Soll der geplante und dringend notwendige Ersatz der altersschwachen Saab-105Ö so wie aktuell die „105er” einen Teil der Luftraumüberwachung übernehmen oder nicht? Eine gute Frage, deren Antwort wohl Dreh- und Angelpunkt der zukünftigen rot-weiß-roten aktiven Luftraumüberwachung ist und über die Eurofighter-Zukunft ebenso entscheidet wie über die Saab-Nachfolge.

@Georg Mader
Voraussichtlich müssen die österreichischen Saab-105Ö ihren Flugbetrieb mit Jahresende einstellen.

Aber alles der Reihe nach, beginnen wir mit der Saab-105Ö: Auch wenn in Folge der Nach-Anfertigung der Rumpf/Leitwerksbolzen der Flugbetrieb Anfang Februar wieder aufgenommen werden konnte, ist die Einstellung des Betriebs mit Ende dieses Jahres fix. Dadurch ergeben sich gleich mehrere Probleme. Nummer eins: Zuletzt wurde von den „105ern” rund ein Viertel der aktiven Luftraumüberwachung getragen. Dieser Anteil könnte prinzipiell zwar von den Eurofightern mit ihren zurzeit 1.100 Flugstunden übernommen werden, allerdings ist das aktuell aufgrund von Personalengpässen und nur verfügbaren 16 bis 18 Piloten nicht 1:1 möglich und sind die Flugstunden rund zehnmal teurer. Problem Nummer 2: Mit dem Ausscheiden der Saab-105Ö tut sich in der rot-weiß-roten Pilotenausbildung ein kostspieliges Fähigkeitenloch auf.

Zu den Aufwänden für die ohnehin bereits ausgelagerte Jet-Pilotenausbildung (u. a. für Auslandsdienstreisen und -aufenthalte in Lecce und Laage) stellt sich dann auch die Problematik der „Proficiency” – also des Fähigkeitenerhalts. Wie soll der bereits zwei Jahre um viele Millionen Euro ausgebildete Jungpilot seine „Wings” bis zur (angeblich ziemlich teuren) Eurofighter-Typenschulung viele weitere Monate gültig halten? Konsequenz davon ist wiederum ein erhöhter Kostenaufwand, der aber ohnehin kaum mehr zu vermeiden ist. Der Zulauf eines Nachfolgers bis Jahresende ist illusorisch, die Systemeinführung würde im Fall der Fälle ohnehin mehrere Jahre dauern. Immerhin: Eine Entscheidung über die Saab 105Ö-Nachfolge soll nun (nach vielen Verschiebungen in den vergangenen Jahren) Ende Juni fallen. Spätestens dann müsste es also auch eine Antwort auf die eingangs formulierte Frage geben.

@Bundesheer/Zinner
Eurofighter des Bundesheeres während der Luftraumsicherungsoperation „Dädalus” anlässlich des Weltwirtschaftsforums 2019 in Davos.

Um Verwerfungen wie im Nachgang des Eurofighter-Ankaufs zu vermeiden, wird bei der Saab-Nachfolge aktuell ein strikter Government-to-Government-Zugang ohne Mittelsmänner oder heimische Repräsentanten verfolgt. Laut Informationen aus der Gruppe Bereitstellung im Verteidigungsministerium, die für Beschaffungen zuständig ist, befindet man sich aktuell in Gesprächen mit Italien, Tschechien, Deutschland und Großbritannien. Obwohl diese Vorgangsweise prinzipiell zu begrüßen ist, hat sie mehrere Haken: So wissen Regierungsbeamte oft kaum über mögliche Produktionsslots und Subsystem-bedingte Preismargen der eigenen Hersteller bescheid. Bundesheer-Beschaffer beklagen zudem die fehlende Nähe zu Entwicklern und Ingenieuren. Technische Fragestellungen könnten daher nur schwer erörtert werden, was den Typenentscheid nicht vereinfache.

@Aero Vodochody
Mit der L-39NG kommt einer der potenziellen Nachfolgekandidaten für die Saab-105Ö aus Tschechien.

Soll der Nachfolger so wie aktuell die Saab-Jets einen Teil der Luftraumüberwachung übernehmen, fallen die durchaus innovative tschechische L-39NG-Neuauflage des Albatros oder Leonardos M-345 ebenso wie ältere Muster – etwa gebrauchte britische BAE-Hawk – von Vornherein durch den Rost. In diesem Falle bliebe mit dem M-346 wohl nur das stärkere der beiden in Frage kommenden italienischen Designs im Rennen. Dabei handelt es sich streng genommen zwar um einen Hochleistungstrainer und keinen Abfangjäger, allerdings ist eine Bewaffnung beispielsweise mit IRIS-T-Luft-Luft-Lenkwaffen möglich und die Performance – als einziger zweistrahliger Jet unter den Kandidaten – deutlich über den zuvor genannten Modellen. Eine Mehrheit im Heer scheint das italienische Muster auch deshalb zu favorisieren, weil es von der M-346 mit der M-346FA seit Kurzem eine „Fighter-Variante” mit eigenem Griffo-Bordradar gibt.

Alternativ zum M-346 könnten höhere Investitionen in den Eurofighter stehen. Zusätzlich zu den noch heuer notwendigen Investitionen für neue Mode-5/S-Transponder (rund 400.000 Euro pro Maschine) würde eine zeitgemäße Ausstattung mit Infrarot-Nachtsicht, elektronischem Selbstschutz samt Radarwarnempfänger und Radar-Allwetter-Lenkwaffen mit maximal 200 Millionen Euro zu Buche schlagen. Eine Aufwertung des Eurofighter zur alleinigen Luftraumüberwachungsnutzung könnte auch L-39NG und Co wieder ins Spiel bringen, um die teure Ausbildung „heimzuholen”. Denkbar ist auch ein Systemwechsel vom Eurofighter auf einen anderen Jet wie den französischen Rafale oder schwedische Gripen. Gerüchten zufolge liegt den rot-weiß-roten Militärs seit 2017 eine „Information” von Saab über 15 plus drei Gripen-C/D MS20 mit Lieferung innerhalb von 18 Monaten zu Raten in Höhe der Eurofighter-Betriebskosten auf dem Tisch.

@Leonardo
DIe M-346FA von Leonardo ist ein weiterer möglicher Saab-105Ö-Nachfolger, der Stückpreis liegt allerdings bei rund 30 Millionen Euro.

Apropos Kosten: Die wirklich vergleichbaren operativen Aufwände (inklusive Tageswartung, Kerosin und Co, exklusive gesamte Systemkosten) liegen bei der Saab-105Ö bei rund 3.000 Euro pro Flugstunde. Der M-346FA wäre mit 4.000 bis 5.000 Euro geringfügig teurer, beim Gripen C/D liegen die Kosten pro Flugstunde zwischen 12.000 und 15.000 Euro und beim Eurofighter zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Die Ankaufkosten eines M-346FA dürften inklusive Supportanteil bei rund 30 Millionen Euro liegen, jene von M-345 und L-39NG um die 10 bis 12 Millionen Euro – für alle drei Varianten sind unseren Informationen zufolge Leasing-Beschaffungen möglich.

Lesen Sie dazu auch unseren großen Luft-Report zum Status Quo der Bundesheer-Hubschrauber und -Flugzeuge. Hier geht es zu weiteren Meldungen rund um Saab und hier zu weiteren Meldungen rund um Eurofighter-Hersteller Airbus Defence and Space.

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