Die polnische Armee hat Anfang Jänner in einer Stabsübung einen russischen Angriff durchsimuliert. Das alarmierende Ergbnis: Im Fall einer Konfrontation hätten russische Truppen schon nach fünf Tagen Warschau eingekesselt.

Stabsübungen sind dazu da, um verloren zu werden. Klingt komisch, ist aber so, sollen damit doch Schwächen der eigenen Streitkräfte zu deren anschließender Verbesserung möglichst schonungslos aufgedeckt werden. Deshalb sind sie meist auch geheim und erfährt man normalerweise wenig oder nichts über Details und von deren Ausgang.

@Russia MoD
Die polnischen Streitkräfte hatten in dem Übungsszenario den rasch vorrückenden russischen Kräften nur wenig entgegenzusetzen.

Im Falle der bereits Anfang des Jahres in Polen abgehaltenen Stabsübung „Zima 2020” („Winter 2020”) ist das aber nun anders. Nachdem Staatspräsident Andrzej Duda das Ergebnis der Übung in einem Statement nur knapp „als gute Lektion” bezeichnet hatte, wurde nun bekannt, dass es sich wohl eher um eine „schockierende Lektion” gehandelt haben dürfte, die in diesem Ausmaß kaum jemand in Polen für möglich gehalten hatte.

Was war passiert? Die polnische Armee hatte in der Übung eine Konfrontation der polnischen Armee zu Land, zu Wasser und in der Luft ohne US- oder NATO-Unterstützung mit den Truppen des gesamten Westlichen Militärbezirks der russischen Streitkräfte durchgespielt – ein in der Praxis äußerst unwahrscheinliches Szenario. Die polnischen Streitkräften gehören mittlerweile zu den am besten ausgestatteten und ausgebildeten Armeen Europas, die Erfolgsaussichten gegen einen derart übermächtigen Gegner wären ohne Unterstützung von außen aber trotzdem gering. Die Übung offenbarte jedoch, dass Polen in einem derartigen Szenario nicht den Hauch einer Chance hätte. Nach vier Tagen, so das Ergebnis der Simulation, stünden russische Truppen an der Weichsel, tags darauf hätten sie Warschau eingekesselt. Die östlich der Weichsel stationierten polnischen Truppen hätten bei enormen Verlusten von 60 bis 80 Prozent den Vormarsch der Russen nicht ansatzweise bremsen können, Städte wie Lublin und Bialystok wären praktisch kampflos in die Hände des Gegners gefallen.

Russland rückt seine Bomber-Flotte in den Fokus

Jetzt könnte man meinen, die polnischen Militärs würden den Mantel des Schweigens über die „Zima 2020” breiten und ihre Schlüsse aus dem Debakel ziehen. Allerdings: Schon lange gibt es im Land massive Kritik an der Militärpolitik der Regierungspartei PiS, die auf massiven Truppenkonzentrationen östlich der Weisel aufbaut, um einem potenziellen russischen Angriff bereits an der Grenze mit möglichst starken Kräften begegnen zu können. Damit mache man allerdings den gleichen Fehler, der schon 1939 ins Verderben geführt habe, so Kritiker. Damals hatte Polen einen Gutteil seiner Kräfte an der Grenze zum benachbarten Hitler-Deutschland konzentriert. Diese wurden allerdings direkt mit Kriegsbeginn in Kämpfe verwickelt und aufgerieben, später fehlten diese Truppen für Verteidigungsaufgaben und eigene Offensivaktionen. Interessant: Die USA haben ihre Truppen in Polen im Gegensatz zur polnischen Armee vor allem im Westen des Landes stationiert – und damit außer Reichweite der Iskander-Raketen und der taktischen Luftwaffe Russlands.

Dass Warschau nun tatsächlich seine Strategie ändert, scheint freilich wenig wahrscheinlich. Vielmehr scheint es zu einem Sesselrücken an der Spitze des polnischen Militärs zu kommen. Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak kritisierte Generalstabschef Rajmund Andrzejczak in einem Interview jedenfalls heftig für sein Versagen bei der „Verteidigung Polens”, eine Verlängerung der im Juni auslaufenden Amtszeit von Andrzejcza ist damit eher nicht zu erwarten. Die größten Chancen auf seine Nachfolge hat ausgerechnet General Jaroslaw Mika, der in „Zima 2020” Übungskommandeur der angreifenden Russen war und damit Andrzejczak bereits eine „gute Lektion” erteilt hat – um in den Worten von Staatspräsident Duda zu bleiben.

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