Brigadier Sylvia Sperandio leitet das militärische Gesundheitswesen des Bundesheeres und hat vor dem Jahreswechsel bereits vor den Gefahren einer Pandemie gewarnt.

Frau Brigadier Sperandio, in den Analysen des Bundesheeres gilt eine Pandemie neben Terrorattacken und einem großflächigen Blackout seit Jahren als größte Bedrohung für die österreichische Bevölkerung. Wie sehr hat es Sie überrascht, dass sich das Virus so schnell ausgebreitet hat?
Als Ärztin darf mich so etwas eigentlich nicht überraschen. Die Bedrohlichkeit, die von SARS-CoV-2 ausgeht, rührt vor allem daher, dass es sich dabei um einen Erreger handelt, den wir noch nicht kennen. Wir haben weder ein Medikament noch einen Impfstoff dagegen. Mit den Worten des Militärs ausgedrückt: Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt noch keine geeigneten Waffen gegen dieses Virus.

@Bundesheer/Karlovits
Brigadier Sylvia Sperandio leitet die Abteilung für militärisches Gesundheitswesen im Bundesheer. Sie war weltweit in Krisenregionen zur humanitären Katastrophenhilfe als Expertin des United Nations Disaster Assessment Coordination Teams und des European Civil Protection Teams
im Einsatz.

In der im Dezember erschienenen „Sicherheitspolitischen Jahresvorschau 2020” haben Sie bereits vor den Auswirkungen einer Pandemie gewarnt und die Vorbereitungen Österreichs darauf als unzureichend kritisiert. In welchen Bereichen wurden Ihre Befürchtungen bestätigt?
Ich habe in meinem Bericht ganz klar zum Ausdruck gebracht, dass die Pandemie-Pläne, die im Jahr 2006 aufgrund der Influenza entstanden sind, wie auch viele andere bestehende Alarm- und Krisenpläne im Vorfeld nicht ausreichend evaluiert wurden. Das bringt einerseits Verzögerungen beim Hochfahren eines adäquaten Krisenstabes mit sich, andererseits geht damit einher, dass man die Ressourcen und Fähigkeiten seiner Mitstreiter, des Bundesheeres zum Beispiel, nicht ausreichend kennt. Andererseits sollten die infrastrukturellen Veränderungen der vergangenen fünfzehn Jahre einberechnet werden. Viele der militärischen Krankenanstalten, die im Fall einer Pandemie mit zusätzlichen Bettenkapazitäten unterstützen könnten, haben wir heute nicht mehr. Wenn man das nicht erhebt und die vorhandenen Pläne nicht auf ihre Aktualität überprüft, weiß man nicht, worauf man sich stützen kann. Aufgrund meiner Auslandseinsätze und Ausbildungen, die ich bei der UNO und in der EU absolviert habe, weiß ich, dass man alle Strukturen kennen sollte, die einen im Ernstfall unterstützen könnten. Im Idealfall weiß ich sogar, wer mein direkter Ansprechpartner ist.

„die Pandemie-Pläne, die im Jahr 2006 aufgrund der Influenza entstanden sind, wurden im Vorfeld nicht ausreichend evaluiert.“

Inwieweit stand die Bekämpfung einer möglichen Pandemie in den vergangenen Jahren auf der Agenda des Bundesheeres?
Wir haben immer wieder versucht das Thema stärker voranzutreiben und auch darauf hingewiesen, dass im Fall einer Pandemie gewisse Vorbereitungen zu treffen wären. Diese wurden jedoch kaum aufgegriffen. Da würde ich mir eine deutlich engmaschigere Abstimmung mit dem zivilen Gesundheitswesen wünschen. Darüber hinaus gibt es Übungen und Planspiele, die man anwenden kann, um möglichst realitätsnah zu überprüfen, ob die vorhandenen Krisenpläne auch wirklich durchführbar sind und funktionieren.

Provokant gefragt: Hat es so eine Pandemie gebraucht, um ein Bewusstsein für die Thematik zu schaffen und die Vorsorge- und Krisenpläne auf neuesten Stand zu bringen und zu evaluieren?
Weil wir zu einem gewissen Grad alle von der Krise betroffen sind, ist das Bewusstsein momentan sehr groß. Das wird jedoch wieder abflachen, weil wir in Österreich glücklicherweise nicht viele Todesfälle und Infizierte hatten. Das ist ungefähr so, wie mit den guten Vorsätzen zu Silvester. Auch die verflüchtigen sich in der Regel schnell wieder und man fällt in alte Muster zurück. Deshalb ist es wichtig, jetzt an das vorhandene Bewusstsein anzudocken und alle relevanten Krisenpläne zu evaluieren und neu zu beleben.

Welche Lehren kann das Bundesheer aus der Situation ziehen?
Auch das Bundesheer muss den Fokus in Zukunft verstärkt in Richtung Prävention lenken. Zum Beispiel dann, wenn es um Schutzausrüstung oder um den raschen Zugang zu Medikamenten geht. Das Bewusstsein dafür, dass es hier noch Optimierungsbedarf gibt, ist definitiv auch bei uns gestiegen. Darüber hinaus sollte man sich in Abstimmung mit dem zivilen Gesundheitswesen auch überlegen, inwieweit ein weiter ausgebautes militärisches Gesundheitswesen künftig als strategische Reserve eingesetzt werden kann. Ich spreche hier von Krankenbetten, aber auch von geschützten Transporteinheiten für infizierte Personen und von mobilen Feldspitälern.

Wie arbeitsintensiv waren die vergangenen Wochen bei Ihnen?
Die letzten Wochen waren definitiv sehr arbeitsintensiv, wobei wir sehr auf ein Thema fokussiert waren. Weil das Bundesheer eine Organisation ist, die für den Einsatz ausgebildet wurde, war dieses einsatzbezogene Arbeiten für mich aber sehr erfüllend – auch wenn es wirklich anstrengend war. Wäre ich nicht diese Art von Mensch, hätte mich mein Weg erst gar nicht zum Militär geführt. Trotzdem bin ich jetzt froh darüber, dass mein Arbeitspensum zuletzt etwas zurückgegangen ist.

„Ich würde mir wünschen, dass anstatt Vergleiche zu ziehen, verstärkt darüber nachgedacht wird, wie man die gemeinsame Krisenbewältigung innerhalb der EU weiter verbessern könnte.“

Wie beurteilen Sie die Vorgehensweise in Österreich? Wurde schnell genug das Richtige gemacht?
Eine Gesamtbeurteilung ist aus meiner Sicht derzeit noch nicht möglich. Wir befinden uns nach wie vor in einer Krise. Außerdem macht es wenig Sinn, die Vorgehensweisen der verschiedenen Länder miteinander zu vergleichen, weil unglaublich viele Parameter für die Krisenbewältigung ausschlaggebend sind. Neben dem Zustand des Gesundheits- und Sozialsystems spielen beispielsweise auch geopolitische Faktoren eine zentrale Rolle. Ich würde mir deshalb wünschen, dass anstatt Vergleiche zu ziehen, verstärkt darüber nachgedacht wird, wie man die gemeinsame Krisenbewältigung innerhalb der EU weiter verbessern könnte. Natürlich braucht es bei vielen Dingen eine nationale Autonomie, aber es gibt auch Punkte, die in einer Gemeinschaft einfacher zu lösen sind.

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