Mit den Marmon-Herrington-Fahrzeugen CTLS, CTMS und MTLS fanden Panzer von sehr zweifelhaftem technischen und taktischen Wert ihren Weg in die Arsenale der niederländischen, der nationalchinesischen, der australischen und, ja, sogar der US-Truppen. Eine Spurensuche.

Die niederländischen Kolonien in Ost- und Westindien unterhielten zu ihrer Verteidigung eine eigene Streitmacht, die KNIL, die sich in wesentlichen Fragen, so auch der Bewaffnung, von den Streitkräften des Mutterlandes unterschied. Zur KNIL gehörten Land- und später auch Luftstreitkräfte, die partiell moderner ausgestattet waren als die Streitkräfte des Mutterlandes. In den 1930er Jahren war eine weitere Verstärkung geplant.

@Archiv Seehase
Seitenansicht des Fahrzeugs in der Version MTLS.

Um 1936 begann man mit der Modernisierung der „Koninklijk Nederlandsch-Indisch Leger” (KNIL). Es war geplant, fünf bis sechs motorisierte Brigaden aufzustellen, zu denen jeweils auch ein Bataillon leichter und mittlerer Panzer gehören sollte. Aus den ambitioniertem Projekt wurde nichts, finanzielle und administrative Schwierigkeiten verzögerten immer wieder den Ausbau der KNIL (so erging es auch der Luftstreitmacht der KNIL, der „Militaire Luchtvaart van het Koninklijk Nederlands-Indisch Leger”, die von 144 bestellten Brewster Buffaloes nur 71 erhielt). Bestellungen wurden verzögert, bis ein Kriegsausbruch nahe schien. Nun war es aber zu spät für die dringend benötigten Beschaffungen, denn alle möglichen Lieferstaaten waren mit dem Ausbau der eigenen Streitkräfte beschäftigt.

@Willem van de Poll
CTMS und Burma-Jeeps in Paramaribo.

Kapazitäten hatte nur mehr das US-Unternehmen Marmon-Herrington, das sehr erfolgreich geländegängige Fahrzeuge produzierte und kurz davor eine eigene Panzerproduktion begonnen hatte. Diese Panzerfahrzeuge waren aber sowohl technisch als auch kommerziell größtenteils Misserfolge – auch deshalb war Marmon-Herrington nicht mit dem Ausbauprogramm der US Army ausgelastet und konnte (zumindest theoretisch) liefern. Da einige Lkw und Zugmaschinen aus dem Programm der Firma bereits zufriedenstellend bei der KNIL liefen, sollten insgesamt 628 Panzer in den Varianten CTLS, CTMS und MTLS), dazu noch etliche Lkw und Zugmaschinen bestellt werden.

Der nachfolgende Zeitplan der geplanten Fahrzeuglieferungen macht deutlich, dass der japanische Angriff für die Bemühungen, aus der KNIL eine schlagkräftige motorisierte Truppe zu machen, zu früh kam.

1. Jänner 1942 1. Juli 1942 1. Jänner 1943
CTLS 165 234 234
CTMS 140 194 194
MTLS   0 100 200

 

Die Masse der Panzerfahrzeuge der KNIL war in der „Mobiele Eenheid” konzentriert. Die „Mobiele Eenheid” (unter dem Kommando von Kapitein G. J. Wulfhorst) war die Panzertruppe der KNIL, sie war bei der japanischen Invasion im westlichen Java stationiert.
Der Verband bestand aus folgenden Einheiten:

– einer Panzerkompanie, „Eskadron Vechtwagens” mit 17 Vickers Carden Lloyd Light Tanks und vier Marmon-Herrington CTLS 4TA

– einer mechanisierten Infanteriekompanie, „Compagnie Pantser Infanterie”, drei Züge mit jeweils 50 Mann, 16 Overvalwagen Typ B

– ein Spähzug mit drei südafrikanischen Marmon-Herrington Mk III Armoured Cars und einem White M3 Scout Car

– einer Panzerjägereinheit mit einigen (drei?) Böhler M35 Panzerabwehrkanonen (Kaliber 47 mm), die von Vickers Utility B Vollkettentraktoren gezogen wurden.

Der Killdozer: Centurion AVRE 165

Die „Mobiele Eenheid” kämpfte am 2. März 1942 bei Soebang zusammen mit 250 Mann des 5. Infanteriebataillons der KNIL gegen die Japaner. Dabei wurde eine Reihe von Panzern zerstört. Nach der Kapitulation der Niederländer (am 9. März) fielen die verbliebenen Panzer in die Hände der Japaner, die sie zu Trainings- und Sicherungszwecken vor Ort weiter einsetzten.

Es existierten noch zwei weitere nennenswerte gepanzerte Einheiten, die selbständigen Panzerwagenkompanien, von denen die erste mit 14 Marmon-Herrington Armoured Cars, sechs Willys Jeeps und sechs Krädern ausgerüstet war, die zweite nur mit zehn Marmon-Herrington Armoured Cars. Was nach den Kämpfen gegen die Japaner (vor allem am Tjiater Pass) übrigblieb, fiel in deren Hände. Nach der Kapitulation Niederländisch-Ostindiens befanden sich einige niederländische Einheiten in Australien, die sich dahin hatten durchschlagen können: rund 1.000 Heeressoldaten, sechs Kriegsschiffe, neun U-Boote, einige Flugzeuge (meist Transportflugzeuge), dazu kamen noch einige Handelsschiffe – allerdings keine Panzer.

@Nationaal Archief
CMTS bei einer Parade in Paramaribo.

Aber die Geschichte der Panzertruppe der KNIL war noch nicht beendet. Zum Verantwortungsbereich der KNIL gehörten auch die niederländischen Besitzungen in Westindien und Südamerika (die niederländischen Antillen und Surinam). Wegen der Raffinerien auf den Antillen und den großen Bauxitvorkommen in Surinam waren diese Regionen sehr wichtig für die alliierte Kriegswirtschaft. Die niederländische Exilregierung in London ordnete die Aufstellung von Truppenverbänden in diesen Regionen (dem einzigen Teil des niederländischen Kolonialreiches, das nicht feindbesetzt war) an. Die USA lieferten Panzerfahrzeuge, die zum größten Teil aus den nicht ausgelieferten niederländischen Bestellungen an Marmon-Herrington stammten. Einige Offiziere wurden in die USA zur Ausbildung geschickt und 1942 trafen die ersten Marmon-Herrington-Panzer in Niederländisch-Guyanna (Surinam) ein.

@Ardchiv Seehase
Ein Marmon-Herrington in der Version CTLS. Das Fahrzeug war rund 7,6 Tonnen schwer, die Panzerung mit 12 bis 25 Millimetern überschaubar.

Im Mai 1942 wurden mit der Aufstellung des „Bataljon Vechtwagens” begonnen, das Teil der „Gemotoriseerde Gemengde Brigade” werden sollte. Das Personal kam von der niederländischen Marineinfanterie, „Korps Mariniers” (80 Mann)m und von der „Prinses Irene Brigade” (225 Mann).

Insgesamt 74 Panzer wurden nach Niederländisch-Guyanna (Curaçao erhielt sieben CTLS und Aruba sechs CTLS) geliefert: Erst waren es nur die CTLS, dann auch die schwereren Typen. Insgesamt wurden 28 CTLS-TAC und CTLS-TAY geliefert, neben 26 CTMS-1TBI und 20 MTLS-1GI4.

Aus der Aufstellung der Brigade wurde aber nichts: erst verlegten die Marineinfanteristen zur Ausbildung in die USA, dann ging die „Prinses Irene Brigade” nach Großbritannien (1943). 1944 meldeten sich dann viele Angehörige der niederländischen Exiltruppen als Freiwillige nach Australien. Die Panzer ließ man zurück. 1952 waren noch acht Panzer einsatzfähig, 1956 zwei (beide vom Typ CTMS). Mittlerweile war aber im ostindischen Raum die KNIL wiedererstanden, allerdings war der Großteil des Materials von den Briten geliefert worden. Der CTLS war der einzige Panzer aus der großen niederländischen Bestellung, der (wenn auch in kleiner Stückzahl) zum Kampfeinsatz kam.

@Nationaal Archief
Niederlandische CTLS bei einer Parade i n Willemstad.

In den 1930er-ahren begann die Firma Marmon-Herrington aus Indianapolis, die sich bislang hauptsächlich mit dem Bau von Lastkraftwagen und Allradgetrieben beschäftigt hatte, mit dem Entwurf und Bau von Panzerfahrzeugen, die allerdings (wie schon gesagt) weder technisch noch kommerziell ein Erfolg waren. Immerhin konnten aber 19 CTL-3 und 20 CTL-6 an das US Marine Corps verkauft werden. Diese turmlosen leichten Panzer waren speziell für Landungsunternehmen vorgesehen und nicht besonders leistungsfähig. Schon Beschuss aus leichten Infanteriewaffen konnte die Panzerung an kritischen Stellen durchschlagen. Auf dieser technologischen Grundlage wurde der CTLS-4 entwickelt, ein leichter Panzer für zwei Mann Besatzung, der in der Konfiguration CTLS-4TAC (T-16 in der Nomenklatur der US Army) einen nach links versetzten Drehturm (nicht voll traversierbar, je nach Quelle nur um 240 Grad oder um 270 Grad drehbar) hatte und in der Konfiguration CTLS-4TAY (T-14 in der Nomenklatur der US Army) einen nach rechts versetzten Drehturm (auch nicht voll traversierbar). Ende 1940 plante das Marine Corps die Beschaffung von 20 CTLS-4, aus dem Vorhaben wurde aber nichts. Taktisch waren die Fahrzeuge nicht gelungen: mit einem über sieben Tonnen schweren Kettenfahrzeug fuhr man drei Maschinengewehre herum, die von der Zweimannbesatzung gar nicht simultan alle bedient werden konnten.

@Nationaal Archief
Niederlandischer CTLS-Panzer auf Curaçao.

Der CTMS war schon eher ein richtiger Panzer, obwohl Konstruktionsfehler bei dem rund 11.400 Kilogramm schweren Fahrzeug Kompromisse bei der Bewaffnung nötig machten. Die Hauptbewaffnung bestand aus einer 37 mm Automatikkanone mit 48 Kaliberlängen. Diese Waffe war von der American Armament Corporation entworfen worden und wurde hauptsächlich als Flugzeugbewaffnung eingesetzt. Die US-Standardpak im Kaliber 37 mm M5 beziehungsweise M6 passte nicht in den Turm. Koaxial war ein MG Kaliber .30-06 verbaut. Zusätzlich gab es noch drei MGs in Wanne.

Der mit 20 Tonnen schwerste Panzer von Marmon-Herrington war der MTLS. Anstatt eine stärkere Kanone als Hauptbewaffnung zu wählen, baute man gleich zwei der Maschinenkanonen ein, dazu sieben Maschinengewehre. Das Fahrzeug war zu schwer für das Fahrwerk, sehr unzuverlässig, man stellte die Produktion nach 125 Stück ein. Die US Army unterzog den Panzer ausgiebigen Tests und befand ihn für untauglich.

@Archiv Seehase
Niederländische Panzerkompanie mit CTMS.

Nach dem Fall Niederländisch-Ostindiens gelangten 149 CTLS-4 nach Australien, wo sie bis zu ihrer Verschrottung zu Trainingszwecken dienten. Drei Fahrzeuge liefen zudem bei der kombinierten niederländisch-australischen „Defence Force” in Merauke (auf Neuguinea). Schon ab Ende 1942 wurden die CTLS bei der Ford Motor Company in Geelong, Victoria verschrottet.

Hier ein tabellarischer Überblick über die Dislozierung der australischen CTLS:
jeweils zehn Stück bei: 1st Australian Army Tank Battalion (Juli 1942) und 2nd Australian Army Tank Battalion (Juli 1942)
jeweils acht Stück bei: 2/8th Australian Armoured Regiment (April 1942), 2/10th Australian Armoured Regiment (April 1942), Australian Armoured Corps Training Regiment (Juni 1942), Army Tank Training Battalion (August 1942), 13th Motorised Regiment (Juni 1942), 104th Motorised Regiment (Juni 1942) und 18th Motorised Regiment (Juni 1942)

Der Carrier, Fire Support, Full Track M113A1 (FS)

Obwohl die Produktionslinien bei Marmon-Herrington mit dem Bau bislang bestellter Fahrzeuge kaum nachkamen, orderte die US-Regierung 240 CTLS-4, die man im Rahmen des „Lend-Lease”-Programms der Nationalchinesischen Regierung anbot. Die lehnte aber ab, so kamen diese Panzer in den Besitz der US-Streitkräfte, die sie in Alaska einsetzte, beispielsweise auf der Basis in Dutch Harbour. Auch auf Nova Scotia sollen die CTLS der US Army eingesetzt gewesen sein (zum Schutz von Flugplätzen).

Die technischen Daten (CTLS):

Gewicht 7.600 Kilogramm
Länge 3,51 Meter
Breite 2,08 Meter
Höhe 2,11 Meter
Besatzung 2 Mann
Panzerung 12 bis 25 Millimeter
Bewaffnung 3 MGs Kaliber .30-06
Motor Hercules-6-Zylinder-Benzinmotor (rund 120 PS)
Geschwindigkeit  48 km/h (Straße)

Ob die der Nationalchinesischen Führung angebotenen Panzer tatsächlich nach China gelangten, ist strittig. Es gibt allerdings Indizien dafür, dass 82 Stück nach China geliefert wurden.

@Archiv Seehase
 Der MTLS wies zwar einige Verbesserungen auf – wirklich einsatztauglich waren die Fahrzeuge aber trotzdem nicht.

In Surinam verbliebene CTLS wurden zu Führungspanzern (ohne Turm) für die bis in die 1950er-Jahre bestehende Panzerkompanie der dort stationierten niederländischen Truppen umgebaut.

Waren die Marmon-Herrington-Kampfwagen den Anforderungen des Zweiten Weltkriegs kaum gewachsen (immerhin war der CTLS technisch einigermaßen zuverlässig), für den Kalten Krieg waren sie überhaupt nicht tauglich. In der Folgezeit brauchte man sie einfach auf und ließ sie stehen. 1952 waren noch acht Panzer einsatzfähig, 1956 zwei (beide vom Typ CTMS).

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