Am 5. August wurde in Rom das Haushaltsplanungsdokument für die italienischen Verteidigungsausgaben 2021 bis 2023 angenommen. Es beinhaltet einen Anstieg des direkten Budgets des Verteidigungsministeriums gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent auf 16,8 Milliarden Euro, nebst einer Steigerung der Beschaffungsaufwendungen um sogar 24 Prozent.

Neben sieben sogenannten „Flagship”-Programmen ist in den Beträgen auch der italienische Anteil am trinationalen Tempest-Kampfflugzeug der 6. Generation (Militär Aktuell berichtete) bis 2035 erstmals programmatisch festgelegt.

Gemäß dem „Documento Programmatico Pluriennale della Difesa” (DPP) beläuft sich der für Aquisitionen aufgewendete Teil des Budgets auf vier Milliarden Euro. Für ein wahrheitsgetreues Bild muss dazu aber noch die jährliche Aufstockung für die inländische Beschaffung durch das italienische Industrieministerium hinzugefügt werden. Die beläuft sich auf 2,7 Milliarden Euro und somit werden sich die Gesamtausgaben für alle Materialbeschaffungen auf 6,76 Milliarden Euro belaufen – ein Plus von 24 Prozent gegenüber den 5,45 Milliarden Euro des Vorjahres.

Ausgehend von den beiden wichtigsten makropolitischen Leitlinien, die das gestärkte Mandat von Verteidigungsminister Lorenzo Guerini auszeichnen – die aktive Neupositionierung Italiens auf der internationalen Bühne und die Wieder- oder Neubelebung der nationalen Verteidigungsindustrie durch die Modernisierung der militärischen Instrumente – beschreibt die DPP das nationale Engagement im Bezugsrahmen und skizziert die Entwicklung des strategischen Rahmens, die Rolle der Verteidigung in den wichtigsten internationalen Organisationen (NATO, EU und UN) und die operativen Verpflichtungen des italienischen Militärs im im Inland und im Ausland.

@PDI
Verteidigungsminister Lorenzo Guerini will die Aufrüstung und Modernisierung der italienischen Streitkräfte vorantreiben.

Hohe Bedeutung der italienischen Industrie
Lorenzo Guerini, in der gleichzeitig unterzeichneten Richtlinie zur Steuerung der Verteidigungsindustriepolitik, deren Inhalt in der DPP übernommen wurde: „Die Luft-, Raumfahrt-, Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie ist eine der wettbewerbsfähigsten industriellen Kapazitäten Italiens. Ein nationaler ‚Schatz’ an Wissen und qualifiziertem Beschäftigungpool, in dem ein wichtiger Teil der Souveränität Italiens sowie seine Zugehörigkeit zum Kreis der technologisch und wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder liegt. Programme für technologische Innovation, internationale Zusammenarbeit und Programme von hoher strategischer Bedeutung sind wesentliche Elemente, um die Wirksamkeit des nationalen Militärinstruments zu gewährleisten und es in die Lage zu bringen, sich an die ständigen Herausforderungen eines sich ständig verändernden globalen Szenarios anzupassen.”

Eurofighter und NETMA schließen Upgrade-Verträge

Das DPP identifiziert die strategischen Leitlinien und kapazitiven Entwicklungslinien sowie die wichtigsten operativen Bedürfnisse. Das Dokument listet 85 Programme auf, die in den drei Jahren bis 2023 beginnen sollen, und enthält eine Aktualisierung – sie nennen es „Bildschirmfoto” – der 115 bereits in der vorigen Periode begonnenen Programme. Es identifiziert dabei sieben wichtige strategische, sogenannte „Flagship”- Beschaffungsprogramme, darunter das künftige Kampfflugzeugsystem Tempest‘der 6. Generation. Italien war dem Programm im Dezember 2020 als Partner von Großbritannien und Schweden beigetreten, bisher waren aber keine Mittel für das Programm bereitgestellt worden. Italienische Industrievertreter hatten schon gewarnt, eine frühe Arbeitsteilung zu verpassen. Diese Unsicherheit ist nun beseitigt.

Strategische Bedeutung für Jahrzehnte: Tempest
Tempest wird in den aktuellen Papieren als „für den italienischen Verteidigungssektor von strategischer nationaler Bedeutung” bezeichnet, da es ansteigend vielversprechende Möglichkeiten für internationale Zusammenarbeit, hochtechnologischen „Fußabdruck” in der Wirkung ab 2040, aber jetzt schon gute Renditen für die heimische Industrie biete. Im Rahmen des Programms wird das Verteidigungsministerium vom Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, von jenem für wirtschaftliche Entwicklung, jenem für Universität und Forschung und jenem für digitale Innovation unterstützt. Im Detail wurde nun festgemacht, dass für Tempest noch heuer 20 Millionen Euro fällig werden, ebenso jeweils in den Jahren 2022 und 2023. In den darauffolgenden drei Jahren werden insgesamt je 90 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, und zwischen 2027 und 2035 sogar ganze 1,85 Millionen Euro. Damit zieht Italien zur Lead-Nation UK nach, welche bis dato rund 2,25 Milliarden Pfund (rund 2,66 Milliarden Euro) für Tempest freigemacht hat.

@Georg Mader
Zukunftsvision: Der Tempest soll in 20 Jahren zum Rückgrat der RAF und der AMI werden, Schweden lässt das noch offen, steuert aber erste 50 Millionen Euro ins „Team Tempest” bei.

Wie in der DPP erläutert, ist Tempest als bemannter/optional bemannter Jäger gedacht, der in stark umkämpften und „verweigernden” Umgebungen offensiv bund vernetzt operieren kann und als Future Combat Air System (FCAS) Teil eines umfassenderen, vernetzten System-of-Systems (SoS) sein wird, das unbemannte Luftfahrzeuge (UAVs), Waffen- und Sensorsysteme sowie andere aktuelle und zukünftige Luftfahrtanlagen und -technologien umfassen wird. Technische Innovationen am Weg zur Realisierung sollen übrigens auch dem wohl bis mindestens 2040 fliegenden Eurofighter Typhoon zugute kommen.

@Archiv
Luftwaffengeneral Enzo Vecciarelli ist seit 2018 Generalstabsschef der italienischen Streitkräfte

Laserwaffen für Tempest?
Luftwaffengeneral Enzo Vecciarelli – bis 2002 F-104S Starfighter-Pilot und seit 2018 Generalstabsschef der italienischen Streitkräfte – machte im Rahmen eines kürzlichen Raketenabwehr-Seminars in Rom die Bemerkung, dass gerichtete Energiewaffen möglicherweise die Zukunft sind, wenn es um die Abwehr des ‚Game Changers’ in Gestalt der nun weltweit überall entwickelten Hyperschallraketen geht. Diese können wüsten Schaden anrichten, aber im Tempest wird eine große Menge Energie verfügbar sein und da schließe ich die Verwendung von Laserwaffen explizit nicht aus.” Und in der Tat arbeiten Leonardo, BAE-Systems und MBDA bereits an einer Machbarkeitsstudie, um einen luftgestützten Hochenergielaser für Tempest zu ermöglichen, basierend auf der Entwicklungsarbeit die gerade ebenfalls von Leonardo und MBDA zusammen mit QinetiQ für den schiffsgestützten Laser Dragonfire läuft. Es war übrigens auch Vecciarelli, der gegenüber dem Militär Aktuell-Autor vor einigen Jahren geäußert hat, die Österreicher sollten doch – angesichts der medial wahrgenommenen, hochlizitierenden Zerwürfnisse mit Airbus – mit ihren 15 Maschinen „für Support und Upgrade zu uns kommen”. „Wir haben die Hälfte eurer kolportierten Betriebskosten und machen euch zu unserem fünften Geschwader.” Nun, mittlerweile gibt es ja seit heuer zumindest einen generellen Kooperations-Rahmenvertrag mit „Difesa” in Rom.

Andere militärische Luftfahrtprogramme
DPP erwähnt auch zum ersten Mal die (italienische) Mit-Finanzierung eines Future Fast Rotorcrafts (FFR), dotiert mit 219 Millionen Euro bis 2032 für eine „Phase-2”-Studie, die später in eine Beschaffungsstrategie einfließen soll. Die Berücksichtigung von FFR bestätigt das Interesse und die Beteiligung Italiens an der Erforschung neuer Drehflügeltechnologien, die zur Verbesserung der nationalen industriellen Fähigkeiten in diesem Bereich beitragen werden.

Die Aktivitäten jener „Phase 2” werden ab 2022 nach Abschluss der laufenden Machbarkeitsstudien eingeleitet, in denen mögliche Synergien mit „bestehenden internationalen Programmen untersucht werden, die die Entwicklung von Basistechnologien für schnelle künftige Drehflügler und dadurch Fähigkeitsverbesserungen für die Streitkräfte beinhalten”, stellte die DPP fest und fügte hinzu, dass solche Studien „Eckdaten in Bezug auf Marktanalysen, betriebliche Anforderungen, Kosten, Zeitplanung und Risiken im Zusammenhang mit der Initiative” liefern werden.

@US Navy
Auf der Beschaffungsliste Italiens ganz weit oben stehen auch Gulfstream EC-37B-Maschinen für die elektronische Kriegsführung.

Janes Defence hat schon 2020 berichtet, dass Italien in der Vergangenheit sein Interesse am US-Programm „Future Vertical Lift” oder FVL (siehe hier) bekundet hat, aber auch im Oktober 2020 eine Absichtserklärung zur Teilnahme an der NATO Next Generation Rotorcraft Capability (NGRC), zusammen mit Frankreich, Deutschland, Griechenland und dem Vereinigten Königreich unterzeichnet hat. Die laufenden Studien zum (viel weiter forgeschrittenen) FVL und NGRC werden wahrscheinlich das Ausmaß der zukünftigen Beteiligung Italiens an einer oder beiden Initiativen bestimmen.

Weiters erwähnt DPP auch Luftfahrtprogramme, die zwar schon als Prioritäten aufgeführt waren, aber bis jetzt noch keine formelle Finanzierung erhalten haben. Diese umfassen: Die Beschaffung von kostengünstigen einfachen Basis-Schulflugzeugen, Pläne zur Finanzierung des Midlife-Upgrades der C-130-Flotte, neue Langstrecken-Seepatrouillen- und U-Boot-Abwehrflugzeuge zum Ersatz für die bereits ausgemusterte Breguet Br.1150 Atlantic, die technische Umrüstung des derzeitigen Multisensor- und Mehrzweckflugzeugs ATR-72 für die Seeüberwachung, den Erwerb von Gulfstream EC-37B-Flugzeugen für elektronische Kriegsführung (EW), die Beschaffung von taktischen UAV, Mini-/Mikro-UAV und Marine-UAV für Marine und Armee, die Modernisierung beziehungsweise den Ersatz der MALE UAVs Falco, Explorer, Predator und deren Waffensysteme, einschließlich der Auswahl eines Ersatzes für Predator-A+ und MQ-1.

@Georg Mader
Weiters auf der Wunschliste: Multisensor- und Mehrzweckflugzeuge ATR-72 für die Seeüberwachung. Hier eine der ersten beiden Maschinen während der Präsentation in Malaysia.

Bezüglich (bodengebundener) Luftabwehr ist ein weiteres strategisches Verteidigungsprogramm genannt, welches Modernisierung, Erneuerung und Ausbau der nationalen Luft- und Raketenabwehrkapazitäten umfasst. Dafür sind bis 2035 Mittel in Höhe von insgesamt drei Milliarden Euro vorgesehen, von denen 307 Millionen Euro für den Zeitraum 2021 bis 2023 bereitgestellt werden.

Armee und Marine
Ebenso „Flagship” sind Entwicklung und der Erwerb einer neuen amphibischen und gepanzerten Kampf- und Transportfahrzeugsfamilie für die Bedürfnisse von Marine und Armee, beziehungsweise zur Verfügung der amphibischen Landungskräfte. Dafür sind bis 2034 insgesamt 326 Millionen Euro und davon die ersten fünf Millionen Euro im Zeitraum 2021 bis 2023 vorgesehen.

@Georg Mader
Die Fincantieri – Cantieri Navali Italiani S.p.A. mit Sitz in Triest ist das größte europäische Schiffbauunternehmen und darf sich in Zukunft auch über weitere Aufträge der italienischen Marine freuen.

Weiters als „Flagship” ausgewiesen ist der Erwerb von Überwachungs- und Einsatzradaren sowie Sensoren für die Panzerabwehr der italienischen Armee und der Marineeinheiten, die mit den FSAF/PAAMS-Systemen ausgestattet sind, für die Einführung der B1-NT-Raketen (derzeit aber noch in Entwicklung). Für dieses Programm sind bis 2035 Mittel in Höhe von insgesamt 702 Millionen Euro vorgesehen, davon 174 Millionen Euro für den Zeitraum 2021 bis 2023.

Entscheidend für die Verteidigung angesehen wird auch der Erwerb von zwei neuen Zerstörern, auch in Hinblick auf die Bedrohung durch ballistische Raketen. Hier sind bis 2035 Mittel in Höhe von insgesamt 2,35 Milliarden Euro vorgesehen, davon 6,5 Millionen Euro für den Zeitraum 2021 bis 2023.

In diesem Jahr gestartet wurde auch der Erwerb eines Infanterie-Kampf(fahrzeug)systems (Armored Infantry Fighting Vehicle), für das eine wichtige Beteiligung Italiens an der Entwicklungsphase erwartet wird. Für dieses Programm zur Erneuerung der Dardo/M113-Schützenpanzer und dessen Spezialversionen, sind Mittel bis 2035 in Höhe von insgesamt 2,14 Milliarden Euro vorgesehen, davon zwei Millionen Euro für den Zeitraum 2021 bis 2023.

Als eines der laufenden Programme deren Status „fotografiert”, also zum heutigen Zeitpunkt analysiert ,wird, seien hier die 86 gepanzerten 8×8-Radpanzer Centauro-II genannt. 2018 wurden die ersten zehn Fahrzeuge beauftragt, der Löwenanteil ist aber erst am 30. Dezember 2020 vom Landrüstungsdirektorat des italienischen Verteidigungsministeriums an das Consorzio IVECO-OTO- Melara (CIO) vergeben worden – mit einer Option für weitere zehn Einheiten einschließlich integrierter Logistikunterstützung. Definiert ist ein Gesamtbedarf von 150 neuen gepanzerten Fahrzeugen, als Teil des Plans des italienischen Generalstabs die Kavallerieregimenter mit einer Plattform auszustatten die auch in stark gefährdeten Einsatzgebieten ein Höchstmaß an Sicherheit bietet. In Bezug auf Leistung, Beobachtungsfähigkeit, Mobilität, Ergonomie, Schussfähigkeit, Besatzungsschutz und Reichweite wird der Centauro-II als großer Fortschritt im Vergleich zum Vorgängermodell bezeichnet.

@OTO Melara
Der 8×8 Centauro-II soll in einer Stückzahl von 150 Fahrzeugen zulaufen. Er trägt die weltweit einzige radmobile 120mm-Kanone.

Nichts geht mehr ohne Cloud
Ein weiteres für die Italiener vorrangiges – aber teilstreitkräfte-übergreifendes – Programm ist der Erwerb von Datenaustauschkapazitäten auf der Grundlage eines „Defence-Cloud”-Konzepts. Das ist ein Mehrjahresprogramm, welches mehrere Maßnahmen im Zusammenhang mit der Schaffung eines als gemeinsam und dabei als sicher und interoperabel eingestuften Informationsumfelds bündeln soll. Es soll die gemeinsame Nutzung von Datenpaketen des Verteidigungssektors zum Nutzen der Streitkräfte gewährleisten, um die Entscheidungsfindung sowie Führung und Kontrolle (C2) in militärischen Multidomain-Operationsumgebungen und/oder zur Unterstützung der Zivilbehörden zu unterstützen. Das DPP 2021-2023 sieht dafür bis 2035 Mittel in Höhe von insgesamt 91 Millionen Euro vor, davon entfallen rund elf Millionen Euro auf die Jahre bis 2023.

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