Der umtriebige Twitter-Blogger Suyi控 (alias Partizan_oleg) veröffentlichte am 11. April eine Analyse georeferenzierter russischer Panzerverluste auf Basis offener OSINT-Zahlen. Demnach hat die russische Armee bislang im Ukraine-Krieg 467 Panzer veloren. Angesichts der vermuteten Zahl von insgesamt 10.000 russischen Panzern erscheinen die Verluste zwar „verkraftbar” – tatsächlich sind sie das aber nicht.

Laut einer Auflistung von Oryxspioenkop hat die russische Armee bis Mitte April knapp zehn Prozent ihrer T-90A-Flotte (18 von 187 Panzern), 14,3 Prozent ihrer T-72B3/B3M-Flotte (151 von 1.054), 32,3 Prozent ihrer T-80U-Flotte (60 von 186) und 29,6 Prozent ihrer T-80BVM-Flotte (21 von 72) verloren. Zu diesen dokumentierten Zahlen kommen rund 150 bisher noch nicht einzeln (fotografisch) zuordenbare, aber festgestellte Ausfälle und vermutlich Dutzende bis Hunderte weitere, bisher nicht bestätigte Ausfälle. Damit gemeint sind übrigens nicht nur Abschüsse, sondern auch Panzer, die aufgegeben wurden, liegengeblieben sind oder auf andere Art und Weise erbeutet wurden.

Russland: Angriff einer „Bataillonskampfgruppe“

Suyi控 meint dazu: „Der Fehler des Arguments ,der Russe macht es mit der Masse’ ist, dass maximal zwei Drittel der kolportierten 10.000 Panzer tatsächlich physisch vorhanden sind und von diesen widerum viele nicht (mehr) in einem technischen Zustand sind, der einen Betrieb durch Streitkräfte zulässt oder einen Einsatz auf einem modernen Kampfplatz im Sinne der Überlebensfähigkeit ermöglicht. Dazu kommt, dass es einfach nicht genug Einheiten und Soldaten gibt, um die Fahrzeuge auch bedienen zu können.”

@Ukraine MoD
Bislang kann der Ausfall von knapp 500 russischen Panzern offiziell bestätigt werden – tatsächlich könnten die russischen Verluste sogar noch höher liegen.

Grundsätzlich können die russischen Panzer in vier Kategorien unterteilt werden:
1) Einsatzbereit im stehenden Heer, besetzt mit Vertragssoldaten
2) Operationell im stehenden Heer, besetzt mit Wehrpflichtigen
3) In Waffen- und Ausrüstungslagern gelagert, um bei Mobilisierung zu Brigaden zu werden
4) In wenigen zentralen Basien für die Lagerung von gepanzerten Fahrzeugen eingelagert, um bei Mobilisierung zu Ersatzteilspendern zu werden

Die Russen haben ein stehendes Heer von rund 250.000 Mann. Ende 2021 betrieb das stehende Heer (einschließlich VDV und Seestreitkräfte) laut ihrer eigenen Organisations- und Ausrüstungstabelle (TOE) insgesamt 2.609 einsatzbereite Panzer. Davon hat die Russische Föderation jetzt bis zu 80 Prozent mit ihren ständig verfügbaren Streitkräften in den Kampf in der Ukraine geworfen, das heißt es stehen beziehungsweise standen dort bis zu 2.100 Panzer im Einsatz.

@Cabal
Viele der auf dem Papier existierenden russischen Panzer rosten aktuell in Depots wie diesem hier vor sich hin – die Fahrzeuge wieder in Gang zu bringen ist in vielen Fällen schwierig bis unmöglich und in jedem Fall mit monatelangen Arbeiten verbunden.

Beileibe kein „Kratzer”
Betrachtet man nun auch noch den Umstand, dass russische Formationen einen hohen Prozentsatz an Wehrpflichtigen behalten (kann je nach Einheit variieren) und diese – so die mehrfach wiederholte Beteuerung Moskaus – nicht im Ausland zum Einsatz kommen dürfen, dann kann jede russische Brigade und jedes russische Regiment nur eine oder zwei anstellte von drei BTGs (BTG = Bataillonstaktische Gruppe, mit je einer Panzerkompanie) einsetzen. Dadurch reduziert sich die Zahl der insgesamt eingesetzten Panzer in der Ukraine (im besten Fall) auf 1.400 (zwei Drittel von 2.100). Setzt man nun die russischen Verluste in den knapp ersten 50 Kampftagen in Relation, dann gingen 33,35 Prozent (467 von 1.400) der eingesetzten Panzer veloren, was einem enormen Aderlass gleichkommt, wie dieser Artikel verdeutlicht und die Offensiv-Fähigkeiten der russischen Armee schon bald massiv einschränken könnte.

Fragen & Antworten zur russischen Großoffensive

Aber könnte Russland diese Abgänge nicht aus seiner immer noch riesigen Panzerreserve kompensieren? Mit viel Anstrengung wäre das durchaus denkbar – allerdings würde Moskau dabei wohl relativ schnell vor dem Problem fehlender Reservemannschaften stehen. Dazu kommt, dass der einzige und unmittelbar verfügbare Ersatz für die Front die in Russland mit Wehrpflichtigen besetzten aktiven Dienst- und Trainingspanzer sind. Auf dem Papier sind das zwar ungefähr 750 Stück. Allerdings werden davon – mit gutwilliger Schätzung – aktuell bestenfalls 90 Prozent betriebsbereit sein und von dieser Zahl sind die bereits eingesetzten BTGs – beispielsweise rund um den (nicht so) neuen Ansatz in der Ostukraine/Donbass – abzuziehen. Unter dem Strich bleiben wohl nicht mehr als 470 bis 510 Panzer, welche die russische Armee ihren BTGs nun noch real zuführen könnte, was bedeutet, dass Russland bald schon mit weniger Panzern an der Front auskommen wird müssen.

Wo sind aber nun all die auf dem Papier vorhandenen russischen Panzer? Die Antwort lautet: In den insgesamt neun Waffen- und Ausrüstungslagerbasen, von denen sich sieben in Fernost befinden. Aus jenen könnten innerhalb von drei bis sechs Monaten Motorschützenbrigaden mit Reservepersonal mobilisiert werden. Da es aber bislang keine Anzeichen für eine Mobilisierung gibt, könnten bei fortschreitendem Bedarf (je nach Länge des Konflikts) nur einzelne Panzer an die Front geschickt werden. Dies würde aber Russlands Verteidigung in seinem asiatischen Teil erheblich schwächen, zudem dürfte es gut und gerne zwei bis drei Monate dauern, um die Fahrzeuge zu „entmotten” und wieder einsatzbereit zu machen – sofern sich dafür angesichts der blühenden Korruption im Land überhaupt noch alle benötigten Teile finden lassen. Ungeachtet dessen verdichten sich die Indizien dafür, dass von den vorhandenen russischen Panzertypen wegen des Ukraine-Einsatzes Tranchen in den aktiven Dienst zurückgenommen werden. So hat beispielsweise die neu erweiterte 90. Garde-Panzerdivision in Browary kürzlich T-72A/AV aus der Zeit des Kalten Krieges (hergestellt 1981-84) zugeführt bekommen. Das hieße auch, dass – entweder von den Rest-Betriebsstunden oder vom technischen Zustand her – nicht genügend neuere Panzer (als jene) nachgeführt werden können und man auf jene A-Versionen zurückgreifen musste.

Der Rest der vermeintlichen „10.000-Panzer-Armee” liegt in wenigen „Zentralen Panzerfahrzeug-Lagerbasen” (siehe auch diesen Beitrag), wo echte Oldtimer-Panzer in großen Mengen eingemottet sind. Davon ließe sich bestimmt auch das eine oder andere Fahrzeug reaktivieren, im Kampf hätten diese aber praktisch keine Überlebenschancen. Es handelt sich dabei mehrheitlich um Muster, wie sie von Milizen und Islamisten auch in Afrika zum Einsatz kommen.

Könnte Russland seine Verluste mit neuen Panzern austocken? Die Antwort lautet kurz und knapp: Nein! Im Idealfall könnte Russland in seinen Panzerwerken bis zu 200 neue Fahrzeuge pro Jahr vom Band laufen lassen, aktuell dürfte die Produktion aufgrund des Mangels an High-tech-Teilen aber praktisch stillstehen. Zudem wären 200 neue Panzer bei Verlusten von 250 bis 300 Panzern pro Monat lediglich „ein Tropfen auf den heißen Stein”.

@Twitter
Der Infowar im Web wird aktuell auch mit jeder Menge Memes geführt. Aus westlicher Perspektive hat die Ukraine diesen Krieg längst gewonnen.

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