Die militärhistorisch so bedeutsamen Ardennen sahen schon im 13. Jahrhundert eine blutige Auseinandersetzung, entstanden aus einem vergleichsweise unbedeutendem Anlass. Im sogenannten „Kuhkrieg” wurde die ganze Region Condroz (wo Ende 1944 der deutsche Vormarsch steckenbleiben sollte) verheert.

Heute erinnert in dem, durch seine große Militariamesse vielen militärhistorisch Interessierten bekannten, Ciney ein Denkmal, das eine Kuh darstellt, an das Ereignis.

Le conte de Namur et se frère Thiris
Li jeune Godefroy de Lovay li marchis
Le dus de Lucenbor et de Baere autresi
Furent a celles jostes et mains barons jolis
Qui par lamour des dames la endroit fu acquis.

Die Geschichte des „Kuhkriegs” begann im Jahre des Herrn 1271, als Sire Henri de Beaufort dem Lütticher Fürstbischof die Gefolgschaft aufkündigte und seine Burg Beaufort – hoch über dem Ufer der Maas – dem Grafen von Namur zu Lehen auftrug. Und der war kein geringerer als Guy de Dampierre, auch Graf von Flandern (deshalb sein geläufiger deutscher Name Guido von Flandern). Er hatte weiland 1263 die Grafschaft Namur seinem Vetter Baudouin de Courtenay (beziehungsweise dessen Sohn Philippe, der das Geschäft tätigte) abgekauft.

Jener Baudouin war vierter und letzter Kaiser des lateinischen Kaiserreiches von Konstantinopel und deshalb eher dort und seltener in der Wallonie anzutreffen. Zum Zeitpunkt des Verkaufs der Grafschaft, die für 20.000 Pariser Pfund den Eigentümer wechselte, war Baudouin de Courtenay schon von Michael VIII. Palaiologos entthront und vertrieben worden, konnte im Exil aber jeden Heller für seinen Plan der Rückeroberung Konstantinopels gebrauchen. Hilfe für sein Projekt fand er weder bei europäischen Monarchen noch bei den Adligen seiner Heimat, die hatten andere Dinge zu tun.

Besagter Guy de Dampierre war in zweiter Ehe mit Isabelle von Luxemburg verheiratet, jene war die Tochter des Grafen Heinrich V. von Luxemburg. Als Herr der Grafschaft Namur war Graf Guy einer der mächtigsten Territorialherren der Wallonie. Das oft rivalisierende angrenzende Hochstift Lüttich unterstand seinerzeit dem Bischof Heinrich III. von Geldern, einem unwürdigen Patron, der einen ausschweifenden Lebenswandel führte und mit benachbarten Fürsten und den Bürgern seiner Städte in Zwist und Hader lag. Mechelen machte (erfolgreich) einen Aufstand gegen seine Herrschaft, Dinant rebellierte, ja selbst die Bürger von Lüttich standen nicht nach und brachten den Bischof in Bedrängnis.

So nahm es denn auch kaum Wunder, dass sich selbstbewusste adelige Vasallen neue Lehnsherren suchten. Die Städte des Hochstifts, so Lüttich, Huy und Dinant, schlossen sich zu einem Bund zusammen. Schließlich beendete Papst Gregor X. auf dem Konzil von Lyon im Jahre 1274 die Herrschaft des obstinaten Bischofs und setzte nun statt seiner Jean d´Enghien als neuen Fürstbischof ein. Man muss dazu wissen, dass jener Papst Gregor vordem Teobaldo Visconti hieß, Erzdiakon von Lüttich gewesen war, dem unwürdigen Bischof Heinrich Beschwerden vorgetragen hatte und darauf von jenem arg beschimpft und getreten worden war.

Der eingangs erwähnte Henri de Beaufort war der Bruder eines Jean de Beaufort, Sire de Goesnes. Dieser hatte unter seinen Untertanen einen unleidlichen Zeitgenossen, Engorant de Jallet, welcher dereinst einem Bürger der Stadt Ciney (jener hieß Rigaud de Corbion) eine Kuh gestohlen hatte. Nun suchte der Viehdieb diese Kuh ausgerechnet in Andenne zu verkaufen, wo der Graf von Namur – eben Guy de Dampierre – gerade ein großes Ritterturnier abhielt.

Viele Leute wurden beköstigt, die Fleischpreise waren also hoch. Unter den Besuchern war dann auch der so gemein beklaute Rigaud, der das Rindvieh sofort wiedererkannte und darob Klage führte bei seinem Gerichtsherren. Und das war der Vogt der Region Condroz, in welcher Ciney (heute noch für seinen wöchentlichen Viehmarkt bekannt) liegt. Dieser Maitre Jean de Halloy lockte den Dieb mit dem Versprechen der Straffreiheit, wenn er denn den entstandenen Schaden ersetze, aus dem Banne von Andenne heraus. Man arretierte ihn und ließ ihn später aufhängen.

Darob erboste sich der Sire de Goesnes. Nicht dass er grundsätzlich was gegen Aufhängen von Viehdieben gehabt hätte, nur hängen sollten man keinen, ohne den Sire zu fragen, denn schließlich gehörte der Malefikant zu seinen Untertanen. Er verbündete sich infolgedessen mit seinen Brüdern Henri de Beaufort und Richard Beaufort de Fallais. Auch zwei von ihren Vettern waren dabei, die Herren von Celles und Spontin.

@Wikipedia/Diggy Benesou
DIe von den Herren von Beaufort gehaltene Burg Spontin wurde von den Leuten des Condroz zerstört.

Das war der Beginn des sogenannten „Kuhkriegs” im Jahre 1275. In den der Familie Beaufort wohlgesonnenen Chroniken heißt es, Corbion hätte bei Jean de Beaufort Klage geführt, und zwar noch während des Turniers. Der hätte den Viehdieb auch empfindlich bestrafen wollen, erst die Einlassungen der versammelten Ritter und das Bitten des reuigen Engorant de Jallet hätten sein Herz erweicht. Engorant sei aber verpflichtet worden, die Kuh selbst zurückzubringen und sei dergestalt in den Wirkungsbereich des Maitre Jean de Halloy geraten, welcher ihn ganz gemein und unter Wortbruch habe aufknüpfen lassen.

Wie dem auch immer gewesen sei, es war nun eine Frage der Ehre. Die Leute des Condroz rückten gegen die Burgen derer von Beaufort und konnten Spontin zerstören. Maitre Halloy verbündete sich mit den Bürgern von Dinant, Huy und Lüttich und widerwillig schloss sich ihnen auch der Fürstbischof von Lüttich, Jean d´Enghien, an. Er war ja gerade eben erst Bischof Lüttichs geworden. Nun, auf Drängen der Bürgerschaft und der Geistlichkeit nahm der neue Bischof Jean Partei für die Leute Halloys – nicht eben besonders enthusiastisch.

Auf der anderen Seite kamen der Graf von Namur, der Graf von Luxemburg und andere den Beauforts zur Hilfe. Die Bürger von Huy zerstörten die Burg von Goesnes. Die Burg Beaufort, hoch über der Maas gelegen, konnten sie aber nicht einnehmen. Auch die Burg von Fallais hielt aus, dem Burgherren Richard de Fallais, war´s aber nicht geheuer. Er wollte Hilfe beim Grafen von Namur holen, schwang sich in den Sattel und ritt los. Unterwegs stellten ihn die Leute aus dem Condroz (oder die aus Huy) und erschlugen ihn.

Sein Sohn Rigald wusste sich keinen anderen Rat, als die väterliche Burg dem Herzog von Brabant zu Lehen aufzutragen. Das war seinerzeit Johann der Siegreiche, oder Jean le Victorieux, wie ihn die französische Zunge nannte. Und dieser, ein berühmter Turnierkämpfer und sehr, sehr streitbarer Zeitgenosse, nahm sofort an. Immerhin war er ja auch mit Margaret, einer Tochter Guy de Dampierres, verheiratet.

Die Dinanter Bürger schlossen sich nun den Leuten aus Condroz an, unter der Führung von Jean de Rochefort zogen sie den Scharen von Namur entgegen. In offener Feldschlacht besiegt, fluteten die Dinanter zurück in ihre wohlbewehrte Stadt, hier gelang ihnen an den Mauern dann doch noch ein Sieg über die Verfolger. Angeblich, und hier werden die Chronisten wieder blumig, hatte sich eine Vorhut der Namurer Leut´ zu weit vorgewagt, sei durch ein schlecht bewachtes Tor in die Stadt eingedrungen und dort ein Opfer der mit Todesverachtung kämpfenden Dinanter geworden. Die schläfrige Torwache hatte nämlich gerade noch das Fallgatter herunterlassen können, bevor die Hauptmacht des Feindes heran war.

Aber etwas weiter östlich traf die Armee des Luxemburger Grafen am 17. April 1276 auf das Aufgebot der Leute aus dem Condroz, das nach den Angaben der Chronisten 2.400 Mann stark war, zur Hälfte Reiterei, zur Hälfte Fußvolk. Die Luxemburger hatten hohe Verluste, angeblich 1.200 Mann. Man konnte aber das Feld gewinnen und den Feind zum Rückzug auf Ciney zwingen.

Die unterlegene Partei hatte auch ganz erhebliche Verluste gehabt, darunter den Maitre Jean de Halloy. Graf Heinrich von Luxemburg soll angesichts der vielen Toten unter den Seinigen, und darunter waren ein paar Herren edler Abkunft, ausgerufen haben: „Drei Herren für einen Schurken!”. Ob er damit den Viehdieb oder den Maitre meinte, mag dahingestellt sein.

@Jean-Pol Grandmont
So sieht die Kirche St. Nicholas in Ciney heute aus, im sogenannten Kuhkrieg wurde sie von den Luxemburgern niedergebrannt.

Der Marschall des Lütticher Fürstbischofs, Robert de Forvie, traf zu spät mit Verstärkungen ein, er zog sich deshalb nach Dinant zurück. Am Tag danach stürmten die Luxemburger Ciney und verbrannten die Kirche (die Stiftskirche Saint-Nicolas) mit den Bürgern, die sich dahin geflüchtet hatten. Nur einen Tag später eroberten die Truppen des Brabanter Herzogs die Stadt Meeffe im Hochstift Lüttich und plünderten sie. Dutzende von Dörfern im Grenzraum zwischen der Grafschaft Luxemburg und der Hochstift fielen gegenseitigen Angriffen zum Opfer, die Zahl der Toten ging in die Tausende.

Versuche, den deutschen König Rudolf I. einzuschalten, blieben erfolglos angesichts der Tatsache, dass dieser erste Habsburger auf dem deutschen Königsthron zeitgleich mit seinen Feldzügen gegen Ottokar von Böhmen beschäftigt war, ganz im Osten des Reiches.

Die Kämpfe wogten hin und her bis 1278. Mittlerweile hatte sich der Lütticher Bischof Jean an den französischen König gewendet, bei der Herkunft des Bischofs auch keine ganz unwahrscheinliche Wahl, und König Philipp III. vermittelte und brachte einen Friedensschluss zustande, der im Wesentlichen den Status quo wiederherstellte. 1276 hatte König Rudolf in einem Schreiben an den französischen König diesen um den Schutz der reichen Abtei Orval gebeten, wohlwissend, dass er selbst nicht viel dafür tun konnte.

Ein bitteres Nachspiel hatte die Angelegenheit noch: die Rivalität zwischen dem Hochstift Lüttich und dem Herzogtum Brabant bestand fort und im Hintergrund lauerte noch der abgesetzte Bischof Heinrich von Geldern. Dessen Häschern gelang es 1281, Bischof Jean zu fangen. Man band ihn auf ein Pferd und dieses jagte mit dem Prälaten über Stock und Stein. Dadurch arg durchgerüttelt, verstarb Bischof Jean.

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