Bilder wie dieses sind selten: eine russische Il-38 fliegt unweit einer norwegischen P-3 Orion am arktischen Himmel. Dabei handelt es sich nicht um ein Abfangmanöver, sondern um eine diese Tage stattfindende gemeinsame Übung von Russland und Norwegen – die sogenannte „Exercise Barents”.

Geübt werden zwei Dinge: gemeinsame Such- und Rettungsaktionen von in Seenot geratenen Menschen und die Verhinderung von Umweltschäden durch Ölverschmutzung. Übungsgebiet ist die zwischen Nordkap und Nordpol gelegene Barentssee – konkret das Gebiet vor dem Varangerfiord im nordöstlichen Teil Norwegens nahe der russischen Grenze.

@Kystverket/Pål Are LilleheimAn der Übung beteiligt sind von beiden Seiten Katastrophenschutzorganisationen, Flugverkehrsdienste, die Küstenverwaltung und das Militär. Laut dem Verteidigungsministerium Russlands nehmen von seiner Nordflotte neben dem erwähnten U-Boot Abwehrflugzeug Il-38, das Rettungs- und Schleppschiff „Nikolay Chiker” und ein Ka-27 PS-Hubschrauber an der Übung teil.

Wegen der Corona-Pandemie wurde die Übung im vergangenen Jahr abgesagt, ansonsten findet sie jährlich statt. Auf die Kooperation geeinigt haben sich die beiden Länder 1995 mit der Unterzeichnung des Barents Search and Rescue Agreements. Die Verantwortung für die Planung der Übung wechselt alle zwei Jahre, diesmal ist Norwegen an der Reihe.

Die russisch-norwegische Übung hat nicht einfach symbolischen Charakter. Der rege Schiffsverkehr und die Ausbeutung von Erdölvorkommen in der Barentssee erhöht das Risiko von Zwischenfällen. Ein gravierenderer Ölunfall etwa hätte für beide Länder weitreichende Konsequenzen. Der grenzüberschreitende Charakter von Umweltproblemen in der Region hat die beiden Länder bereits 1992 zur Gründung der russisch-norwegischen Umweltkommission verleitet. Die Verhinderung der Umweltverschmutzung durch Nickel, Entsorgung von Plastikmüll und anderen Abfällen im Meer sowie die latente radioaktive Verschmutzung sind einige der Themen, mit denen sie sich beschäftigt. Dass Russland und Norwegen in der Barentssee zur Zusammenarbeit und Kompromissen im Sinne der friedlichen Koexistenz bereit sind, zeigt auch ein anderes Beispiel: 2010 haben sich die beiden Länder auf den Verlauf der Seegrenze geeinigt und damit einen vier Jahrzehnte dauernden Disput beendet.

@Maya Janik
Übungsgebiet von „Exercise Barents” ist die zwischen Nordkap und Nordpol gelegene Barentssee.

Machtkampf in der Barentssee geht trotzdem weiter
Trotz der Zusammenarbeit im Bereich des Umweltschutzes und der Seenotrettung bleibt die Stimmung zwischen Norwegen und Russland rund um die Barentssee stürmisch. Für beide Seiten ist das Seegebiet von strategischer Bedeutung. Dazu kommt die direkte – wenn auch mit einer Länge von knapp 200 Kilometern kurze – im arktischen Gebiet verlaufende Grenze, die sich die beiden Länder teilen. Die militärische Präsenz Russlands in der Barentssee wird etwa an der Halbinsel Kola deutlich. Dort hat die russische Nordflotte einige ihrer wichtigsten Stützpunkte, wo unter anderem mit ballistischen Raketen bestückte U-Boote stationiert sind.

Grund zur Sorge macht Norwegen und dessen NATO-Partnern vor allem die sogenannte „Bären-Lücke” (Bear Gap). Gemeint ist damit das Gebiet zwischen Nordkap, der Bäreninsel und Spitzbergen. Eine Studie der RAND Corporation vom vergangenen Jahr verweist auf die strategische Bedeutung jener „Bären-Lücke” sowie der „GIUK-Lücke” (Gebiet zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich). Die Autoren warnen davor, dass im Falle einer Konfrontation zwischen Russland und der westlichen Allianz die russische Nordflotte in der Lage wäre, dort die Aktivitäten der NATO zu behindern. Eine wichtige Bedeutung bei der Kontrolle der „Bären-Lücke” kommt der russischen Hyperschallrakete vom Typ Zirkon zu. Die Rakete kann nuklear betrieben und von Überwasserschiffen sowie U-Booten mitgetragen werden. Im vergangenen Oktober wurde der Marschflugkörper erstmals von einer Fregatte im Weißen Meer in Richtung Barentssee auf ein schwimmendes Ziel abgefeuert.

@Forsvaret Norge
Bei der Übung ging es um gemeinsame Such- und Rettungsaktionen von in Seenot geratenen Menschen sowie um die Verhinderung von Umweltschäden durch Ölverschmutzung.

Auf die zunehmenden Aktivitäten der russischen Nordflotte reagieren Norwegen und dessen NATO-Partner ihrerseits mit einer verstärkten militärischen Präsenz in der Barentssee und der Arktis im Allgemeinen. Nicht nur die norwegischen Streitkräfte erkunden regelmäßig die Lage in der Region, auch Kriegsschiffe der US-Marine haben im vergangenen Jahr nach 30 Jahren erstmals wieder die Barentssee durchquert. Ein Signal zur Abschreckung Russlands versuchte man auch 2018 mit „Trident Juncture”, dem größten NATO-Militärmanöver seit Ende des Kalten Krieges zu senden. Für nächstes Jahr wurde bereits die Militärübung „Cold Response 2022” angekündigt, die in der Region Ofoten in Nordnorwegen stattfinden soll. Neben Norwegen sollen auch andere Mitglieder der Allianz sowie die nordischen Nachbarn Norwegens teilnehmen. Es soll die größte norwegische Militärübung innerhalb des Polarkreises seit dem Ende des Kalten Krieges werden.

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