dazu in der Lage ist und das hat ganz sicher auch zum globalen Erfolg unter Sicherheits- und Streitkräften in Europa, Amerika und Asien beigetragen. Last, but not least: Die AW169 hat sich auch bereits im Bestand des italienischen Verteidigungsministeriums (Anm.: als AW169B Trainer, siehe Bild von der Übergabe weiter unten) bewährt.

Sie haben es jetzt selbst gerade erwähnt, der AW169 ist ein fast fünf Tonnen schwerer Hubschrauber. Ist das nicht viel zu schwer, um eine Alouette III zu ersetzen?
Der globale Trend auf dem militärischen Markt zeigt beim Ersatz alternder Helikopter-Typen einen allgemeinen Bedarf an mehr Raum, größerer Nutzlast und höherer Leistung. Dies ist auch bei Strafverfolgungseinheiten und Streitkräften weltweit durchaus üblich. Wenn man bedenkt, dass neue Investitionen eine Betriebsdauer von über 30 bis 40 Jahren gewährleisten können, dann ermöglicht das breite Einsatzspektrum der AW169 den Betreibern über Jahrzehnte hinweg die Bewältigung verschiedenster Herausforderungen – von Rettungsflügen über Löscheinsätze bis hin zu Verteidigungsmaßnahmen. Darüber hinaus werden kleinere Flotten durch leistungsfähigere Helikopter im Hinblick auf ihre Vielseitigkeit ausgeglichen. Dies macht den Einsatz von größeren Maschinen sinnvoll und kosteneffektiv.

@Leonardo
Cesare Caccia, Vice President EMEA International Campaigns bei Leonardo.

Aber wäre ein kleinerer Hubschrauber für Einsätze im hochalpinen Gelände Österreichs nicht besser geeignet? Anfangs galt daher ja auch der kleinere AW109 als möglicher Nachfolgekandidat der Alouette III.
Eine der Aufgaben der Guardia di Finanza (Anm.: Finanz-, Zoll- und Grenzpolizei des italischen Finanzministeriums), welche sie mit ihren AW169 ausführt, sind aber gerade Hochgebirgseinsätze. Die AW169 wurde auch von der italienischen Armee ausgewählt und wird hauptsächlich in Norditalien im Aostatal und in den Regionen der Lombardei eingesetzt. Neben Betreibern der italienischen Regierung verwenden auch mehrere Rettungsdienstleister außerhalb Italiens die AW169 für anspruchsvolle Alpineinsätze. Darüber hinaus hat sich einer der wichtigsten Bergrettungsdienste in Europa, die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega), für die AW169 in einer speziell konfigurierten Variante entschieden. Ausschlaggebend dafür waren die breiten Kabinenschiebetüren, das Kabinenlayout und die Gepäckraumkapazität. Erst kürzlich wurde die neue Generation der AW169 bei einer gemeinsamen Übung der Guardia di Finanza und der italienischen Feuerwehr im norditalienischen Hochgebirge erfolgreich getestet. Leichtere und kleinere Hubschrauber-Typen leiden im Gegensatz zu schwereren und größeren Helikoptern bei Rettungs- und Sucheinsätzen unter einer Reihe von Einschränkungen: So können beispielsweise die Flügeltüren für das schnelle Abseilen schlechter geöffnet werden. Der Windenführer steht in gefährlichem Zustand auf dem Schlitten außerhalb der Kabine und die kleineren Türabmessungen erlauben bei Rettungsaktionen außerdem nur Platz für eine Person. Pbwohl die Rettungswinde für das Heben einer Last von mehr als 270 Kilogramm zertifiziert sein kann, ist in vielen Fällen außerdem eine Gewichtsreduktion erforderlich. Dies führt zu einer maximalen Zulässigkeit der Aufzugskapazität von weniger als 180 Kilogramm. Dazu kommen blockierende Sitze, die keine einfache Truppenentfaltung durch schnelles Abseilen ermöglichen.

@Georg Mader
Bei der Airpower 2019 in Zeltweg war auf der Ausstellungsfläche auch ein AW169 der Guardia di Finanza zu sehen.

Unsere Streitkräfte wollen 18 leichte Mehrzweckhubschrauber anschaffen, von denen bis zu sechs zu Ausbildungszwecken eingesetzt werden sollen. Ein Zehn-Sitzer mit knapp fünf Tonnen ist da ein recht anspruchsvolles Gerät. Gibt es Möglichkeiten, die zu erwartenden Ausbildungsaufwände kostengünstiger zu gestalten?
Ob es sich um eine Flotte mit einem einzigen Model oder um eine Aufteilung zwischen Mehrzweck- und Schulungshubschraubertypen handelt, liegt in der Entscheidung der zuständigen Behörden. Folgendes sollte aber bedacht werden: Die AW169 wurde bereits für Ausbildungszwecke auf dem Weltmarkt ausgewählt, unter anderem auch für das italienische Heer und Leonardo verfügt über ein breites und umfassendes Spektrum an Ausbildungslösungen. Alles ist, basierend auf der Nachfrage der Betreiber, in hohem Maße anpassbar. Kostengünstiges und effektives Training wird auch dadurch gewährleistet, dass zum Beispiel auf speziell angefertigte Geräte zurückgegriffen wird, einschließlich Level-D Full Flight Simulatoren, deren Zertifizierungsstandards eine Simulator-Flugstunde mit einer Stunde realem Flug gleichsetzen. Dies ermöglicht eine erhebliche Kostenreduktion und erhöht die Qualität der Ausbildung, da die Besatzung auch kritische Missionen und Manöver gefahrlos trainieren kann

@Leonardo
Dank ihrer vielseitigen Einsatzmöglichkeiten ist die AW169 auch für Missionen im alpinen Gelände geeignet.

Berechnung der Luftfahrt-Rating-Agentur Conklin & de Decker zufolge sind 18 AW169 (mit 400 Flugstunden/Jahr, berechnet über 20 Jahre) wesentlich teurer als Konkurrenzmodelle. Wie kann die AW169 in Bezug auf die Betriebskosten trotzdem rentabel sein?
Wir bestätigen, dass die AW169 in Anbetracht ihrer Vielseitigkeit und Kapazität das beste Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist. Bei den angegebenen wirtschaftlichen Daten handelt es sich in der Regel nur um reine Berechnungszahlen unter Berücksichtigung der Konfiguration des kommerziellen Hubschraubers, was zu irreführenden Vergleichen führt. Man muss dazu außerdem anmerken, dass sich Conkling & de Decker auf Flugzeuge für den zivilen und nicht für den militärischen Gebrauch beziehen und im Hinblick auf die AW169 Vergleiche mit Hubschraubern einer niedrigeren Gewichtsklasse anstellen. Darüber hinaus sind in den verwendeten Zahlen mehrere Vorteile der Unterstützungs- und Einsatzpakete nicht berücksichtigt, die sich normalerweise aus Vertragsverhandlungen mit den Kunden ergeben, wenn diese sich für die AW169 entscheiden. Die AW169 hat die Konkurrenz bereits mehrfach übertroffen. Eine gründliche Bewertung der Qualität und des Kosten-Nutzen-Verhältnisses kann nicht einfach durch Rückgriff auf eine einzige Informationsquelle vorgenommen werden. Wir verfügen über verschiedene Daten, die eine viel bessere Gesamtleistung der AW169 zeigen – allerdings aus Wettbewerbsgründen nicht offengelegt werden können. Darüber hinaus kann die AW169 mehr und vielseitiger eingesetzt werden als ihre Konkurrenten. Wenn eine kleine Flotte von Einheiten viele verschiedene anspruchsvolle Einsätze im Heimatland ausführen soll, ist ein einziger leistungsfähigerer Hubschrauber gesamtheitlich produktiver und effizienter. Und noch etwas muss man erwähnen …

Bitte.
Andere Modelle benötigen in einigen Fällen eine Erhöhung des Maximalgewichts um bis zu 200 Kilogramm, um in ähnlichen Umgebungen wie in Österreich operieren zu können. Die für den fehlerhaften Vergleich mit der AW169 berücksichtigten Berechnungen spiegeln diese wichtige Anforderung für konkurrierende Typen aber nicht wider.

Wo sehen Sie sich – bezogen auf andere Helikopter-Typen – in der Frage der Wertschöpfung mittels österreichischer Unternehmen beispielsweise als Zulieferer?
Wir werden uns nicht zu konkurrierenden Angeboten auf dem Markt äußern. Nur soviel: Leonardo unterhält zum gegebenen Zeitpunkt Geschäftsbeziehungen und Kooperationen mit mehreren österreichischen Unternehmen, die ein wichtiges Element innerhalb unserer Lieferkette darstellen. Je nach Nachfrage könnten die Geschäfts- und Kooperationsmöglichkeiten erheblich gesteigert werden. Auch Leonardo befürwortet den Aufbau einer industriellen Zusammenarbeit, um den Endkunden besser bedienen zu können. Daher stehen wir auch bereits in Kontakt mit österreichischen Unternehmen, die maßgeschneiderte Dienstleistungen und prompte Unterstützung im Land anbieten können.

@Leonardo
Mitte Juli erfolgte die Übergabe des ersten AW169B an die italienischen Heeresflieger.

Kann Leonardo die österreichische Regierung mit weiteren Leistungen unterstützen?
Ja. Leonardo bietet über seine Trainingsakademie alle erforderlichen Ausbildungsdienste an und wir sind von Italien aus in der Lage, für jegliche Art von Operation und Anforderung eine erfolgreiche Zusammenarbeit aufzubauen.

Eine technische Frage zum Schluss: Wann wird die Serienproduktion von AW169-Modellen mit Kufen beginnen und wurde dem Bundesheer im Rahmen des offiziellen Angebots die gewünschte Ausführung mit Kufen angeboten?
Die AW169 mit Kufen wurde bereits von der italienischen Armee und von anderen Betreibern der italienischen Regierung bestellt. Die italienische Finanzpolizei beispielsweise wird die AW169 mit Kufen innerhalb des nächsten Jahres erhalten. Die AW169 mit bereiftem Fahrwerk wird seit 2015 weltweit erfolgreich von Betreibern des öffentlichen Dienstes und von staatlichen Stellen eingesetzt. Da die Kufen eine weitere Option auf dem Markt darstellen, die die extreme Vielseitigkeit der AW169 demonstrieren, kann jede Anforderung in Bezug auf das Fahrwerk erfüllt werden, natürlich auch für Österreich.

 

Weiterführende Informationen
Die italienischen Heeresflieger erhielten im Juli den ersten von 17 AW169M, nebst zwei AW169B (UH-169B) Trainer – alle mit Räderfahrwerk. Weitere 15 Stück AW169LUH mit Kufen werden laut dem letzten ARMAEREO-Report (Direzione degli Armamenti Aeronautici e per l’Aeronavigabilità/Aeronautical Armaments and Airworthiness Directorate) ab 2023 ausgeliefert. Andere Kunden, die ebenfalls Kufen wünschen, könnten diese laut Leonardo aber bereits früher erhalten. Seit November 2019 und noch bis 2024 erhält die Guardia di Finanza insgesamt 22 Stück AW169M mit Räderfahrwerk.

Weiterführende Informationen zur Kufenentwicklung liefert dieser Artikel. Hier geht es außerdem zu weiteren Meldungen rund um Leonardo.

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