Wie russische Medien berichten, hat Russland mit dem Sudan ein Abkommen über die Errichtung eines Marinestützpunkts am Roten Meer für mindestens ein Vierteljahrhundert unterzeichnet. Dies wird als Teil der Bemühungen Moskaus bezeichnet, seine globale Reichweite zu vergrößern.

Das am Dienstag auf dem offiziellen Portal für Regierungsdokumente veröffentlichte Abkommen ermöglicht es Russland gleichzeitig bis zu vier Marineschiffe – darunter solche mit Nuklearantrieb – in Port Sudan am Roten Meer zu stationieren beziehungsweise sie dort zu versorgen. Der Vertrag hat eine Laufzeit von 25 Jahren und kann automatisch um zehn Jahre verlängert werden, wenn keine der Parteien Einwände dagegen erhebt.

Das Dokument besagt, dass „der russische Marinestützpunkt zur Stärkung von Frieden und Stabilität in der Region beitragen soll und sich nicht gegen Dritte richtet.” Als Gegenleistung für die Erlaubnis des Sudan, die Basis zu errichten, wird Russland den Sudan mit Waffen und militärischer Ausrüstung versorgen. Bereits 2018 hat der damalige Luftwaffenchef des Sudan, Lieutenant General Pilot Salah al-Din Abdel-Khalig Saed, gegenüber Militär Aktuell angekündigt, sich auch für Su-35-Kampfjets zu interessieren.

Der von Russland veröffentlichte Vertragsentwurf sieht im Grunde – zunächst – einen Logistik- und Reparaturstützpunkt am Roten Meer vor. Dort würde die russische Marine bis zu 300 Militärs stationieren dürfen. Was Schiffe mit Atomantrieb betrifft, können damit in erster Linie wohl U-Boote gemeint sein, denn die russische Flotte verfügt mit der „Pjotr Weliki” (Peter der Große) über nur einen einsatzbereiten nuklear-getriebenen Kreuzer. Ein zweiter wird gerade erst modernisiert. „Es ist eine angespannte Region”, so der ehemalige Admiral und Stabschef der russischen Marine Viktor Krawtschenko in einem Interview mit der Nachrichtenagentur INTERFAX: „Die russische Marinepräsenz dort ist zunächst mal notwendig. Später kann sich daraus eine größere, ‚vollwertige’ Basis entwickeln.”

Ob Milliarden-Rubel-Projekt oder PR-Aktion, das neue Abkommen passt jedenfalls zu den übergeordneten Bemühungen Moskaus, eine regelmäßige Marinepräsenz in verschiedenen Teilen der Welt wiederherzustellen. Der militärische Fußabdruck Russlands schwand nach dem Zusammenbruch der Sowjets 1991 aufgrund wirtschaftlicher Probleme und finanzieller Engpässe, aber Präsident Wladimir Putin hat sich – nicht zuletzt auch angesichts neuer Spannungen mit dem Westen besonders seit der Ukraine-Krise – stetig bemüht, den militärischen Fußabdruck der Nation zu verbreitern. Dazu gehören auch Bomber-Patrouillen rund um die britischen Inseln und bis in die Karibik, nach Südafrika oder rund um Japan.

Dank eines Marinestützpunkts im syrischen Hafen Tartus – der bislang derzeit einzigen Einrichtung Russlands außerhalb der ehemaligen Sowjetunion – hat die russische Flotte bereits eine bedeutende Präsenz im Mittelmeerraum aufgebaut. Seit September 2015 in einer Militärkampagne zur – kriegsentscheidenden – Stützung der Regierung von Präsident Bashar Assad im Land mit Luftmitteln und Spezialkräften aktiv, hat Moskau 2017 den Mietvertrag für Tartus um 49 Jahre verlängert. Seither wurde die Einrichtung modernisiert und erweitert, um bis zu elf Kriegssschiffe dort versorgen und betreiben zu können.

@SIPRI
Übersicht der Marinebasen in Nahost und Ostafrika.

Nach Tartus wäre Port Sudan nun die zweite russische Marinebasis im Ausland, in der für Moskau zunehmend wichtigen Region Nahost und Nordafrika – abgesehen von der annektierten Krim wo jedoch die Schwarzmeetflotte immer schon stationiert war. Zu Sowjetzeiten hatte die Marine einst Stützpunkte in Vietnam, aber auch Äthiopien und Somalia, als Reaktion auf die US-Marinebasis Diego Garcia im Indischen Ozean.

Die britische-sudanesische Kommentatorin Kholood Khair von „Insight Strategy Partners” (ISP), einem Think-and-do-Tank in Sudans Hauptstadt (auch Expertin des politischen Geschehens im Sudan unter anderem bei Al-Jazeera) erinnert daran (siehe Youtube-Video unten), dass beim Treffen mit Putin 2017 der inzwischen abgesetzte Staatschef al-Baschir gegen die USA wetterte und den Sudan als „Russlands Schlüssel zu Afrika” beschrieb. Bereits damals brachte er eine Marinebasis ins Gespräch, offenbar als Schutz gegen Washington. Denn damals stand der Sudan auf der roten Liste der USA als Terrorismus-Unterstützer und al-Baschir war vom Internationalen Strafgerichtshof (ICC) wegen Kriegsverbrechen in Darfur angeklagt. Es besteht zudem noch immer ein EU-Waffenambargo – während Russland MiG-29S lieferte. Seit dem Sturz al-Baschirs im April 2019 wird der Sudan von einem sogenannten „Souveränen Rat” aus Zivilisten und Militärs regiert. Die Militärs hätten aber deutlich mehr Gewicht, so Frau Khair. Russland habe seine Kontakte in Khartum dank General Mohamed Hamdan Dagalo behalten, im Sudan nur „Hemeti” genannt. Er ist stellvertretender Vorsitzende jenes Rats und laut Khair der einflussreichste Mann im Land. Mit ihm hat Moskau nun das Abkommen über die Basis vereinbart. Dem ging der erste Russland-Afrika-Gipfel in Sotschi im Herbst 2019 voraus, bei dem auch bereits die neue sudanesische Führung teilnahm.

 

Frau Khair erinnert, dass Russland früher hinter al-Baschir und jetzt hinter Hemeti steht, unter anderem weil es sich am profitabelsten Rohstoff Sudans beteiligt: Gold. „Es gibt sehr zuverlässige Quellen, wonach russische Soldaten und russische private Sicherheitsfirmen die Goldminen im Norden bewachen, die mit Hemeti verbunden sein sollen.” Gold ist eine der zentralen Einkommensquellen für die von Sanktionen, Korruption und Inflation gebeutelte sudanesische Wirtschaft.

Weiter südlich, am Ende des Roten Meeres in Dschibuti haben übrigens die USA, Frankreich und neuerdings China ebenfalls Marinestützpunkte. Und in Indien – wegen der Chinesen im Indischen Ozean (beispielsweise im pakistanischen Gajdar) stets besorgt – macht sich Mancher schon eifrig Gedanken über eine mögliche „Gast-Nutzung” der künftigen russischen Basis durch die indische Marine (siehe Youtube-Video).

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