Nordkoreas Führer Kim Jong Un hat zum 76. Jahrestag der Gründung der Arbeiterpartei am 11. Oktober mit der „Nationalen Ausstellung der Verteidigungsentwicklung” (Self-Defence-2021) im Ausstellungshaus der drei Revolutionen in der Hauptstadt Pjöngjang eine bislang beispiellose, weil konzentrierte Ausstellung einiger seiner fortschrittlichsten Waffensysteme eröffnet.

Kim Jong Un nutzte die Gelegenheit, um zu erklären, dass das Land ein „unbesiegbares Militär aufbaut, um der wahrgenommenen Aggression der USA als Wurzel allen Übels zu begegnen”. Er glaube den Behauptungen auch der Biden-Regierung nicht, dass sie keine feindlichen Absichten gegen sein Land habe: „Es gibt keine handlungsbasierten Beweise, die uns glauben machen könnten, dass sie nicht feindselig sind.” Zudem sprach er auch die militärischen Entwicklungen im Süden an und beschrieb die „unvergleichlichen Bemühungen” seines Landes, die das Ziel hätten „einen Krieg zu verhindern und die Kriegsabschreckung ausschließlich zum Schutz der nationalen Souveränität zu erhöhen. Unser Feind ist der Krieg selbst.”

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Auf wahrscheinlich HS-12 oder HS-14 sitzt bei HS-8 – wie beim chinesischen DF-17 – der offenbar nuklearfähige Hyperschallgleitkörper als Gefechtskopf.

Pjöngjang auf dem Weg in den Hyperschall-Klub
Von größtem Interesse in der durchaus professionell inszenierten Ausstellung war der erst vor wenigen Wochen enthüllte und getestete Hyperschall-Gleiter-Gefechtskopf Hwasong-8. Er ähnelt verblüffend dem chinesischen Design DF-17 und soll offenbar einen Atomsprengkopf tragen können. Die straßenmobile Waffe besteht aus einer ballistischen Rakete, die das „Boost-Glide”-Vehikel trägt. Vorderhand dürfte es sich noch um ein Test-Modell handeln, es gibt – wie so oft in Nordkorea – keine gesicherten Angaben, ob es bereits nach der Trennung von seinem ballistischen Raketenträger im Flug getestet wurde oder welche anderen Teile von Testartikeln existieren könnten, um das Programm zu unterstützen. Die südkoreanischen Generalstabschefs kommentierten nach dem Test am 28. September: „Die Rakete scheint sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium zu befinden und es dürfte noch beträchtliche Zeit bis zu einer tatsächlichen Einsatzbereitschaft vergehen. Aber es ist zumindest ein Beweis für Nordkoreas große Ambitionen, in einen exklusiven Club von Nationen mit Hyperschallwaffenfähigkeiten über Mach 5 einzutreten und immer fortschrittlichere Raketen zu entwickeln.”

@RandAlle Raketen der Hwasong-Serie – wie zuvor die Hwasong-12-Mittelstreckenrakete (IRBM) und der Hwasong-14 Interkontinentalrakete (ICBM) – sind mit flüssigem Treibstoff betriebene Designs. Nordkoreanische Staatsmedien wie Yonhap behaupten nun, diese neue Hwasong-8-Kombo habe eine sogenannte „Treibstoffkapsel” mit erhöhter Lagerstabilität, was auf ein Design hindeuten könnte, welches in der Lage ist, über einen längeren Zeitraum betankt zu bleiben. Flüssiger Raketentreibstoff ist flüchtig und korrosiv, was es gefährlich macht damit umzugehen und die Zeit begrenzt, wie lange solche Raketen in einem betankten Zustand bleiben können. Die Notwendigkeit, sie vor dem Start zu befüllen, verringert ihre Flexibilität und kann ihre Anfälligkeit für präemtive feindliche Angriffe noch vor dem Start erhöhen.

„Niemand außer uns hat Hyperschall einsatzbereit!“

Andererseits bieten HS-12 und HS-14 die Möglichkeit, auch schwerere und neuartige Gefechtskopfdesigns – wie eben ein Hypersonic Glide Vehicle (HGV) — zu „heben”. Damit ergibt sich für die Nordkoreaner die Möglichkeit, Reichweiten gegen erhöhtes Nutzlastgewicht zu tauschen, da ihr Hauptgegner Südkorea in unmittelbarer Nähe liegt. Das heisst also, dass eine Mittelstreckenrakete angepasst werden könnte, um eine viel größere Nutzlast über viel kürzere Entfernungen zu tragen. Sprengkopfgrößen an verschiedenen Raketensysteme zu erhöhen, ist in letzter Zeit zwischen dem Norden und dem Süden zu einer greifbaren Realität geworden.

Ebenfalls prominent in Szene gesetzt war die riesige Interkontinentalrakete (ICBM) Hwasong-16 (könnte inzwischen auch Hwasong-17 heißen), welche während einer Militärparade im Oktober des vergangenen Jahres ihr öffentliches Debüt feierte (Militär Aktuell berichtete). Sie soll die USA oder Europa erreichen können und war auf ihrem – weltgrößten – elf-achsigen Transporter Erector Launcher (TEL)-Fahrzeug zu sehen. Westlichen Experten zufolge muss diese Rakete jedoch noch getestet werden. Weiters ausgestellt war jene schienenmobile ballistische Rakete, die erst im vergangenen Monat erstmals vorgestellt worden war. Ein anderer bodengestützter Marschflugkörper wurde erstmals außerhalb seines Startkanisters gezeigt, während sein fünfachsiges TEL ebenfalls zu sehen war.

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Hwasong-16: 2020 erstmals in einer Nachtparade vorgezeigt, Reichweite geschätzt 13.000 Kilometer, zweistufiges Flüssigtreibstoff-Design, 26 Meter lang, rund 150 Tonnen maximale Startmasse, straßenmobil auf 22 Rädern.

See- und landgestütztes Kurzstreckenpotenzial
Ebenfalls auszumachen war ein neues Raketendesign, das anscheinend für den Start von einem U-Boot bestimmt ist. Sie war neben einer Reihe bereits bekannter U-Boot-gestützer ballistischer Raketen (SLBM) ausgestellt und ist deutlich kleiner als die vorherigen SLBMs, insbesondere die Pukguksong-5, die erstmals im Jänner dieses Jahres bestätigt wurde. Ihre ebenfalls schwarz-weißen Markierungen deuten darauf hin, dass auch sie für diese Plattformen bestimmt ist. Aufällig ist die Gitterflossenanordnung an der Basis, ähnlich wie an bestimmten ballistischen sowjetischen Kurzstreckenraketen. Die kompakten und platzsparenden Faltgitterflossen sind ein Indiz für diese Kategorie. Pjöngjang hat ein neues Raketen-U-Boot derzeit im Umbau, zusätzlich zu denen, die es in der Vergangenheit für Tests verwendet hat. Kleinere Raketen würden darauf natürlich bedeuten, dass ein einzelnes Boot möglicherweise mehr von ihnen tragen könnte, während eine kürzere Reichweite auf Ziele in Südkorea oder Japan „passsend” wäre.

Experten analysieren Nordkoreas „Nachtparade“

Ein weiterer gezeigter neuer Raketentyp war eine scheinbar ballistische Kurzstreckenrakete, die sogenannte SRBM „March 2021”, welche neben den zuvor bekannten KN-23 und KN-24 platziert war. Die neue Waffe soll auf einer Flugbahn mit niedrigeren und flacheren Profil einsetzbar sein, was die Zeit zwischen Start und Einschlag verkürzt – ähnlich wie beim russischen System Iskander. Von dem früheren Paar weiß man nun auch, dass KN-24 den offiziellen Namen Hwasong-11NA hat. Sie wurde diesen Jänner zum ersten Mal bei einer Parade öffentlich gezeigt und im März über dem Japanischen Meer getestet.

@Pyongyang Broadcast ServiceAbgerundet wurde die gewährte und umfangreiche Einsicht in Nordkoreas Potenzial von einem neuen Luftabwehr-Lenkflugkörper mit drei Gruppen von Flügeln beziehungsweise Flossen. Somit waren neben Gefechtsfahrzeugen, Panzerabwehrlenk- und Handfeuerwaffen) folgende Systeme zu sehen:
– KN-27 (= Hwasong-16 oder -17)
– Hwasong-15
– Hwasong-8 (HGV)
– Hwasong-14
– KN-23
– KN-24
– March 2021 SRBM
– Serienmobile SRBM
– Neuer Langstrecken-Marschflugkörper

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In Kim’s Luftwaffe dienen 110.000 Angehörige und werden rund 400 – größtenteils veraltete – Flugzeuge betrieben. Darunter 34 Schlachtflugzeuge Su-25K, hier einige davon im Überflug über dem Expo-Gelände.

Unberechenbarkeit als „Trademark”
Die von Kim Jong Un kritisierte Biden-Regierung hat seit ihrem Amtsantritt mehr als einmal deutlich gemacht, dass sie bereit ist, die unter Ex-Präsident Donald Trump begonnenen und dann wieder erkalteten Gespräche mit Nordkorea wieder aufzunehmen. Man bietet Pjöngjang jederzeit, überall und ohne Vorbedingungen Verhandlungen an, und fügt hinzu, dass man keine feindliche Absicht gegenüber dem isolierten Land habe. Man könne über die Aufhebung der Sanktionen diskutieren, wenn das Land seine Atomwaffen aufgäbe, so die Botschaft. Bisher wurden diese Annäherungsversuche aber abgelehnt. Stattdessen hat Nordkorea – wie diese jüngste und selbstbewusste Indoor-Leistungsschau als Abkehr von traditionellen Paraden zeigt – genau jene Fähigkeiten verstärkt, die es nach den Wünschen der überwiegenden Völkergemeinschaft aufgeben soll(te). Gleichzeitig glaubt die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien, dass Nordkorea seinen Atomreaktor in Yongbyon (wieder) in Betrieb genommen hat. Von der Anlage wird angenommen, dass dort Plutonium für Kim’s Atomwaffen produziert wird. Und parallel entwickelt sich auch zwischen Nord- und Südkorea ein wachsendes Wettrüsten, wobei es dabei insbesondere um neue Raketen und Flugkörper geht. In der Tat gab es in den vergangenen Monaten eine fast „gespiegelte” Situation auf der Halbinsel, wobei jede neue Entwicklung auf der einen Seite scheinbar auf eine Gegenentwicklung der anderen Seite stieß. Im vergangenen Monat testete Seoul eine neue ballistische Rakete (SLBM) von einem getauchten 3.700-Tonnen-U-Boot.

Eigentlich ganz andere Probleme
Ganz konträr – wohl aber aus unserer Weltsicht – waren dann am Abend die Worte desselben Machthabers zum Parteijubiläum. Deutlich wie selten zuvor sprach er von einer „düsteren Lage der Wirtschaft” im Land und appellierte er an seine Staatsbediensteten, „die Lebensbedingungen für die Bevölkerung zu verbessern”. Das Land stehe zudem vor großen Aufgaben bei der Entwicklung der Staatswirtschaft. Internationale Sanktionen, verhängt wegen Nordkoreas Atom- und Raketenprogrammen, setzen die Wirtschaft des praktisch vollständig von der Außenwelt isolierten Landes seit Jahren unter Druck. Hinzu kommen nicht zum ersten Mal die Folgen schwerer Unwetter und Überschwemmungen. Und am vergangenen Wochenende sollen zudem zwei rumänische Botschaftsmitarbeiter Nordkorea verlassen haben, wie NK News berichtet. Damit ist die letzte diplomatische Vertretung eines EU-Landes in Nordkorea geschlossen worden.

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