China und Russland haben sogenannte Hyperschallwaffen bereits im Truppentest, die USA wollen möglichst schnell nachziehen und auch andere Länder forschen bereits intensiv an der neuen Waffentechnologie. Steht die Welt am Beginn eines neuen Rüstungswettlaufs?

Schneller, präziser und zerstörerischer. Seit Jahrtausenden treiben diese Maximen die Entwicklung von immer neuen Waffensystemen voran. Die Armbrust und Langbögen leiteten mit ihrer Reichweite und Durchschlagskraft den langsamen Niedergang des Rittertums ein, U-Boote machten überraschende Angriffe in den Weiten des Ozeans möglich und Bomber trugen Tod und Vernichtung von der Front bis weit ins Hinterland. Hyperschallwaffen dürften eine ähnliche Revolution auslösen – mit fünf- bis zehnfacher Schallgeschwindigkeit sollen sie in vergleichsweise geringer Flughöhe ihre Ziele anfliegen und enorme Zerstörungen verursachen können. Kein Wunder also, dass in den vergangenen Jahren weltweit ein neuer Rüstungswettlauf um die neue Technologie entbrannt ist.

@Georg Mader
Die Hyperschall-Bemühungen Russlands umfassen mit der KH-47M2 Kinschal auch eine Luft-Boden-Rakete, die von MiG-31BM aus gestartet werden kann.

Führend dabei: Russland – zumindest wenn es nach Präsident Wladimir Putin geht. Wie in Militär Aktuell #2/2019 unter dem Titel „Putins Wunderwaffen” berichtet, war es der russische Präsident, der im vergangenen Jahr erstmals eine größere Öffentlichkeit auf die neue Waffenkategorie aufmerksam machte und dabei keinen Zweifel an der Pionierrolle seines Landes ließ. „Die USA haben sich aus dem ABM-Vertrag (Anm.: Rüstungskontrollvertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen) zurückgezogen, weil sie geglaubt haben, dass sie sich mit einem Schutzschild vor einer strategischen Bedrohung schützen können. Wir haben einen anderen Weg verfolgt: Wir haben nicht Dutzende Milliarden in ein derartiges System investiert, sondern Angriffswaffen entwickelt, die jedes Abwehrsystem besiegen können, um damit das strategische Gleichgewicht zu wahren. Niemand außer uns hat heute Hyperschallraketen und bis andere Länder derartige Systeme entwickeln, werden wir uns etwas Neues einfallen lassen.”

„Niemand außer uns hat heute Hyperschallraketen und bis andere Länder derartige Systeme entwickeln, werden wir uns etwas Neues einfallen lassen.“

Wladimir Putin

Nun: Gänzlich überraschend kam Putins Ankündigung freilich nicht. Vor allem im Raumfahrtbereich wird seit Jahrzehnten an Hyperschall-Technologien geforscht. Naheliegend, dass irgendwann auch Militärs auf den 6.000 bis 18.000 km/h schnellen Zug aufspringen und in die Technologie investieren. Sie sehen darin Wirkmittel- wie Aufklärungsmittel gleichermaßen. Längst werden daher in Hyperschall-Windkanälen die thermischen Herausforderungen an Metallurgie und intelligente Materialien, Antriebe und die Miniaturisierung von Kontrollkomponenten untersucht.

Abhängig von Technologie und der Einsatzart wird zwischen Boostern oder luftgestarteten Systemen unterschieden, mit eigenem luft­atmendem Antrieb (wie beispielsweise sogenannte Scramjets), im Luftraum operierend oder nicht angetriebene Flugkörper und Gefechtsköpfe, die anfänglich von einer ballistischen Rakete getragen werden und anschließend über Tausende Kilometer hinweg in wellenförmiger Bahn durch die obere Atmosphäre gleiten können.

@Chinamil
Im Rampenlicht: China zeigte bei seiner letzten großen Militärparade in Peking gleich mehrere Stück des neuen Hyperschallgleiters DF-17 HGV.

Zurück zu Wladimir Putin, der sich in seiner Wahrnehmung des russischen Entwicklungsstatus wohl vor allem auf die Systeme Avangard (Gleiter auf Raketenstufe, Projekt 4202/Yu-74) und 3M22 Tsirkon (seegestützt) bezog, die angeblich bereits mehrfach erfolgreich getestet aber noch nicht öffentlich gezeigt wurden. Bereits zu sehen war die aus der ballistischen Boden-Boden-Rakete SRBM Iskander entwickelte luftgestützte Kh-47M2 Kinschal, die 2019 unter zwei MiG-31BM über den Roten Platz geflogen wurde und mittlerweile in mehreren Militärbezirken stationiert sein soll. Was Putin außer Acht ließ: Die Fortschritte, die China zuletzt auf diesem Gebiet gemacht hat. Im vergangenen Jahr konnte das Publikum bei der großen Pekinger Parade gleich mehrere Stück des neuen Hyperschallgleiters DF-17 HGV bestaunen, weitere Systeme sind in Entwicklung. Viele Experten sehen China im Hyperschall-Wettlauf mit Russland mittlerweile gleichauf.

Und die USA? Die scheinen im Vergleich zu Moskau und Peking vorerst im Hintertreffen zu sein. Vor einigen Jahren erreichte das USAF-Projekt X-51 Waverider nach Ausklinken von einer B-52 zwar mehrmals Mach-5, eine einsatzfähige Waffe wurde aber nicht daraus. Nun treiben die USA gleich mehrere Projekte parallel voran, die meisten in sogenannten „Black Programs”, von denen kaum etwas nach außen dringt. In einer Tabelle des Defense Departments wurden zuletzt sieben verschiedene Hypersonic-Missiles, -Weapons und -Glider aufgelistet, beziffert mit einem Budgetvolumen von knapp acht Milliarden Euro bis 2024. Im Februar wurde ein erfolgreicher Test eines Common Hypersonic Glide Body (C-HGB) von Kauai/Hawaii vermeldet. Ein anderes Projekt mit bis zu Mach 20 trägt die Bezeichnung AGM-183A Advanced Rapid Response Weapon (Arrow), Tragetests an B-52 sind fotografisch festgehalten und wurden von Entwickler Lockheed Martin umfangreich illustriert (Militär Aktuell berichtete).

@Lockheed Martin
So stellen sich die USA ihre Hyperschall-Zukunft vor: Die AGM-183A Advanced Rapid Response Weapon soll von B-52-Bombern abgeschossen werden.

Abseits der „großen Drei” haben auch Japan (Anti-Schiffs-Hyperschall-Marschflugkörper), Indien (HSTDV auf Agni-1) und Großbritannien (SABRE von Reaction Engines) Studien, Pläne und Forschungen zu Hyperschallwaffen laufen. Mit Ausnahme eines ersten Fehlschlags in Indien wurden in diesen Ländern aber noch keine realen Objekte außerhalb von Windkanälen getestet und so liegt der Fokus der meisten Militärs dort wie anderswo momentan vor allem auf Überlegungen zur Abwehr von Hyperschall-Offensivwaffen. Aufgrund der erwähnten Eigenschaften und dem innewohnenden Potenzial müssen dazu neue Systeme und Verfahren untersucht und entwickelt werden. Dies schließt bei entsprechenden Forschungsprojekten den Einsatz von Automatisierung und künstlicher Intelligenz, zum Beispiel zur Berechnung von Abfangmöglichkeiten und -zeitpunkten, mit ein.

Fazit: Wie aktuell das Thema mittlerweile ist, zeigte sich Ende 2019 bei
einer Fachtagung am German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) in Hamburg. Das GIDS und die Fakultät Luftwaffe der Führungsakademie der Bundeswehr hatten zum Thema „Auswirkungen und Bedrohungen durch Hyperschallwaffen auf die bestehende Luftverteidigungsarchitektur” geladen und dabei trieb die versammelten Experten vor allem eine Frage um: Wird die neue Technologie zum „Game Changer”? Haben Hyperschallwaffen also das Potenzial – wie zuvor das Schießpulver, Panzer oder Cyber-Technologien –, das strategische Denken und Handeln von Militärs auf den Kopf zu stellen? Müssen damit alle geltenden Spielregeln neu geschrieben werden

„Haben Hyperschallwaffen das Potenzial – wie zuvor das Schießpulver, Panzer oder Cyber-Technologien –, das strategische Denken und Handeln von Militärs auf den Kopf zu stellen?“

Die Antwort lautet: Ja. Hält die Technologie, was sie verspricht, sind die bestehenden Konzepte der Luft- und Raketenabwehr von einem Tag auf den nächsten überholt. Hyperschall-Flugkörper sind nicht nur schnell, sondern lassen sich auch steuern – anders als ballistische Interkontinentalraketen folgen sie keiner vorhersehbaren Flugbahn. Dazu kommt: Sie können deutlich niedriger als ballistische Systeme fliegen, was sie aufgrund der Erdkrümmung für Radarsysteme erst spät erkennbar macht. Eine Abwehr wird damit für einzelne Staaten schwierig bis unmöglich. Erfolg versprechender scheinen Abwehrlösungen im Verbund oder innerhalb eines Bündnisses wie der NATO zu sein, womit Hyperschallwaffen die internationale Sicherheitsarchitektur nachhaltig beeinflussen dürften.

@Militär Aktuell

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