MIT-Professor Theodor Postol ließ kürzlich – einmal mehr – kein gutes Haar an den aktuellen Aussagen eines hochrangigen US-Militärs. General Milleys Warnungen vor dem chinesischen Hyperschallwaffenprogramm bezeichnete er als „schwer übertrieben”, im Pentagon säßen seiner Meinung nach „viele Idioten, die die USA nur in eine militärische Konfrontion mit China drängen” würden.

Der Vorsitzende der US Joint Chiefs of Staff, General Mark Milley, behauptete am 27. Oktober, dass China aufgrund seines erfolgreichen Tests einer Hyperschallrakete (vermutlich DF-17 oder ein Derivat) für die USA einen sogenannten „Sputnik-Moment” geschaffen hätte. Er stellte damit einen Vergleich mit dem russischen „Sputnik-Schock” von 1957, welcher das Weltraumrennen während des Kalten Krieges auslöste und das die USA mit der Mondlandung von 1969 letztlich für sich entscheiden konnten.

„Sehr besorgniserregende Entwicklung”
General Milley sagte (während eines TV-Interviews auf Bloomberg Televisions „Peer-to-Peer Conversations” im Rahmen der David Rubenstein-Show): „Chinas Entwicklung eines Hyperschallwaffensystems und der Test sind sehr besorgniserregend. Ich weiß nicht, ob es ein neuer ‚Sputnik-Moment’ war, aber ich denke, es war sehr nah dran. Was wir sahen, war ein sehr bedeutendes Ereignis, es hat unsere ganze Aufmerksamkeit. China ist unsere militärische Hauptbedrohung.”

@Pentagon
General Milley sprach im Zusammenhang mit Pekings jüngsten Hyperschallwaffentests von einem „Sputnik-Moment”.

Kritiker: „Schwere Übertreibung”
Theodore Postol
, medial bekannter emeritierter Professor für Wissenschaft, Technologie und internationale Sicherheit am Massachusetts Institute of Technology (MIT), häufiger Kritiker der US-Militärpolitik und in den 1980er-Jahren Top-Politikberater des Chief of Naval Operations, kritisierte die Aussage von General Milley nun gegenüber der Web-Plattform „Covert Action Magazine” mit durchaus scharfen Worten. Es handle sich dabei um „eine schwere Übertreibung”, so Postol. „Der Start von Sputnik 1957 signalisierte damals, dass die Sowjetunion in der Lage war, mit den USA im Weltraum zu konkurrieren und das war tatsächlich eine Überraschung gewesen. Im Falle Chinas und des Tests einer Hyperschallrakete waren sich die US-Geheimdienste jedoch bereits dessen bewusst und wussten, dass China in Wissenschaft und Technologie sehr fortgeschritten ist. Weit mehr als man damals der UdSSR zutraute. Diese Hyperschallrakete bedroht die US-Bevölkerung in keiner Weise und verschafft China keinen militärisch-technologischen Vorsprung. Amerikanische weltraumgestützte Frühwarnsysteme können Hyperschallraketen erkennen und sie als überhaupt keine Bedrohung markieren. Die weltraumgestützten Frühwarn-Infrarotsysteme haben die Fähigkeit auch Hyperschallkörper zu erkennen, wenn sie in die Atmosphäre hinabgleiten und auf sehr hohe Temperaturen erhitzt werden.”

China flog Hyperschall-Gleiter rund um den Globus

Zur Erinnerung: Der manövrierbare Hyperschall-Wiedereintrittskörper umrundete nach dem Freisetzen von einer „Langer Marsch”-Rakete mit fünffacher Schallgeschwindigkeit fast den ganzen Planeten, bevor er mit einer – wenn man nukleare Gefechtsköpfe voraussetzt – „unbedeutenden Abweichung” von wenigen Kilometern nahe dem geplanten Ziel im Meer niederging. Speziell gegen einen damit unternommenen (theoretischen) Angriff aus Süden hätten die USA keine Abwehrmittel, die US-Abwehr „blickt” überwiegend auf Wiedereintrittsrouten über den Nordpol. China behauptet übrigens, der Test wäre mit einem Raumschiff unternommen worden, nicht mit einer Hyperschallwaffe.

„Idioten im Pentagon”
General Milleys Aussagen zeigen laut Professor Postol einmal mehr, wie „Idioten im Pentagon und politische Beauftragte versuchen, uns in eine militärische Konfrontation mit China zu drängen – wegen nichts! Der Test belegt höchstens, dass die Chinesen ein technologischer Konkurrent der USA sind, was aber wenig bis keine Bedeutung für ein Hinzufügen bedeutender nuklearer Angriffsfähigkeiten hat.” Postol hielt auch fest, dass er General Milley keineswegs für einen Lügner hält, aber er glaubt, dass er „falsche Informationen von jemandem innerhalb des US-Militärs oder der Geheimdienste erhalten hat” und es nicht besser wusste. „Milley ist sowohl ein undifferenzierter Konsument von Intelligence, als auch jemand, der gerne Bedrohungen ‚hypt’ und leicht manipulierbar ist.”

@Democracy Now
Professor Postol gilt seit vielen Jahren als einer der schärfsten Kritiker des US-Militärs.

Geht es letztlich nur ums Geld?
Gefragt nach seiner Motivation in Hinblick auf seine jahrelange Kritik an Pentagon und US-Regierung, sagte Postol, dass seine Erfahrung als wissenschaftlicher Politikberater des Chief of Naval Operations, Admiral Jim Watkins, in den Jahren 1982 bis 1984 ihn mit „einer geringen Wertschätzung für die Genauigkeit der von hochrangigen Regierungsangestellten bereitgestellten Informationen” zurückließ. Das hätte sich mit der Zeit nur noch verstärkt. Als beispielsweise der erst kürzlich im Zusammenhang mit Covid-19 verstorbene Colin Powell im Februar 2003 vor der UN seine berüchtigte Rede über Massenvernichtungswaffen im Irak hielt, wusste Postol – damals Pentagon-Berater – sofort, dass „jede Zeile in der Rede falsch war und dass Powell selbst dies wusste”.

In jüngeren Tagen ließ Postol – mitunter auch auf dem russischen Propagandasender RT – mit öffentlich/medialer Kritik am Ausstieg aus Rüstungskontrollabkommen mit Russland wie dem INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces) zur Reduzierung von Marschflugkörpern aufhorchen. Er äußerte aber auch vielfach Kritik an „Investitionen der US-Regierung in ineffektive Waffensysteme, die nur Steuergelder verschwenden”. Durch die Verstärkung der Bedrohungen würden die Geheimdienste die Menschen erschrecken wollen, damit sie riesige Militärbudgets und große Verteidigungsprojekte sanktionieren, die aber oft wenig zur nationalen Sicherheit beitragen würden, so Postol. Seiner Ansicht nach haben die US-Dienste einige gute Leute, die für sie arbeiten. „Sie haben sich aber trotzdem zu starren, dysfunktionalen Bürokratien mit schwachen Führern entwickelt, die oft politisiert werden. Diejenigen, die befördert werden, haben ihre eigenen Motivationen und liefern nicht immer die besten Informationen. Sie bieten höheren Stellen eine ‚Storyline’, die für die größere Agenda nützlich ist – nämlich mehr Geld vom Kongress zu bekommen.”

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