Sie betreiben größere Kampfjet-Flotten als die meisten Luftwaffen, verfügen über moderne Ausstattung und gut ausgebildete Piloten, betreiben ihr Business aber rein privat. Militär Aktuell-Autor Georg Mader über den weltweit boomenden Feinddarstellermarkt.

Die beiden US-Luftstreitkräfte tun es bereits, die deutsche und britische Luftwaffe auch und selbst im Nahen Osten und in Asien hat es die eine oder andere Air Force bereits probiert: Sie setzen als „Sparringspartner” bei Kampfübungen und zur Simulation von anfliegenden Anti-Schiffs-Flugkörpern auf die Kampfjets privater Betreiber. Gleich mehrere  Unternehmen haben in den vergangenen Jahren damit begonnen, von Militärs ausgeschiedene Flugzeuge für ihre eigenen Bestände aufzukaufen und wieder in die Luft zu bringen. Heute fliegen in ihren Flotten Hunderte Jet-Klassiker aus den 1960er- und 1970er-Jahren, aber auch frühe F-16 und Mirage sowie zahlreiche andere Typen und Modelle.

Die Rede ist von „Red Air” und das Geschäft boomt. Vor allem die US Air Force (USAF) und US Navy (USN) haben zuletzt gleich mehrere Großaufträge für „Aggressorleistungen” mit Privatfirmen geschlossen. Und auch anderswo wachsen im Lichte kostspieliger Abnutzungen und immer teurer werdender Einsatzflotten die Ausgaben für Feinddarsteller. Seine Wurzeln hat das Geschäft in den sinkenden Verteidigungsetats der 1990er- und 2000er-Jahre, als Luftstreitkräfte vermehrt danach trachteten, Kosten auszulagern. Zwar stiegen inzwischen die Wehrausgaben infolge der sich verändernden globalen Sicherheitslage wieder, speziell in den USA sind Betriebs- und Stundenkosten für F-22 und vor allem F-35 aber derart hoch, dass dem Autor gegenüber sogar durch den früheren Kommandanten des Air Combat Command, 4-Sterne-General Herbert J. Carlisle, der hohe Nutzen der „Red Air”-Unternehmen bestätigt wurde. Es würde sich, so Carlisle, „wegen
finanzieller Überlegungen und aus Gründen geringerer Lerneffekte verbieten, High-End-Plattformen gegeneinander antreten zu lassen. Die brauchen wir für den Krieg!”

@ATAC
Der in der US-Diktion F-21 genannte israelische Kfir C.2 war gut gegen F-14 oder F-16, der hier Formation fliegende F-35C der US-Navy braucht aber „stärkere Kaliber” als Gegner. Die Industrie hat darauf reagiert.

Warum aber sind die Kosten bei privaten Betreibern niedriger als in Luftstreitkräften? Vor allem weil die amtsseitig in die Flugstunden eingerechneten Systemaufwände deutlich niedriger ausfallen, aber auch weil der Buchwert der meist älteren Plattformen viel niedriger ist als der moderner Einsatzmuster. Während beispielsweise ein Eurofighter Anschaffungskosten von knapp 70 Millionen Euro und systemanteilbereinigte Flugstunden von rund 35.000 Euro kostet, ist der Beschaffungsaufwand für gebrauchte Muster minimal und die Miet-Flugstunde liegt überhaupt nur bei einem Sechstel oder gar Siebtel des Frontgeräts von Luftwaffen. In Kombination mit dem stetig steigenden Anteil virtuellen Trainings mit Elementen wie VR-Brillen bis hin zu 3-Achsen-Simulatoren, lassen sich leicht zweistellige Millionenbeträge einsparen und in andere Kostenstellen umschichten.

Neben kleineren Nischenanbietern teilen sich den Markt im Wesentlichen drei Firmen aus den USA und mit Top Aces (früher Discovery-Air Defence) ein Betreiber aus Kanada. Das in Montreal (Quebec) beheimatete Unternehmen setzt auf ex-israelische A-4N Skyhawk (erkennbar an der hitzereduzierenden verlängerten Schubdüse), von denen im Auftrag der deutschen Luftwaffe auch einige Maschinen im norddeutschen Wittmund stationiert sind. Dort durften im Zuge ihrer Ausbildung 2017 auch österreichische Piloten mit den Skyhawks Bekanntschaft schließen. Im Inventar von Top Aces finden sich darüber hinaus insgesamt 48 (!) Alpha Jets aus ehemaligen Beständen der deutschen und belgischen Luftwaffe und bald (via „Third-Party-Transfer” mit dem US-Außenamt) auch 29 ex-israelische F-16A/B. Die Fighting Falcons sollen in Mesa (Arizona) stationiert werden, allerdings bleibt abzuwarten, ob sich diese in Anschaffung und Betrieb doch teureren Geräte von dort auch kommerziell betreiben lassen. Fix ist hingegen: Mit dem neuen Gerät und ihren in den vergangenen 20 Jahren angesammelten mehr als 85.000 Flugstunden machen Unternehmen wie Top Aces zunehmend auch den immer noch vorhandenen Aggressor-Staffeln von USAF und USN Konkurrenz. In NAS-Fallon (Top Gun) fliegen zwar nach wie vor „geschwärzte” F-16, die F-15-Feinddarsteller sind aber bereits Geschichte. In Nellis (Red Flag) wird die Flotte immerhin mit 22 Stück F-5E/F aus der Schweiz aufgestockt.

@Georg Mader
Der (ex-Schweizer) Hawker Hunter hat keine nennenswerte bordeigene EloKa-Ausrüstung, daher kommt bei ATAC der EloKa-/Störbehälter AN/ALQ-167 von Rodale Electronics/ITT zum Einsatz. Der 175 Kilogramm schwere Pod kann mit einer Abstrahlleistung von 4–8,5 kW in sieben Versionen den Frequenzbereich von 0,25 bis 40 GHz abdecken.

Zurück zum privaten „Red Air”-Markt: Noch größere Flotten als Top Aces betreiben die US-Firmen ATAC (Airborne Tactical Advantage Company), Draken-International und TAC AIR (Tactical Aviaton). Mit ihren mehr als 100 Maschinen sind diese zahlenmäßig sogar deutlich stärker als viele europäische Luftwaffen, neu unterzeichnete Verträge umfassen Dienstleistungen als Feinddarsteller ab den beiden US-amerikanischen Stützpunkten Luke Air Force Base (Arizona) und Holloman Air Force Base (New Mexiko). Die USAF hat alleine bei ATAC mehr als 3.000 Einsätze pro Jahr über einen Zeitraum von bis zu viereinhalb Jahren in Auftrag gegeben. Die Firma aus Fort Worth (Texas) nutzt ex-israelische Kfir (unlizensierte Mirage-5 mit US-Triebwerk), alte Hawker Hunter der Schweizer Luftwaffe und seit diesem Jahr – für die gewünschte noch stärkere Feindsimulation mit Mach 1,5 Überschall, Bordradar, EloKa und Waffenwirkung über 60 Kilometer – insgesamt 63 Stück der 2014 in Frankreich ausgeschiedenen Mirage F.1M, die im Paket mit 150 Atar-Triebwerken angekauft wurden. Erste Luftkampfeinsätze sind bereits für diesen Herbst geplant.

Draken-International ist in Lakeland (Florida) zuhause und fliegt ex-neuseeländische A-4K Skyhawk (K = mit APG-66-Feuerleitradar, Radarwarnempfänger, HUD-Blickfeldgerät, HOTAS-Cockpitauslegung und 1553er-Databus) und MB.339, ex-tschechische L-159 ALCA und – analog zu Konkurrent ATAC – neuerdings auch 22 ex-spanische Mirage F.1M/-B, F.1DJ aus jordanischen Beständen und sogar zwölf Cheetah-C, die südafrikanische Version der Mirage-III mit israelischem ELTA-Radar. Alleine für geplant 1.000 Missionen pro Jahr von der Seymour Johnson Air Force Base in North Carolina und 530 weiteren aus Kelly Field (Texas) erhält das Unternehmen von der US-Regierung mehr als 100 Millionen Euro jährlich. Mit dem Geld sollen auch bald 20 ex-polnische MiG-21 MF/US als echte „russische Gegner” in die Luft gebracht werden. Aktuell warten diese noch in Lakeland auf ihren Zusammenbau.

@Draken International
Firmen wie Draken International betreiben heute größere Flotten als viele Luftstreitkräfte.

Der dritte große US-Betreiber TAC AIR schließlich ist überwiegend als Feinddarsteller für die USN tätig. Gründer Rolland Thompson war früher Kommandant von Top Gun in Miramar, Ende 2016 wurde seinem Unternehmen der Import aller 21 verbliebenen F-5E/F samt noch vorhandener Ersatzteile aus Jordanien bewilligt. Zusammen mit 9.000 CF-5-Teilen aus Kanada und 50 J-85-Triebwerken hat man in St. Augustine (Florida) einen modernen Hub aufgebaut. Mit Helmvisier und Cockpit-Displays sind Rolland’s „Tiger” sogar moderner als die F-5-Aggressoren der Navy ausgestattet.

Auch diese Tatsache zeigt: Der Anteil privater Anbieter dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen und wohl erst in einem Jahrzehnt langsam wieder abflachen, wenn in der USAF Hunderte neue Boeing/Saab-Überschalltrainer T-7A Red Hawk die alten T-38 Talon ablösen. Bis dahin wird der Bedarf der Privaten an neuen Maschinen groß sein, aber auch an gut ausgebildeten und zugleich erfahrenen Piloten, die aber trotzdem in der heutigen Welt von Taktik, Datenlinks und EloKa-Sensoren (Behälter zur elektronischen Kriegsführung) versiert sein müssen. Anders als man vielleicht vermuten könnte, bilden daher nicht ältere Ex-Luftwaffen-Piloten, die früher die Muster gar selbst aktiv geflogen sind, den Personalstand. Sie würden die Maschinen trotz fortgeschrittenen Alters sicherlich noch beherrschen – aber sie haben nie einen radargelenkten Flugkörper auf 100 Kilometer eingesetzt, kennen keine Präzisions-Abwurfwaffen, kein Datenlink-16 und dürften auch von der Vielzahl an Symbolik auf modernen Displays überfodert sein. Dazu kommt: Sie kennen auch die mit alldem einhergehenden heutigen Doktrinen nicht und wohl ebenso wenig die heute angenommenen Konfliktsituationen, in denen der Feind aus der Distanz mittels elektronisch unterstützter Kriegsführung kämpft und bekämpft wird. Deswegen kommt heute bei Übungen wie „Red Flag” auch ein großer Teil der Feinddarsteller mit EloKa sowie Störern daher und ist ECCM (eigene EloKa-Gegenmaßnahmen) natürlich stets Thema. Viele der Jets tragen daher auffällige Behälter. Es sollen ja auch feindliche oder potenziell gegnerische elektromagnetische Signaturen in den Übungen ausgefiltert und erkannt werden – das gilt insbesondere bei kombinierten Manövern von Luft- und Seestreitkräften.

Gegen Letztere übernehmen heute übrigens auch oft Geschäftsflugzeuge wie Learjets die Darstellung schnell und tief anfliegender Seezielflugkörper. Es braucht also nicht immer F-16, Mirage oder Skyhawks um einen echten Gegner abzugeben.

Update: Israel überlegt laut diesem Bericht den Verkauf von F-16-Jets an die Firma Top Aces.

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